der arbeitsmarkt | 12/2011 | Text: Paola Pitton

Wohlverdiente Berufstätigkeit

Meine Nachbarin kehrt oft erst am späteren Abend von der Arbeit zurück. In ihrer Zürcher Praxis für Akupunkturmassage arbeitet sie rund 35 Stunden pro Woche. Im April wird sie 70 Jahre alt. Sie gehört damit zur stattlichen Zahl Berufstätiger im Rentenalter: Knapp 7 Prozent aller Frauen und gut 14 Prozent der Männer gehen hierzulande nicht mit 64 beziehungsweise 65 in den Ruhestand – Tendenz steigend.

Meine Nachbarin entspricht der durchschnittlichen arbeitstätigen Rentnerin gemäss Bundesamt für Statistik. Diese ist hochqualifiziert, Schweizer Staatsbürgerin, wohnt in einer Deutschschweizer Grossregion und hat eine 80-Prozent-Stelle. Berufstätige Rentner sind zu rund 50 Prozent tätig.

Warum Menschen im Pensionsalter weiterarbeiten, zeigen drei Porträts in diesem Fokus. Oft spielen mehrere Gründe zusammen, wie bei der Akupunkturtherapeutin. Zu Beginn arbeitete sie vor allem aus finanzieller Notwendigkeit weiter. Heute schafft sie, weil ihr Fachwissen und ihre Erfahrung bei den Klienten gefragt sind, und aus Freude am Beruf.

In der Schweiz sind doppelt so viele Pensionierte auf dem Arbeitsmarkt als in der Europäischen Union. Dennoch erstaunt, wie wenig hiesige Unternehmen dieses Potenzial nutzen. Das zeigt unsere Umfrage unter Firmen und Institutionen. Dabei würden viele Pensionäre den vermeintlich wohlverdienten Ruhestand gerne mit einer angemessenen Weiterbeschäftigung tauschen – sofern sie gesund sind und eine interessante Tätigkeit ausüben, wie Altersforscher François Höpfliger im Interview erklärt.

Das Dienstleistungsland Schweiz kann nicht länger auf ältere Arbeitnehmende verzichten. Schon heute fehlen zigtausend Fachkräfte, und das Problem wird sich verschärfen. Das sagt das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement, das im Mai eine Fachkräfteinitiative lanciert hat. Ein Kapitel des Grundlagenberichts vom September gilt den Senioren: Um sie im Arbeitsmarkt zu halten, müsse langfristig in ihre Gesundheit investiert werden. Aber auch die nicht formell erworbenen Kompetenzen älterer Mitarbeitenden – also etwa ihre langjährige Erfahrung – sollen anerkannt und bewahrt werden.

Das wird nicht gehen, ohne die Arbeitgeber in die Pflicht zu nehmen. Sie müssen bereit sein, auf ihre älteren Arbeitnehmenden einzugehen. Mit einem passenden Arbeitspensum und angemessener Belastung sowie mit bezahlten Weiterbildungen und Umschulungslehrgängen.

Meine Nachbarin war übrigens im November für zweieinhalb Wochen in Thailand. Die Hälfte der Zeit investierte sie in Weiterbildung – auf eigene Rechnung.

 
 
 

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