der arbeitsmarkt | 12/2011 | Text: Jonas Baud

«Ich würde mir von den Schweizern mehr Mut wünschen»

Die Schweizer Elektropop-Sängerin Annakin sagt, warum es schwierig ist, in der Schweiz von Musik zu leben, was sie von illegalen Downloads hält und was kommerzieller Erfolg ihr bedeutet.

War es schon immer Ihr Traumberuf, Musikerin zu werden?

Nein, ich bin sozusagen hineingerutscht. Als ich 17 Jahre alt war, gründeten wir zu dritt die Schweizer Band Swandive – das war mein Einstieg ins Musikbusiness. Vor etwa zehn Jahren trennten wir uns. Es war damals klar für mich, dass ich mich voll auf eine musikalische Solokarriere konzentrieren will. Heute ist die Musik mein Beruf. Doch leider kann ich nur knapp davon leben.

Wie ergänzen Sie Ihr Einkommen?

In einem Jahr, in dem ich ein Album veröffentliche, machen die Verkäufe, Tantiemen und Konzerteinnahmen den grössten Teil meines Einkommens aus. Doch besonders wenn ich keine Alben auf den Markt bringe, bin ich angewiesen auf weitere Verdienstquellen. Eine Zusammenarbeit mit anderen Musikern, das Komponieren von Musik für Werbefilme oder die Durchführung von Workshops zum Thema Songwriting sind einige Beispiele. Und ausserdem gebe ich ein paar Privatstunden Englisch. Ich glaube, heute ist es sehr wichtig, dass man sich als Musiker diversifiziert.

Ist es schwierig, in der Schweiz von Musik zu leben?

Ja. Es gibt sicher einige sehr erfolgreiche Musiker, vor allem im Volksmusikbereich. Für den Grossteil der Schweizer Musiker ist es aber schwierig. Ich kenne persönlich nur sehr wenige, die den Schritt in die Selbständigkeit wagen – die meisten haben daneben «reguläre» Jobs, um zu überleben.

Wie viel verdienen Sie mit Ihrer Musik?

Das schwankt sehr. Im Januar dieses Jahres erschien mein neues Album, da verdiente ich 15 000 Franken durch die Verkäufe. Doch das ist die Ausnahme. Mein durchschnittliches Einkommen würde ich auf etwa 3000 bis 4000 Franken im Monat schätzen. Davon kommt das meiste über Plattenverkäufe herein oder durch Tantiemen, wenn ein Song von mir verwendet oder gespielt wird. Darin eingeschlossen sind jedoch auch meine anderen Einkünfte durch Projekte. Ich verdiene grundsätzlich mehr an Plattenverkäufen als durch Konzertgagen.

Das überrascht, denn es war oft zu lesen, dass heutzutage Konzerte den Musikern mehr einbringen als die Verkäufe von Alben.

Das stimmt so nicht, jedenfalls nicht für mich. Die Plattenfirmen propagieren das fälschlicherweise seit Jahren. Das macht mich wütend. Nur die grossen Namen wie Gölä oder Bligg erhalten hohe Gagen. Die meisten Musiker können von den Konzerten nicht leben. Sie sind für die Konzerte auf Subventionen angewiesen.

Sind die Gagen zu niedrig?

Wenn ich allein auftreten würde, wäre es kein Problem. Doch live werde ich von einer Band unterstützt, die müssen auch alle bezahlt werden. So wird mein finanzieller Aufwand für einen Auftritt oft nur zum Teil oder nur knapp gedeckt. Glücklicherweise bringen die Musiker ihre eigenen Instrumente mit. Private Gigs sind lukrativ, aber selten.

Was halten Sie von illegalen Downloads?

Sie sind ein grosses Problem für die Musikindustrie und die Künstler. Sie tragen entscheidend dazu bei, dass die CD-Einnahmen rückläufig sind. Leider kann man nicht viel dagegen machen. Es ist schon vorgekommen, dass ein Album von mir schon vor der Veröffentlichung als illegaler Download ins Netz gestellt wurde. Da muss irgendjemand, der eine Promokopie erhalten hat, die dreiste Idee gehabt haben, da ein Geschäft daraus zu schlagen. Das fand ich schon ziemlich krass. Glücklicherweise wurde da schnell reagiert und der illegale Link gelöscht.

