der arbeitsmarkt | 06/2012 | Text: Helmo Jagusch
Professor Bernd Schips über das bedingungslose Grundeinkommen, sympathische Zeit-Tauschkreise, protektionistische Regiogelder und funktionierende Genossenschaften.
Wir leben in einer wachstumsorientierten Gesellschaft. Trotzdem ist heutzutage das Wachstumsstreben bei vielen verpönt. Warum?
Es ist in Misskredit gefallen, weil mit dem Wachstum des Bruttoinlandprodukts, BIP, meist auch die Umwelt überstrapaziert, zerstört und endliche Ressourcen vernichtet werden. Was in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg noch toleriert wurde – denken Sie an die Emissionen des Kohlebergbaus oder der Stahlindustrie –, wurde mit dem Bewusstwerden der Erdölverknappung in den Siebzigerjahren immer verpönter. Auch eine Dienstleistungsgesellschaft ist vor übermässigem Ressourcenverbrauch nicht gefeit, zum Beispiel wenn wir die Mobilität erhöhen oder wenn wir, um eine Dienstleistung zu erbringen, immer mehr Strom benötigen. Doch ein Wachstum bei gleichzeitig rückläufigem Ressourceneinsatz und abnehmender Umweltzerstörung ist durchaus vorstellbar. Auf dem Markt sind bereits ressourcenschonende Produkte verfügbar.
Menschen suchen in Wirtschaftskrisen nach alternativen Organisationsformen. Um das Wachstum im eigenen Land zu halten oder in der eigenen Region zu konzentrieren, haben wir Schweizer alternative Zahlungsmittel erfunden, wie WIR oder Reka-Checks. Macht ein eigener Geldkreislauf Sinn?
Eigentlich nicht. Mit diesen Alternativwährungen will man eine Beschränkung des Marktzutritts und damit einen Protektionismus generieren. Doch Marktzutrittsbeschränkungen sind problematisch. Ein Waren- und Dienstleistungsaustausch mit angrenzenden Märkten ist dann nur noch mit gesonderten Handelsabkommen realisierbar. Das bedeutet wiederum, dass nicht jeder diesen Handelsringen beitreten möchte, da er die jeweilige Währung nicht oder nur mit grösseren Hindernissen wieder in Umlauf bringen kann. Es ist zwar begreiflich, dass solche Währungen aus wirtschaftlicher Not heraus erfunden werden. Doch dies ist ein Rückschritt in den Naturaltausch.
Wie müsste man eine Währung wie WIR organisieren, damit sie auf dem Schweizer Markt durchdringender und flächenumfassender akzeptiert würde?
Eine höhere Akzeptanz und Nutzung können Sie nicht schaffen, denn dann hätten wir wieder das Geld – und das haben wir bereits in Form des Schweizer Frankens. Der Franken ist ein offizielles Zahlungsmittel, hat eine national und international anerkannte Tauschfunktion, und solange die Inflation sich in Grenzen hält, erfüllt es auch die Funktion als Wertaufbewahrungsmittel. Der WIR, wie auch alle anderen Alternativwährungen, ist ein von Idealen geprägter Wirtschaftskreis, bei dem sich viele Benutzer vermutlich nicht einmal bewusst sind, dass sie dabei einem marktbeschränkenden Protektionismus unterliegen.
In der Schweiz gibt es derzeit 38 Tauschkreise. Im krisengeplagten Griechenland boomen sie. Hierbei wird für geleistete Arbeit ohne Geld Zeit gutgeschrieben, die wiederum gegen Arbeit einzutauschen ist. Was halten Sie von dieser Organisationsform?
Diese sind ebenfalls von Idealen geprägte Organisationsformen. Beispielsweise gibt es Projekte, bei denen rüstige Rentner weniger rüstigen Rentnern helfen und dafür eine Zeitgutschrift erhalten, die sie ihrerseits einige Jahre später einlösen können, wenn sie selbst nicht mehr so rüstig sind und Hilfe brauchen. Das setzt aber voraus, dass dann genügend Helfer da sind, die gewillt sind, zu helfen, obwohl sie dafür «nur ein Zeitguthaben» erhalten.
