der arbeitsmarkt | 27.06.2012 | Text: Eliane Maggi

Spitzenathlet am Bildschirm

Kaum einer wird an den Olympischen Spielen so viele Wettkämpfe verfolgen wie Matthias Hüppi. Der Moderator bestreitet während dreier Wochen die Hauptsendung zu London am Schweizer Fernsehen. Er erzählt über seine Beziehung zu den Athleten, ehrliche Antworten und warum er sich auf die Zwölf-Stunden-Tage freut.

Herr Hüppi, sind Sie selber ein Spitzenathlet mit Ihrem enormen Arbeitspensum während Olympia?

(Schmunzelt.) Tja, Spitzenathlet, das könnte man so interpretieren. Aber für mich steht die Freude im Vordergrund, sie wiegt die vielen Stunden auf, die ich investiere. Aber es ist sicher von Vorteil, wenn man als Sportmoderator fit und topvorbereitet ist für die Olympischen Spiele. Für London moderiere ich jeden Abend «London at eight», die Hauptsendung des Olympiatages am Schweizer Fernsehen. Das bedeutet, dass ich den ganzen Tag über im Fernsehstudio vor den Monitoren Ohren und Augen offen halte, um möglichst viel vom Geschehen in London mitzukriegen.

Sehen Sie sich als Journalist dem Olympiagefolge zugehörig?

Die Medien spielen im ganzen Olympiatross eine riesige Rolle; so sollen über zehntausend Medienleute in London dabei sein. Mir ist aber klar, dass ich ein Programm für die kleine Schweiz machen werde und im ganzen Olympiabusiness ein winziges Rädchen bin. Trotzdem ist es wichtig, dass die Bilder, die Emotionen – alles, was mit dem Sport in Verbindung steht –verbreitet werden und in einem kleinen Land den gleichen Stellenwert einnehmen wie in einem grossen. Als Einzelperson bin ich unwichtig. Die Arbeit des Teams, des Senders hingegen ist bedeutend, weil wir diese Informationen den Zuschauern vermitteln.

Sehen Sie sich als Aussenseiter, weil Sie aus der Schweiz berichten?

Dadurch, dass ich nicht selber in London bin, entsteht eine gewisse Distanz. Ich habe aber so die Möglichkeit, fast alles zu verfolgen. Wenn ich dagegen für einen bestimmten Bereich vor Ort im Einsatz stand, war ich vielfach so engagiert, dass das übrige Geschehen an mir vorbeiging: An den Olympischen Winterspielen in Vancouver zum Beispiel war ich für Ski alpin zuständig, und es kam mir vor, als wäre ich an einer Skiweltmeisterschaft. Jetzt, da ich im Studio sein werde – und darauf freue ich mich auch so extrem –, bekomme ich die ganze Vielfalt der Olympischen Spiele mit. Das ist ausgesprochen attraktiv.

Als Fussballexperte haben Sie es mit den Grossverdienern unter den Spitzensportlern zu tun. Bei Olympia gibt es durchaus noch Athleten, die reine Amateure sind. Merken Sie bei Ihrer Arbeit Unterschiede?

Die gibt es, und zwar nicht in Bezug auf die Qualität der Äusserungen der Athletinnen und Athleten, sondern auf das Umfeld. Muss ich den Umweg über einen Manager oder eine Pressesprecherin des Athleten nehmen, ist die Angelegenheit komplizierter und der persönliche Kontakt weniger schnell möglich. Dafür ist das Treffen oft sehr professionell durchgestylt, und Vereinbarungen klappen ausnahmslos.

Auf der anderen Seite stehen die Athleten, die alle vier Jahre in den Mittelpunkt rücken. Besonders bei den sogenannten Randsportarten gibt es Unterschiede. Ich nehme das Beispiel eines jungen Ringers, der sich für die Olympischen Spiele qualifiziert. Bislang hatte er kaum überregionale Kontakte zu Medien, nun tritt er in eine andere Welt. Damit muss jeder erst lernen umzugehen, das alleine ist schon eine Leistung. Deshalb ist es wichtig, dass gerade Amateure gut betreut werden, damit sie nicht irgendwo «reinrasseln», weil ihnen die Routine oder das Coaching fehlen. Bei Swiss Olympic, so mein Gefühl, sind die Sportler recht gut aufgehoben.

