der arbeitsmarkt | 12/2011 | Text: Peter Jeck

«Ethische Standards müssen verpflichtend sein»

In der Wirtschaftswelt setzt sich immer mehr die Einsicht durch, dass Unternehmen eine gesellschaftliche Verantwortung tragen. Doch Unternehmensverantwortung auf freiwilliger Basis genüge nicht, sagt der Ethiker Thomas Gröbly. Die Standards müssen auch einklagbar sein, damit sie sich durchsetzen können.

Herr Gröbly, geben Sie uns einen Begriff davon, was wir unter «Corporate Justice» verstehen müssen.

Thomas Gröbly: Corporate Justice (CJ) ist die Weiterführung und Radikalisierung des Konzeptes der Corporate Social Responsibility (CSR). CSR meint die soziale Verantwortung eines Unternehmens. Sie strebt den verantwortungsvollen Umgang mit Umweltressourcen und die Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft an. Konkret bedeutet CSR: Das Unternehmen geht mit seinen Mitarbeitenden anständig um, es informiert sie so, dass sie wissen, woran sie sind. Es schliesst mit seinen Zulieferern Verträge und Einkäufe ab, die ihnen das Überleben sichern. Es drückt also nicht ständig auf den Preis, sodass eine Firma im Extremfall in Konkurs geht oder ihrerseits den Druck auf die Mitarbeitenden abwälzt.

Können Sie ein konkretes Schweizer Beispiel nennen?

Eine in dieser Hinsicht positive Firma ist die Gebäudetechnik-Firma Hunziker in Winterthur. Sie fördert ihre Mitarbeitenden, gewährt zum Beispiel jeder und jedem wöchentlich eine halbe Stunde interner Weiterbildung. Die Angestellten werden auch dazu motiviert, Verbesserungen in die Firma zu bringen; sie sollen mitdenken. Ergebnis: Die Loyalität zur Firma verstärkt sich. Damit kennt dieser Betrieb fast keine Mitarbeiterfluktuation mehr. Das ist eine Win-win-Situation: Der Unternehmer kann sich auf gute Leute verlassen, die in einer Spitzenzeit auch mal Überstunden leisten, statt bloss Dienst nach Vorschrift zu machen. Andererseits weiss der Arbeitnehmer, dass der Chef hinter und zu ihm steht. Diese Unternehmenskultur – das wäre CSR.

Corporate Justice (CJ) gilt als Weiterentwicklung der CSR. Weiterentwicklung wohin?

Ethische und ökologische Standards sollen rechtlich verbindlich werden. CSR ist eine freiwillige Verpflichtung einer Firma zu sozialer Verantwortung. Viele Grosskonzerne führen diese in ihren Konzepten zwar auf. Im Ernstfall übernehmen sie die soziale Verantwortung jedoch oft nicht. Sie ist auch nicht einklagbar; es ist eine blosse Selbstverpflichtung, die nicht kontrolliert wird und worüber auch nicht vor einer externen Stelle Rechenschaft abgelegt werden muss. Das von europäischen NGOs entwickelte Konzept der Corporate Justice dagegen verlangt, dass Standards für Firmen vorgeschrieben, überprüft und einklagbar werden. Kurz: Sie müssen auch verpflichtend sein.

Werden diese Standards in einem definitiven Katalog definiert?

Ja, das ist die Meinung. Sie müssen allerdings noch ausgehandelt werden; so weit ist man noch nicht. Im Blick sind hier Grosskonzerne wie Nestlé, der gross für Kaffee wirbt, jedoch gegenüber den Kaffeepflanzern keine Verpflichtungen eingehen will und auch nicht den Weg ökologisch nachhaltiger Kaffeeproduktion einschlägt.

Sie sprechen von Kontrolle. Wer sind die kontrollierenden Organe?

Die Idee von Corporate Justice ist, dass der Staat die Standards gesetzlich vorschreibt. Somit können die Anforderungen und Rechte eingeklagt werden. Das wäre eine Stärkung der Politik. Heute machen die Konzerne selber die Politik. Ihre Lobbys sind so stark, dass sie die Gesetze, die sie tangieren, mehr oder weniger selber gestalten können.

Global betrachtet, ist CJ in diesem Sinne also noch nirgends verwirklicht …

Es gibt vereinzelt regulative Massnahmen. Die sind aber aus Sicht der NGOs, der Nichtregierungsorganisationen, zu wenig streng formuliert. In den USA ist es so, dass die Politik und die Regierung bisher untätig bleiben. Immer mehr Grosskonzerne auferlegen sich aber aus freien Stücken ethische Standards, zum Beispiel für CO2-Reduktionen gemäss Kyoto-Protokoll. Sie erhoffen sich damit einen Wettbewerbsvorteil. In der Schweiz suchen die NGOs mit den hier ansässigen Konzernen systematisch das Gespräch.