Oder jetzt in Griechenland. Dort gibt es Tauschgebote wie: «Suche Taxifahrt – biete Dachrinne» oder «Können Sie mir mal den Rasen mähen? Ich biete dafür ein Mittagessen». Das ist in einer Notlage zwar schön und gut – aber auch sehr problematisch. Ein Bäcker kann zwar seine Brötchen noch gut gegen ein paar Würstchen oder ein Paar Schuhe tauschen. Doch ein Ökonomieprofessor dürfte grosse Probleme haben, seine Vorlesung in Makroökonomie gegen ein Brötchen vom Bäcker einzutauschen. Diese Tatsache schränkt einen Tauschmarkt enorm ein – auch geografisch. Denn ein Arbeiter wird für seine Arbeit in Athen wohl kaum eine Gegenleistung aus Thessaloniki erhalten wollen. Genau deswegen wurde einst als Tauschmittel das Geld erfunden. Tauschkreise sind und bleiben bestenfalls eine sympathische Nachbarschaftshilfe. Hier in St. Gallen gibt es beispielsweise einen solchen Tauschkreis. Eine ältere Nachbarin von uns macht dort mit. Sie ist eine gute Schwimmerin und bringt diese Fähigkeiten kleinen Kindern bei. Im Gegenzug erhält sie dafür Einkaufshilfen, weil sie nicht mehr gut sieht. Dieser Tausch ist von positivem Idealismus geprägt; das finde ich toll.
Ist das Aufkommen von Tauschkreisen eine Art «Revolution des kleinen Mannes», um den Wert seiner Arbeit wiederherzustellen?
Nein. Gerade die viel verschmähte Globalisierung trug zu einer Aufwertung der Arbeit bei. Die Firmen delegieren immer mehr Verantwortung in die Hände der Arbeitnehmenden. Dies erhöht zwar die Anforderungen an eine Arbeit, erhöht aber gleichzeitig die Chancen, sich auf dem Markt besser zu behaupten. Dadurch nimmt die Wertschöpfung der eigenen Arbeit zu. Und so gesehen sind qualifizierte Arbeitskräfte heute in einer besseren Situation als noch vor einigen Jahrzehnten. Dies bedingt aber, dass jeder einzelne Arbeitnehmer durch Wissensaneignung am Ball bleibt. Das lebenslange Lernen wird Tatsache. Allerdings langsamer als erwartet, denn viele Unternehmen sagen sich noch immer: «Der ist schon über fünfzig, den schicken wir in keine Weiterbildung mehr.»
Trotzdem bewerten Tauschkreise Arbeit neu. 60 Minuten Putzen gegen 60 Minuten Rechtsberatung.
Durchaus. Allerdings ist das eine sehr subjektive Neubewertung. Denn es sind die Gründer dieser Tauschplattformen, die in ihrem selbsternannten Regelwerk entscheiden, wie viel von welcher Arbeit wie viel wert ist. Sie bestimmen, ob ein gemähter Rasen ein oder zwei Mittagessen wert ist oder ob 60 Minuten Rechtsberatung ein oder zwei Stunden Reinigungsarbeit aufwiegen.
Selbst in Tauschbörsen, bei denen die Mitglieder vor Arbeitsbeginn aushandeln, wie viel welche Arbeit wert ist, sind diese Vereinbarungen sehr subjektiv. Denn der regulierende freie Markt und damit der freie Handel werden aus diesen Tauschbörsen ausgeschlossen.
Neuer MassstabUm das Wachstum beziehungsweise den Wohlstand einer Volkswirtschaft zu messen, wurden bisher das BIP und das BNE herangezogen. BIP Das Bruttoinlandprodukt gibt den Gesamtwert aller Waren, Güter und Dienstleistungen an, die innerhalb eines Landes und innerhalb einer Periode (Quartal oder Jahr) hergestellt wurden – bewertet zu Marktpreisen. BNE Das Bruttonationaleinkommen berücksichtigt auch den Saldo aus den Arbeits- und Kapitaleinkommen der Inländer aus dem Ausland sowie der Ausländer aus dem Inland. Your-Better-Life-Index Wichtige Einflussfaktoren wie Lebensqualität, Gesundheitszustand oder Umweltqualität fehlen bei der konventionellen Messmethode. Deshalb schuf die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Jahr 2011 ein zusätzliches Frühwarn- und Prognosesystem, das die Wohlfahrt berücksichtigt, den Your-Better-Life-Index. Jede Person kann sich durch Aussagen über ihr eigenes Befinden aktiv an diesem internetbasierten Index beteiligen (http://oecdbetterlifeindex.org). |
Wirtschaftskrisen verunsichern unsere Gesellschaft. Bringt uns das bedingungslose Grundeinkommen weiter?