Was glauben Sie, wie weit erhalten Sie von Spitzensportlern noch spontane und ehrliche Antworten?

Das ist auf diesem Level – wie in der Politik oder der Wirtschaft – generell die Frage. Wobei ich den Eindruck habe, dass der Sport etwas anders tickt. Ich gehe davon aus, dass ich auch von einem hochbezahlten Fussballer durchaus ehrliche Antworten erwarten kann. Mag sein, dass diese etwas geschliffener sind, weil er gecoacht wurde. Aber das ist eine normale Entwicklung. Ich bin davon überzeugt, dass ein Sportler, eine Sportlerin in der Euphorie des Sieges authentisch sind. Ich verstehe aber auch, dass man als Athlet vorsichtig agiert, wenn man negative Erfahrungen mit den Medien gemacht hat.

Inwiefern unterscheidet sich für Sie eine Olympiade von anderen Grossveranstaltungen, über die Sie berichten?

Es ist das Weltumspannende, der Blick, der über den Sport hinaus in die Welt gerichtet ist. Wenn ich beispielsweise für den Fussball tätig bin, ist der Fokus häufig auf Europa ausgerichtet. Die Olympischen Sommerspiele sind der weltgrösste Sportanlass, wahrscheinlich der grösste Anlass überhaupt, und das ist ungemein faszinierend.

Seit Los Angeles 1984 haben Sie für alle Olympischen Spiele vor Ort oder aus dem Studio gearbeitet. Stellen Sie eine Entwicklung hin zur Professionalisierung fest?

Es hat in jeglichem Bereich eine rasante Entwicklung stattgefunden, ausser dass sich die einzelnen Sportarten kaum verändert haben. Dafür sind zahlreiche neue Sportarten dazugekommen, es hat eine Öffnung stattgefunden, was meiner Meinung nach wichtig war. Zum Teil scheint mir die Veranstaltung überladen zu sein. Wie viel ist eine einzelne Medaille noch wert, und wie lange bleibt sie im Gedächtnis der Zuschauer haften? Der einzelne Medaillengewinn erscheint mir heute weniger wichtig als in den 70er- oder 80er-Jahren. Wie es der einzelne Athlet empfindet, kann ich natürlich nicht beurteilen.

Extrem verändert haben sich Menge und Geschwindigkeit der Informationen. Der Triumph, der schon vierzehn Tage später wieder überholt ist von einem anderen sportlichen Grossevent. Aber das findet in anderen Bereichen des Lebens gleichermassen statt. Ein weiterer Punkt ist die Kommerzialisierung von Olympia. Sie hat in Los Angeles 1984 angefangen, dies waren die ersten privat getragenen Spiele.

Ist der «olympische Geist» überhaupt noch zu spüren in dieser Riesenveranstaltung?

Er ist zum Beispiel dann noch zu spüren, wenn Roger Federer sagt, Olympia sei für ihn etwas ganz Spezielles, weil er die Möglichkeit habe, mit Athleten aus anderen Disziplinen zusammenzutreffen. Diese Aussage nehme ich ihm ab. Oder die Skicracks, die im Olympiadorf die gleichen Bedingungen vorfinden wie die anderen Athleten. Das hat mit dem olympischen Geist durchaus etwas zu tun. Natürlich gibt es Auswüchse, etwa was das Geld betrifft oder das Gehabe gewisser Funktionäre; beides hat aus meiner Sicht nichts mehr mit dem olympischen Geist zu tun.

Bereiten Sie sich mit Ihrem Erfahrungsschatz noch individuell vor?

Ich setze bewusst nicht auf Routine. Klar ist sie sehr nützlich: Ich kann die Aufgaben etwas gelassener angehen und lasse mich nicht so schnell aus dem Konzept bringen, wenn etwas anders läuft als geplant. Und ich hoffe, dass sie mir ermöglicht, jeweils die richtigen Schlüsse zu ziehen. Dennoch sehe ich Routine nicht als entscheidenden Faktor für meine Tätigkeit. Ich bereite mich genauso akribisch vor wie immer. Nur auf Routine zu bauen, erachte ich als erste Bewegung zum Rückschritt.

Bauen Sie eine persönliche Beziehung zu den Sportlern auf?