Ist CJ also ausschliesslich das Anliegen der Zivilgesellschaft?

Die NGOs sind die Träger. Im Herbst 2011 starteten die schweizerischen NGOs eine Publikumskampagne. Wir haben es mit einem neuen Begriff zu tun. Wenn die Fachhochschule Nordwestschweiz und die EB Zürich nun einen Zertifikatskurs in CJ ausschreiben und durchführen, dann liegt der Grund in der Überzeugung, dass es ein radikales nachhaltiges Engagement braucht. Wir Dozenten versprechen uns von diesem Lehrgang, dass wir Leute ausbilden, die in zwei oder drei Jahren gefragte Berufsleute sein werden. Sie sehen die grossen Trends und können sie im konkreten Alltag umsetzen. Diese Leute brauchen wir, um die Gesellschaft von einer wachstumsorientierten in eine nachhaltige, solare umzubauen.

Wachstum wird demnach in Frage gestellt?

Nun, wir haben ja ein Problem. Global gesehen ist es unmöglich, endlos wie bisher weiterzuwachsen. Diese Frage muss vermehrt thematisiert werden. Auf Unternehmensebene ist das natürlich schwierig …

… oder unmöglich. Sie werden im Frühjahr 2012 ein Cerfificate of Advanced Studies «Corporate Justice» an der FHNW Brugg leiten. Was versprechen Sie sich von diesem Lehrgang?

Die Teilnehmenden an diesem Kurs werden Träger und Multiplikatoren von Ideen. Unsere Gesellschaft steht vor so grossen Herausforderungen wie Peak Oil, Finanzkrise, Kampf um Rohstoffe. Auch die zunehmenden Druckverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt – dass man immer schneller und billiger produzieren muss – sind problematisch. Die Studienabsolventen sollen fit werden, Firmen, Verwaltungen oder auch NGOs auf neue Wege zu helfen.

Freiwillige oder verbindliche Wege?

Die Inhalte dieses Lehrgangs unterscheiden sich in einem Punkt vom Konzept von CJ. Hier zielt man auf gesetzlich verbindliche Regelungen. Wir hingegen basieren uns auf Freiwilligkeit. Wir sagen: Wenn die Firmen schlau sind, implementieren sie die Instrumente, bevor gesetzliche Regelungen kommen. Und diese kommen mit Sicherheit.

Ihrer Ansicht nach positionieren sich Firmen, die sich an ökologische und soziale Standards halten, vorteilhaft auf dem Markt. Glauben Sie das wirklich?

Der öffentliche Druck wird zunehmen, dass wir uns ökologischer verhalten müssen. Er wird auch politisch und auf Gesetzesebene nicht ausbleiben. Wenn wir jetzt aus der Atomenergie aussteigen, sind die Produktion und der Unterhalt von erneuerbaren Energieformen ein enormer Wachstumsmarkt. Im gesellschaftlichen Klimawandel wird es für einzelne Firmen sinnvoll, vorne mit dabei zu sein.

Ist es sinnvoll, dass ein einzelnes kleines Land wie die Schweiz in Sachen CJ eventuell einsam an der Weltspitze steht?

Ja, bestimmt. Einsam an der Weltspitze zu sein, wäre ja nicht schlimm. Wer sensibilisiert durch die Welt geht, der sieht die anstehenden Herausforderungen. Der Mensch ist ein Wesen, das auf Sinn aus ist. Es tut mir besser, wenn ich etwas Sinnvolles als wenn ich etwas Sinnloses mache. Kann ich bei einer nachhaltigen Firma arbeiten, stärkt das mein Wohlbefinden. Ich bin auch davon überzeugt, dass ethisches Wirtschaften in Zukunft zu einem Wettbewerbsvorteil führen wird, auch wenn andere Firmen vielleicht weiterhin auf kurzfristige Profite fixiert bleiben. Es war in der Vergangenheit für die Schweiz fatal, dass sie – anders als Deutschland – viel zu wenig in die Solarenergie investiert hat. Schweizer Firmen wie zum Beispiel die auf Solartechnik spezialisierte Schweizer Metallbau, die aus Überzeugung und nicht aus ökonomischem Kalkül zwanzig Jahre lang am Ball blieben, stehen heute gut da.

Welche Rolle spielt die Technik für ein nachhaltiges Wirtschaften?