Sicher nicht. Diese Wirtschaftsmodelle basieren darauf, die Existenzängste zu eliminieren. Doch all diese Modelle haben bisher in keinem Land überzeugt. Natürlich bestehen für gewisse Gruppen reale Existenzängste; auch hier in der Schweiz. Diese werden sich auch weiter mehren, weil nur schon durch die globale demografische Entwicklung weniger qualifizierte Arbeitskräfte in unserem Land tendenziell Mühe haben werden, eine Stelle zu finden. Zum Beispiel gelangen durch die Zuwanderung immer mehr qualifizierte Arbeitskräfte auf den Schweizer Arbeitsmarkt. Gleichzeitig erledigen bevölkerungsreiche Staaten wie zum Beispiel China oder Vietnam die arbeitsintensiven Teile der Produktion für die Unternehmen in der Schweiz. Dies trifft vor allem die weniger qualifizierten Arbeitskräfte, die es künftig noch schwerer haben werden, gut bezahlte Arbeit zu finden. Um da Gegensteuer zu geben, hilft nur, die weniger gut qualifizierten Arbeitskräfte weiter auszubilden. Gut qualifizierte Arbeitskräfte werden in der Schweiz auch in Zukunft gefragt sein.
Sehen Sie unsere soziale Volkswirtschaft in Gefahr?
Unser soziales Netz ist auf «Normal-Arbeitsverhältnisse» ausgerichtet. Viele Menschen arbeiten, solange sie im erwerbsfähigen Alter sind, einige sind jedoch zeitweise erwerbslos und gelangen erst nach einiger Zeit wieder auf den Arbeitsmarkt. Sorgen machen mir diesbezüglich Jugendliche und junge Erwachsene, die ohne abgeschlossene Berufslehre dastehen – und das sind nicht wenige. Sie sind häufig zeitweise arbeitslos und haben dadurch nur eine unvollständige Erwerbskarriere. Diese Menschen fragen sich dann zu Recht: «Was passiert mit uns im Alter?», denn die AHV wird nicht reichen, die BV, also die zweite Säule, ist – wenn überhaupt vorhanden – nur unvollständig, und von der dritten Säule reden wir dabei schon gar nicht. Sie werden daher auf Sozialhilfe angewiesen sein.
Gibt es noch weitere Personengruppen, die es Ihrer Ansicht nach schwer haben werden?
Alleinerziehende, meistens Mütter, aufgrund der gebrochenen Erwerbskarrieren. Und dann haben wir noch eine dritte Gruppe, die nicht erzwungenermassen in einen Erwerbsverzicht geraten ist. Menschen also, die freiwillig nur einer 50-, 60- oder 80-prozentigen Tätigkeit nachgehen. Auch die müssen sich ernsthaft fragen, ob ihre Altersvorsorge für die weiteren Lebensjahre ausreicht.
Niedrigqualifizierte kommen zunehmend unter die Räder. Sie finden kaum Arbeit oder müssen diese für weniger Lohn leisten. Ist die Globalisierung schuld am Wertezerfall von Arbeit?
Nur bedingt. Viele Berufsgruppen haben es schlicht selbst nicht verstanden, sich ihr zunehmendes technisches und fingerfertiges Können gewinnbringend entlöhnen zu lassen. Zum Beispiel Ihr Beruf als Journalist: Früher gab ein Journalist einen handschriftlichen Text ab, dieser ging zum Redaktor, dann zum Korrektor, dann zum Schriftsetzer, dann in die Druckerei. Heute liefert ein Journalist einen druckfertigen Text inklusive Titel und Lead, ohne dafür die eingesparten Arbeitsgänge auf seinem Lohnkonto zu sehen. Zum anderen ist für den Wertezerfall auch die Attraktivität des Berufes und somit das Überangebot an Journalisten schuld. Auch der Online-Journalismus wird beliebter, was zunehmend die «Digital Natives» in den Markt drängen lässt. Es sind also viele Faktoren, die sich auf einen Lohn auswirken.
Einzelkämpfer und Kleinfirmen, die um ihren Lohn oder um ihre Aufträge fürchten, haben es zunehmend schwer. Sind gemeinschaftliche Korporationen oder Genossenschaften ein Weg aus der Misere?