Die Menschen sind bei meiner Arbeit das Wichtigste. Dass ich so viel mit Athleten zu tun habe, führt zwingend dazu, dass ich sie auch kennenlernen möchte. Mich mit ihnen auseinanderzusetzen, hat auch mit Respekt zu tun. Dennoch pflege ich immer eine gewisse Distanz. Das ist wichtig, damit ich meinen Job gut ausführen kann und nicht in Abhängigkeiten gerate. Ich glaube, im Verlaufe der Zeit ein gutes Mass gefunden zu haben.

Sind Sie nach einer Veranstaltung wie Olympia ferienreif?

Schon in den Wochen vor Olympia baut sich die Spannung auf. Für London werde ich – mit dem kleinen Vorlauf von Testsendungen – drei Wochen am Stück arbeiten, durchschnittlich 12 Stunden täglich. Olympia bedeutet Volleinsatz über den gesamten Zeitraum. Danach bin ich wirklich einen Moment platt. Erfahrungsgemäss reicht die Energie immer genau so lange, bis der Event zu Ende ist. Ich hatte glücklicherweise noch nie einen Einbruch zwischendurch. Manchmal geht es danach aber gleich weiter; das Sportjahr ist nach Olympia nicht vorbei, im Gegenteil. Es gilt daher, die zur Verfügung stehende Zeit optimal zu nutzen, um die Energiereserven wieder aufzutanken.

Was war Ihr denkwürdigstes Erlebnis an Olympia?

Das ist schwierig zu beantworten. Es gibt grosse Begebenheiten, die im Fokus der Welt standen. Aber auch kleine, die vielleicht nur ich erlebt habe. Beides hat seinen Reiz. Ich hätte mehr aufschreiben müssen, ich könnte Bücher mit solchen Erlebnissen füllen. Natürlich ist jeder Schweizer Goldmedaillengewinn, unabhängig von der Disziplin, etwas Spezielles. Beim alpinen Wintersport habe ich besonders starke Erinnerungen: Pirmin Zurbriggen, Calgary 1988, das Abfahrtsrennen – diese Bilder habe ich heute noch vor Augen. Aber auch Lillehammer, in Norwegen, 1994 mit der perfekten Organisation, in diesem sportliebenden Land mit seiner wunderbaren Natur, in der ich mich ohnehin sehr wohl fühle, ist unvergesslich.

Was ist mit Pannen?

Pannen gehören beim Fernsehen zum Alltag. Trotz akribischer Vorbereitung kommt es immer wieder vor, dass etwas völlig anders läuft als geplant – zum Glück. Denn das ist auch der Reiz an meinem Beruf, dass ich dann extrem gefordert bin, um es auf die Reihe zu kriegen. Natürlich ist in solchen Fällen auch die Routine gefragt.

Der Sport besitzt eine gewisse Ambivalenz: Es gibt Höhepunkte, faszinierende Ereignisse, aber auch immer wieder Tragisches. Etwa in Verbindung mit Unfällen, mit politischen Aktionen, auch mit diesem Gigantismus, den ich nicht nur gut finde. Es ist ein unglaubliches und unvergleichbares Spannungsfeld.

Matthias Hüppi, 54, kam schon als Bub mit dem Fussball in Kontakt: Sein Vater nahm ihn und seinen Bruder in den 60er-Jahren jeweils zu den legendären Stadtderbys FC St. Gallen gegen SC Brühl mit und stellte sie auf dem Espenmoos auf eine Bockleiter, damit sie das Spiel mitbekamen. Wenig erstaunlich war Hüppis Traumberuf schon damals Sportreporter. Das ging so weit, dass er am Sonntagnachmittag nicht mit anderen Kindern spielte, sondern am Radiogerät klebte, um nichts von den Fussballübertragungen zu verpassen. Nach seinen Anfängen als Sportredaktor bei Schweizer Radio DRS wechselte er 1980 zum Schweizer Fernsehen. Von 1991 bis 1998 war er Redaktionsleiter von «Sport Aktualität». Er moderiert vor allem das «Sportpanorama» und weitere Grossanlässe, wie die Fussball-Weltmeisterschaft 2006 oder anlässlich von Peking 2008 das Olympia-Magazin für SF2. Mit Co-Kommentator Bernhard Russi berichtet er regelmässig über den alpinen Skisport. Matthias Hüppi ist verheiratet und hat drei Kinder.

 
 
 

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