der arbeitsmarkt | 12/2011 | Text: Stefan Feuerstein, Franziska Forter, Thomas Kümin

«Eine Handvoll Rentner»

Nur selten beschäftigen Schweizer Unternehmen und Institutionen ihre Mitarbeitenden im Pensionsalter weiter. Trotz Fachkräftemangel sind sie wenig gesucht. Wenn doch, handelt es sich um befristete oder projektbezogene Anstellungen, wie unsere Befragung zeigt.

 

Nestlé Schweiz AG, rund 2600 Mitarbeitende

«Abgänge führen nicht zu einem Verlust an Know-how»

 «In sehr seltenen Fällen werden Mitarbeitende in beratender oder unterstützender Funktion in einem Teilpensum und für eine begrenzte Zeit weiterbeschäftigt. Bei diesen wenigen als Consultants tätigen Personen geht es vor allem um die Beziehungen und das Netzwerk, das sie aufgebaut haben. Bei Nestlé ist es keine Seltenheit, dass ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin die ganze Karriere bei der Firma verbringt – in verschiedenen Departementen und Ländern. Durch die relativ hohe Rotation innerhalb der Firma ist man sich bei Nestlé Abgänge – sei es durch interne Wechsel oder Pensionierungen – gewohnt, was aber nicht zu einem Verlust an Know-how und Kompetenzen führt. Es kommt häufig vor, dass Mitarbeitende nach vielen Jahren bei Nestlé auf eigenen Wunsch in den frühzeitigen, wortwörtlich wohlverdienten Ruhestand treten.» Philippe Aeschlimann, Corporate Communications         


IBM Schweiz AG, IBM veröffentlicht keine länderspezifischen Mitarbeiterzahlen

«Erfahrung bei komplexen Projekten geschätzt»

 «Derzeit beschäftigt IBM Schweiz einige wenige Mitarbeitende, die das Pensionsalter überschritten haben. Dabei handelt es sich um eine Handvoll Personen, die von sich aus als Freelancer in Projekten weiterarbeiten oder diese noch zu Ende führen. Das beschränkt sich nicht auf eine spezifische Berufsgattung oder Hierarchiestufe. Diese sehr erfahrenen Mitarbeitenden sind für komplexe Projekte äusserst wertvoll. IBM ist ein global integriertes Unternehmen, und man arbeitet oft in weltweit zusammengesetzten Teams – der Arbeitsort spielt keine grosse Rolle. Aufgrund dieser länderübergreifenden Zusammenarbeit ist es auch schwierig, die Anzahl der weiterbeschäftigten Mitarbeitenden zu beziffern.» Stephen Funk, Media Relations            


Erziehungsdirektion des Kantons Bern, rund 16 000 Lehrpersonen

«In Einzelfällen wären Personen über 70 nötig»

 «Auf Stufe Volksschule und Kindergarten unterrichten im Kanton Bern rund 12 380 Personen, davon haben 13 Männer und 6 Frauen das Pensionsalter überschritten. Auf der Sekundarstufe II unterrichten rund 3670 Personen, davon 14 Männer und eine Frau über dem Pensionsalter. Bei diesen Stellen handelt es sich um Stellvertretungen oder zeitlich befristete Engagements, die jeweils semesterweise verlängert werden können. In welchen Bereichen diese Personen beschäftigt sind, haben wir nicht erfasst. Der Kanton Bern betreibt zurzeit keinen zusätzlichen Effort, um mehr Pensionierte weiterzubeschäftigen. Es ist den einzelnen Schulen überlassen, bei erschwerter Stellenbesetzung auch Pensionierte anzufragen. Die Anzahl Pensionierter im Schuldienst ist jedoch sehr gering und hat sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert. Die Altersgrenze liegt bei 70 Jahren, das entspricht der Regelung für das Kantonspersonal – eine Verlängerung ist ausgeschlossen. Zurzeit wird eine Lockerung dieser gesetzlichen Bestimmungen geprüft, da es in Einzelfällen nötig wäre, Personen auch nach dem 70. Altersjahr weiterzubeschäftigen.» Barbara Wenger, stellvertretende Leiterin Personalmanagement         