Korporationen sicherlich nicht, weil sie zu lokal begrenzt sind. Besser etabliert haben sich die Genossenschaften. Zum Beispiel Raiffeisen, Migros oder die Konsumgenossenschaft Coop: Diese wurden regional gegründet, regional organisiert und regional bewirtschaftet. Später entdeckten sie, dass sich gewisse Dinge überregional erledigen liessen, wie der Einkauf oder das Backoffice. Ausserdem können Genossenschafter aus anderen Regionen stammen. So kann ein Genfer einen Anteilschein von der Raiffeisenbank in St. Gallen kaufen und dessen Erträge auf seinem Raiffeisenkonto in Genf verwalten. Genossenschaften sind wie Korporationen eine «Hilfe zur Selbsthilfe», sie werden in der Schweiz auch künftig funktionieren.
In Griechenland greift die Bevölkerung auf die Selbstversorgung zurück. Sie bewirtschaftet immer mehr Schrebergärten, gründet Kleinfirmen. Ist dies ein Rückschritt oder Fortschritt?
Zuerst muss man festhalten, wie Griechenland in seine Misere geraten ist. Es hat nicht nur über seine Verhältnisse gelebt, sondern auch nicht in seine Zukunft investiert, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Und jetzt kommt die grosse Ernüchterung für die Bevölkerung, dass in Griechenland weder Arbeitsmöglichkeiten noch billige Kredite verfügbar sind. Also zurück zu den Wurzeln, zur Bescheidenheit und Selbständigkeit. Ich finde dies durchaus positiv, dass nun Menschen ihre Ärmel hochkrempeln, aus ihrem Garten eine kleine Gärtnerei gestalten und sich sagen: «Was ich nicht selber benötige, tausche oder verkaufe ich.» Dieses vernünftige Verhalten wurde auch in anderen Ländern beobachtet, wie in Deutschland nach dem Krieg, als in jedem Garten ein Kartoffelacker angelegt war, später ein, zwei Hilfskräfte hinzukamen, bis langsam und mit beginnendem Wachstum das zerstörte Deutschland wieder aufgestanden ist. Das hatte zwar eine andere Ursache als in Griechenland – aber die gleichen Auswirkungen. Und es ist der bessere Weg aus einer Krise, wenn die Bevölkerung merkt, dass nur derjenige etwas erhält, der dafür etwas tut.
Könnte die Schweiz in eine solche Lage geraten?
In der Schweiz gibt es dafür keinen ernst zu nehmenden Anlass. Die Schweiz und Griechenland sind völlig unterschiedliche Volkswirtschaften. Natürlich gibt es auch hier einige Fehlentwicklungen, die wir im Auge behalten müssen, wie beispielsweise den Steuerwettbewerb. Dieser hat einerseits dazu geführt, dass wir an vielen Orten tiefere Steuern bezahlen müssen, gleichzeitig aber irgendwelche Gebühren oder Abgaben erhöht worden sind. Und diese treffen die kleineren Einkommen ungleich härter als die höheren. Doch die Stimmbürger erkennen solche fehlbaren Ansätze und geben Gegensteuer. Sogar die kantonalen Finanzdirektoren haben eingesehen, dass sie hier eine gewisse Barriere etablieren müssen. Bevor sich in unserer Volkswirtschaft Schweiz ein fehlbares Verhalten ernsthaft auswirkt, kommt das proaktive Regulativ in Form von Initiativen und Volksabstimmungen. Und dass die Schweizer Stimmbürger mündig sind, haben sie in den vergangenen Jahren immer wieder durch beeindruckende Abstimmungsergebnisse bewiesen.
| Bernd Schips wurde 1939 in Stuttgart geboren. Mit der Dissertation «Zur Theorie des optimalen Wachstums» promovierte er an der Ruhr-Universität in Bochum. Bernd Schips war unter anderem Professor für Nationalökonomie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und leitete bis 2005 die Konjunkturforschungsstelle (KOF). Heute arbeitet Bernd Schips als Forschungsdozent an der Fachhochschule St. Gallen. Er lebt mit seiner Frau in St. Gallen und zählt als Hobby seinen Beruf: «Es ist pure Lebensqualität, wenn man für Dinge, die einem Spass machen, noch gut bezahlt wird.» |