Die Problemfelder Umstellung auf Solarwirtschaft, besserer Umgang mit dem Boden und schonender Umgang mit Rohstoffen und Ressourcen können nur technologisch gelöst werden. «Zurück zur Natur» ist meiner Meinung nach keine Option. Ich warne aber gleichzeitig vor der Vorstellung der umfassenden technischen Machbarkeit. Effizienzsteigerungen sind gut, verlagern aber die Probleme nur. Wir müssen als Gesellschaft ernsthaft diskutieren, wie es mit weniger geht. Das hat für mich nichts mit Verzicht zu tun, sondern mit Lebensqualität und Suffizienz. Die Ziele für die Technologie müssen also gesellschaftlich ausgehandelt werden. Die Zivilgesellschaft und die Politik müssen definieren, welche Technologie zur Lösung welcher Aufgaben sinnvoll ist: ressourcenschonende Produktionsprozesse, kurze Transportwege, örtliches Zusammenbringen der Bereiche Arbeiten, Wohnen, Kultur und Freizeit in der Raumplanung – diese Ziele müssen gesellschaftlich vorgegeben werden. Auf dieser Basis kann saubere, clevere Technologie eingesetzt werden – wir brauchen sie.

Wir haben viel über Ökologie und Energie gesprochen. Welche Bedeutung haben die Menschenrechte für CJ?

Umweltfragen und soziale Fragen sind nicht zu trennen; sie gehören zwangsläufig zusammen. Die Einhaltung der Menschenrechte ist die Minimalanforderung an die Unternehmensgerechtigkeit. Und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette und für alle Stakeholders.

Darum steht es global gesehen schlecht.

Es gibt riesige Probleme. Was die Schweiz angeht: Sie ist ja eine grosse Plattform für den weltweiten Rohstoffhandel – zwanzig Prozent aller Rohstoffe werden von Zug und Genf aus gehandelt. Viele Rohstoffe kommen aus den ärmsten Ländern. Sie werden dort unter schlimmsten Arbeits- und Umweltbedingungen abgebaut. Ein Beispiel ist die Kohleförderung in Indien. Der lokalen Bevölkerung wird dort und anderswo eine zerstörte Umwelt hinterlassen, und sie leidet unter schweren Gesundheitsschäden. Das ist eine massive Menschenrechtsverletzung. Wir in der Schweiz aber machen damit das grosse Geld. Das ist für uns beschämend. Da müssen wir ein Unrechtsempfinden entwickeln.

Gibt es positive Entwicklungen bei Firmen?

Lindt & Sprüngli ist ein positives Beispiel in der Schweiz. Vor zwei Jahren hatte die entwicklungspolitische Organisation Erklärung von Bern in einer Kampagne die Konsumentinnen und Konsumenten dazu aufgerufen, nachzufragen, unter welchen Bedingungen der Kakao für ihre Lieblingsschokolade produziert wird. Sinnbild war ein weisser Schokolade-Osterhase, aus dessen einem Auge eine blutige Träne rann. Lindt & Sprüngli hat sich nicht zuletzt unter dem Einfluss dieser Kampagne dazu entschlossen, in Zukunft den Bezug von Rohstoffen – vor allem Kakao – entlang der ganzen Wertschöpfungskette selber zu kontrollieren, um nicht mehr auf irgendeinen Einkäufer angewiesen zu sein, der Kinderarbeit und Ausbeutung bei den kleinen Kakaoproduzenten in Kauf nimmt und davon profitiert. Die Firma nimmt so die Pflege ihres guten Images selber in die Hand. Das ist sehr positiv. Wir müssen aber genau hinschauen, ob die Bemühungen ausreichen.

Wie sieht Ihre persönliche Vision einer nachhaltigen Gesellschaft aus?

Eckpfeiler meiner Vision sind internationale Solidarität und lokale Versorgung. Die Ökonomisierung der Welt halte ich für das grösste Problem überhaupt. Wir in den sogenannten fortgeschrittenen Weltregionen denken fast ausschliesslich in ökonomischen Kategorien. Wir machen die Welt und ihre Ressourcen zur Ware – wir privatisieren das Wasser, das Saatgut. So hat Peter Brabeck von Nestlé gesagt, nur wenn das Wasser einen Preis habe, sei es wertvoll. Damit drückt er exemplarisch die Verkehrung der Werte aus. Hat Wasser nur einen Wert, wenn es zur Handelsware gemacht wird, führt dies zu einer Entseelung der Welt. In Afrika kennen wir auch das Landgrabbing. Millionen Hektaren Land werden von Firmen und Staaten aufgekauft. Sie wollen die Lebensmittelversorgung oder die Energieversorgung durch den Anbau von Agrarrohstoffen für sich sichern. Man sollte aber möglichst lokal produzieren und gleichzeitig den Menschen auf der ganzen Erde die gleichen Rechte zubilligen.

Können Sie von positiven Ansätzen berichten?

