der arbeitsmarkt | 12/2011 | Text: Stefan Feuerstein
Mein Tag als Geschäftsleiter einer schweizerischen Schwulenorganisation
Mein Tag beginnt morgens jeweils um sechs Uhr. Gleich nach dem Aufstehen bereite ich mich mit Meditieren, Yoga und Schwimmen auf die Aufgaben des Tages vor. Meinen Ausgleich zur Arbeit finde ich also bereits frühmorgens.
Um neun Uhr starte ich im Berner Büro von Pink Cross, dem Dachverband der schwulen Männer in der Schweiz. Meine Aufgaben sind sehr vielfältig und ergeben sich häufig durch aktuelle Geschehnisse. Im Vorfeld der Herbstwahlen machten Gespräche mit Politikern einen Grossteil meines täglichen Programms aus. Ich gehe im Bundeshaus ein und aus und versuche, die Leute, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, von den Anliegen der schwulen Gemeinschaft zu überzeugen. Aktuell wollen wir beispielsweise 15 Gesetzesartikel ändern und damit gegen die noch immer anhaltende Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung vorgehen. Daneben engagieren wir uns für das Adoptionsrecht von Homosexuellen; über 30 000 Kinder leben heute in der Schweiz in Regenbogenfamilien mit gleichgeschlechtlichen Eltern, die sich jedoch aufgrund der rechtlichen Lage in einer Grauzone befinden. Die Unterhaltungen mit Politikerinnen und Politikern verlaufen meist recht gut, das Interesse für unsere Anliegen ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen – trotzdem herrscht weiterhin Handlungsbedarf.
Neben Lobbying bei Politikern beraten wir, mein Assistent Olivier und ich, homosexuelle Männer in allen möglichen Lebenssituationen. Während meiner drei Jahre bei Pink Cross konnten wir das Büro als Anlaufstelle bekannt machen: beispielsweise bei Rechtsfragen zum Partnerschaftsgesetz oder im Zusammenhang mit Diskriminierung am Arbeitsplatz. Pink Cross ist bei Fragen mit Bezug auf Homosexualität auch Ansprechpartner der Medien.
Beruflich bin ich oft unterwegs, sowohl im In- als auch im Ausland. Fast täglich stehen Termine in Zürich oder Lausanne an, häufig besuche ich Regionalgruppen in der Schweiz oder trete als Repräsentant unserer Organisation im Ausland auf, wie etwa bei der Europride, die dieses Jahr in Rom stattfand.
Bin ich in meiner Funktion im Ausland unterwegs, fällt mir immer wieder auf, wie gut es Homosexuelle in der Schweiz haben. Andererseits werden Vereinigungen von Schwulen beispielsweise in Deutschland finanziell vom Staat unterstützt. Pink Cross finanziert sich demgegenüber bloss durch Mitgliederbeiträge und Sponsoring – trotz mehrerer Anfragen erhalten wir keine staatlichen Gelder. Dies hat unter anderem zur Folge, dass die Konferenz der ILGA (Internationale Lesben- und Schwulenorganisation) 2012 aus finanziellen Gründen nicht wie gewünscht in der Schweiz abgehalten werden kann.
Unser internationales Engagement geht noch weiter. Immer noch werden Homosexuelle in zahlreichen Ländern mit dem Tod bestraft. Gemeinsam mit ILGA Europe und Queeramnesty (Amnesty International im Einsatz für Lesben, Schwule und Transgender) intervenieren wir, indem wir zum Beispiel Botschafter anrufen und sie, wenn möglich, persönlich treffen. Obwohl die Arbeit für die Anliegen Homosexueller im Gegensatz zu früher einen sehr politischen Charakter hat, gehen wir zur Not auch heute für unsere Rechte auf die Strasse.
Aufgrund meiner Coaching-Ausbildung kam eine neue Aufgabe zu meinen bisherigen dazu. Ich traf ein Abkommen mit der Gemeindeverwaltung Köniz BE. Seither unterstütze ich Sozialhilfeempfänger bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Bisher machten wir sehr gute Erfahrungen und konnten einige Erfolge verzeichnen. Die sexuelle Orientierung spielt dabei keine Rolle. Dafür setzten sich im Rahmen dieses Abkommens schon einige Heterosexuelle für die Anliegen von Pink Cross ein – dies mit viel Engagement und Motivation.
Nach einem abwechslungsreichen Tag treffe ich mich abends häufig mit unseren Fachgruppen, die sich auf Themen wie Politik, Bildung oder Gesundheit konzentrieren. Dabei besprechen wir unsere Aktivitäten und wo weiterer Handlungsbedarf besteht. Wie bei vielen anderen Gruppierungen ist leider auch bei Pink Cross spürbar, dass das Interesse an ehrenamtlichen Engagements schwindet.
Meist komme ich abends zwischen 23 und 24 Uhr nach Hause. Nach dem Ende meines Arbeitstages bleibt also nicht mehr viel Zeit für mich.