ABB Schweiz AG, 6200 Angestellte

«Gedanke, länger zu arbeiten, ist vielen fremd»

 «Eine Weiterbeschäftigung bis zum 70. Altersjahr ist bei uns möglich. Bislang arbeiten erst wenige Pensionäre weiter. Über eine genaue Zahl verfügen wir nicht, es sind schätzungsweise eine bis zwei Handvoll. Wir stellen fest, dass bisher erst wenige den Wunsch verspüren, nach der Pensionierung weiter für das Unternehmen tätig zu sein. Die angehenden Rentnerinnen und Rentner sind in den späten 1940er- Jahren geboren und gehören zu einer Generation, die den Ruhestand bewusst antritt. Der Gedanke, länger als bis zur Altersgrenze 63 oder 65 Jahre beschäftigt zu sein, ist den meisten fremd. Kommt es zu einer Weiterbeschäftigung, sind es meist Mitarbeitende, die auf Teilzeitbasis für den Unterhalt eines Produktes beigezogen werden, das heute nicht mehr produziert wird. Bei einer Lebensdauer vieler unserer Produkte von 30 bis 40 Jahren sind diese noch in vielen Anlagen rund um den Globus im Einsatz.» Lukas Inderfurth, Leiter Medienstelle ABB Schweiz         


Bundesverwaltung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, 37 000 Mitarbeiter

«Nahtlosen Abschluss von Projekten ermöglichen»

 «Wir haben 90 pensionierte Mitarbeitende, meist Männer. Mit der Weiterbeschäftigung über das Pensionsalter hinaus geht es uns darum, wichtiges Wissen und Erfahrung möglichst lange zu erhalten und den nahtlosen Abschluss von Projekten zu ermöglichen. Zudem ist dieses Anstellungsmodell eine Antwort auf die Herausforderungen des demografischen Wandels auf dem Arbeitsmarkt. Die Mitarbeitenden können beispielsweise den Beschäftigungsgrad reduzieren und den bisherigen Vorsorgeschutz auf eigene Kosten beibehalten oder schrittweise in Pension gehen, indem sie eine Teilaltersrente beziehen. Für den Wissenstransfer bietet die Bundesverwaltung seit einiger Zeit spezifische Ausbildungen an. Zudem bestehen bundesintern Plattformen für den Austausch von Erfahrungen mit verschiedenen Projekten. Die Teilpensionierung ermöglicht die parallele Beschäftigung der ausscheidenden und der nachfolgenden Person.» Anand Jagtap, Leiter Stab und Kommunikation        


Tamedia, 2660 Festangestellte (plus 3840 freie Mitarbeitende)

«Ausreichend Junge, um freie Stellen zu besetzen»

«Aufgrund unserer Unternehmensstruktur mit zahlreichen Mitarbeitenden, die nicht in einem festen Arbeitsverhältnis stehen, sind Aussagen in Bezug auf ihr Alter schwierig. In unserem Druckzentrum kommt es jedoch immer wieder vor, dass Mitarbeitende über das ordentliche Pensionsalter hinweg angestellt bleiben – meist bis circa 70. Derzeit sind es 11 pensionierte Festangestellte, davon 5 Frauen. Da jedoch viele ihren verdienten Ruhestand antreten wollen und es genügend junge Leute gibt, um die Stellen zu besetzen, sind bei Tamedia wenige Pensionäre im Einsatz.»  Jaqueline Wüthrich, Leiterin Personal-Management         


Katholische und Evangelische Landeskirche der Schweiz, keine Angaben zur Anzahl Beschäftigter

«Oft bis weit ins Pensionsalter tätig»