Ein vielversprechendes Beispiel nennt sich «Neustart Schweiz». Die Ziele des Projekts sind nachhaltiges Leben und die 2000-Watt-Gesellschaft. Will man in diese Richtung gehen, müssen die drei Bereiche Arbeit, Freizeit und Wohnen viel näher zusammengebracht werden, als es heute der Fall ist. Tägliches Pendeln von Winterthur nach Bern ist dann nicht mehr akzeptabel. Solche lokalen Konzepte halte ich für eine spannende Sache.

Eine Utopie …

Momentan wird in Zürich-Leutschenbach eine Siedlung unter dem Namen «Mehr als Wohnen» geplant. Ungefähr 500 Wohnungen für 2000 Menschen sollen günstig auf genossenschaftlicher Basis gebaut werden. Man will dort Bewohnerinnen und Bewohner, die möglichst mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren; Menschen, die möglichst lokal arbeiten; man will Lebensmittel aus lokaler biologischer Vertragslandwirtschaft beziehen; es gibt einen eigenen Einkaufsladen; auch seine Freizeit verbringt man nach Möglichkeit in der Nähe. Dieses Projekt ist ein interessanter Versuch, die 2000-Watt-Gesellschaft zu verwirklichen. Die einzelne Bewohnerin, der einzelne Bewohner kommt schliesslich in den Genuss einer hohen Lebensqualität.

In welchem Planungsstadium befindet sich dieses Projekt?

Im Jahr 2014 soll die Siedlung bezugsbereit sein. Im Herbst 2012 will man mit dem Bau beginnen. Man ist momentan emsig am Planen. Dabei sind natürlich auch Hürden zu nehmen. So kämpft man zum Beispiel darum, weniger Parkplätze als die per Verordnung vorgeschriebenen bauen zu dürfen. Dafür muss der Nachweis erbracht werden, dass die Grundversorgung der Bewohner lokal machbar ist. Da kommen plötzlich Gesetze in die Quere.

Worin liegt das Fortschrittliche dieses Projekts?

Ich finde es insbesondere deshalb spannend, weil es von allen Beteiligten unternehmerisches Engagement verlangt. Die Bäuerinnen und Bauern, die mitmachen, liefern dann nicht einfach Rohstoffe an eine Genossenschaft ab, sondern werden zu selbständigen Unternehmern. Vorgesehen ist auch die eigene gewerbliche Verarbeitung von Lebensmitteln. So wurde unter anderem die finanzielle Machbarkeit einer Teigwarenfabrik berechnet. Es ist die Vision dieses Projekts, tendenziell von der Geldorientierung weg- und zu einer Bedürfnisorientierung hinzukommen. Im Zentrum steht die Frage «Was braucht der Mensch, um gut leben zu können?». Er braucht gute Lebensmittel, er braucht Wasser, er braucht eine Wohnung und eine Gemeinschaft, in der er sich wohlfühlt, er braucht Mobilität in einem vernünftigen Ausmass, er braucht gute Bildungsinstitutionen und Medien, die ihn möglichst unabhängig informieren. In je grösserem Massstab diese Bedürfnisse bedient werden, desto mehr ist das Geld das Steuerungsmittel. Kleineren Organisationseinheiten traue ich mehr, denn es entsteht höhere Verbindlichkeit durch persönliche Kontakte.

Manche Leute werden sagen: «Auch dort kommt es bald zu Spannungen …»

Wohnt eine grössere Zahl von Menschen eng beieinander, kann es leicht Spannungen geben. Die Kunst beim Aufbau einer «kurzen Bedürfnisdeckungskette» ist, dass der oder die Einzelne nicht von der Gemeinschaft erdrückt wird. Von dieser Erfahrung ist man bei «Mehr als Wohnen» ausgegangen und plant den Wohnraum entsprechend: Es wird für Wohngemeinschaften geeigneten Wohnraum geben, aber stets auch Rückzugsmöglichkeiten. Es wird aber auch möglich sein, allein in dieser Siedlung zu leben. Alle Formen des Zusammenlebens werden ermöglicht.

Thomas Gröbly, 53, studierte nach einer landwirtschaftlichen Berufslehre in Zürich und Basel Theologie. 2002 erwarb er den Master of Advanced Studies in Applied Ethics. Heute lehrt er Ethik an verschiedenen Fachhochschulen und ist Co-Leiter des Certificate of Advanced Studies «Corporate Justice». Er beschäftigt sich mit Forschungsprojekten und Beratungen in angewandter Ethik und hat mit dem bekannten Sozialethiker Hans Ruh das Buch «Die Zukunft ist ethisch – oder gar nicht» geschrieben. Gröbly ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter. Er lebt in Baden.

 
 
 

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