 «Bei den beiden Landeskirchen gibt es keine detaillierten Angaben darüber, wie viele Personen sie beschäftigen. Dies hängt in erster Linie mit der stark föderalen Struktur der Kirche in der Schweiz zusammen. Jede Diözese und jeder Kanton kennt andere Regeln. In den meisten deutschsprachigen Kantonen sind die Hauptarbeitgeber der kirchlichen Mitarbeitenden die Kirchgemeinden. Daneben gibt es allerdings viele weitere Anstellungsträger wie kantonalkirchliche Behörden, Fachstellen und Klöster. Eine kürzlich erschienene Untersuchung des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts befasste sich mit der Frage nach der Altersstruktur der hauptamtlichen Seelsorgenden der katholischen Kirche. Insbesondere Priester sind oft bis weit ins Pensionsalter hinein tätig. Dies unter anderem wegen des fehlenden Nachwuchses, hauptsächlich jedoch, da man Priester nicht bis zum Pensionsalter, sondern bis zum Tod ist. Es ist daher für viele Priester eine Selbstverständlichkeit und Teil ihrer Berufung, priesterliche Dienste auch nach dem (staatlichen) Pensionsalter zu leisten.»  Roger Husistein, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts             


Die Schweizerische Post, 53 000 Angestellte (45 000 Vollzeitstellen)

«Der Grossteil der pensionierten Mitarbeitenden in der Frühzustellung tätig»

 «Wir haben 713 pensionierte Mitarbeitende, davon 258 Frauen. Der weitaus grösste Teil ist in Kleinstpensen in der Frühzustellung von Zeitungen für Presto tätig. Die Presto Presse-Vertriebs AG ist eine Konzerngesellschaft der Schweizerischen Post. Dieser Teilzeitjob eignet sich gut für pensionierte Angestellte, die Zeit haben, gerne frühmorgens aufstehen und sich ein kleines Zubrot verdienen wollen. Vereinzelt gibt es auch eine Weiterbeschäftigung für qualifizierte pensionierte Mitarbeitende. Bei ihnen steht ein gezielter Know-how-Transfer im Vordergrund, zum Beispiel bei Projekten, die sich über das AHV-Alter der projektverantwortlichen Person hinweg ziehen. Unsere Altersgrenze entspricht zwar grundsätzlich dem ordentlichen AHV-Alter, ein pensionierter Mitarbeiter kann jedoch bei Bedarf des Unternehmens vereinbaren, über dieses Alter hinweg zu arbeiten – wie lange, ist individuell zu vereinbaren.» Andreas Guler, Leiter Kommunikation Personal     


Schweizerische Bundesbahnen SBB, 28 142 Vollzeitstellen

«Altersobergrenze haben wir nicht»

«Bei der SBB sind grundsätzlich alle Arbeitspositionen nach der Pensionierung möglich. Aktuell haben wir 49 pensionierte Mitarbeitende, davon 3 Frauen. Vom Hausangestellten in der Reinigung über die Reiseleiterin bis hin zum Lokomotivführer und Projektleiter decken sie verschiedene Funktionen ab. Die SBB verfügt über eine Beratergruppe, die vor der Pensionierung stehende Topleute aufnimmt, um den Wissenstransfer zu jüngeren Kadern sicherzustellen. Wir schätzen unsere pensionierten Mitarbeitenden, weil ihre langjährige Management- und Bahnerfahrung im Unternehmen bleibt und sie ihre Einsatzzeiten und Arbeitspensen flexibel gestalten können. Eine Altersobergrenze haben wir nicht, die wiederbeschäftigten Rentner sind zwischen 62 und 74 Jahre alt. Das Beschäftigungsmodell soll weiter ausgebaut werden. Zurzeit prüft die SBB, ob eine Einführung von flexiblen Pensionierungsmodellen möglich ist.» Reto Kormann, Konzernmediensprecher SBB

 
 
 

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