Welche Kostenfaktoren haben Sie als Musikerin?

Ich produziere meine Platten in London, das ist günstiger als in der Schweiz. Das Budget beträgt etwa 35 000 Franken pro Produktion. Eine Tournee ist teuer. Auch die Promoagentur, die für mich die Interviewanfragen koordiniert, und meine Bookingagentur, die Konzerte bucht, müssen bezahlt werden. Ohne die Unterstützung von Musikstiftungen wie Swissperform oder Popkredit wäre es fast unmöglich, dies zu finanzieren. Der Kanton Zürich und das Migros-Kulturprozent sprachen ebenfalls Mittel. Mein Vorteil ist aber, dass ich wirtschaftlich relativ gut aufgestellt bin, da ich mit Akin Records meine eigene Plattenfirma habe. Ich arbeite mit sehr kompetenten Leuten zusammen, die sich um den Vertrieb, die Promo und das Booking kümmern. Den Rest mache ich im Moment selbst.

Wie gross ist Ihr Zeitaufwand für das Produzieren eines einzelnen Songs?

Ich schreibe meine Songs selber. Bis ein Song fixfertig ist, vergehen rund vierzehn Tage. Darin eingerechnet sind der Schreibprozess, das Komponieren und die Produktion. Dann kommt das Abmischen und Mastern. Das braucht viel Disziplin und ist harte Arbeit.

Wie wichtig ist Ihnen der kommerzielle Erfolg?

Beim Komponieren ist er mir nicht wichtig, da muss ich persönlich einfach zufrieden sein mit dem Resultat. Beim Schreiben habe ich nicht im Kopf, dass der Song den Leuten gefallen muss. Ich möchte nicht 08/15-Sound machen, davon gibt es schon genug. Ich will speziell bleiben und nehme dafür in Kauf, dass ich nur an Leute herankomme, die sich für mich interessieren. Aber klar ist es toll, wenn dann einer der Songs plötzlich trotzdem von den Radios gespielt wird. Selbstverständlich möchte ich kommerziell erfolgreich sein, und das natürlich am liebsten mit meiner Musik. «Verbiegen» würde ich mich dafür aber nicht.

Werden Sie im Radio zu wenig gespielt?

Ja. Seit etwa zehn Jahren wagen es viele Schweizer Radiostationen nicht mehr, Musik zu spielen, die vielleicht etwas innovativer und kantiger ist – eben wie meine. Aber auch Bands oder Solokünstler wie The Young Gods oder Sophie Hunger sind davon betroffen. Da hat sich einiges verändert in der Radiolandschaft, früher gab es für solche Musik mehr Platz. Das ist leider ein Zeitgeist. Das Radio-Airplay wirkt sich relativ direkt auf die Popularität aus. Zwar stand ich auf Platz 25 der Hitparade, doch das garantiert heute nicht mehr, dass man regelmässig von den Radios gespielt wird. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass Schweizer Bands für die Radios weniger wichtig sind als ausländische Musik, ausser wenn Mundart gesungen wird.

Vielleicht müssen Sie kommerzieller werden.

Mein Ziel ist es, gute Musik zu machen, die mir gefällt. Klar wäre es schön, einen Hit zu landen, doch ich muss hinter meinem Produkt stehen können. Gerade weil ich, sobald ich etwas veröffentliche, mich damit den Kritikern und den Fans stellen muss. Wenn ein neues Album fertig ist, setze ich mich mit dem Vertrieb und meinen Promoagenten zusammen und bespreche mit ihnen, welche Songs sich am besten vermarkten lassen. Für mein letztes Album «Icarus Heart» habe ich so viele Interviews gegeben wie noch nie, ich habe dafür auch in London mit dem Erfolgsproduzenten Dimitri Tikovoi zusammengearbeitet. Dadurch erhielt ich in England Beachtung und wurde sogar am Radio gespielt.

Dann ist internationaler Erfolg ein Ziel für Sie.

Ja, klar. Doch das ist immer auch mit einem grossen Aufwand verbunden, da eine Auslandtournee und die Werbekosten nicht billig sind. Ein Promo-Push ist wichtig, weil man einen gewissen Bekanntheitsgrad haben muss in einem Land, damit die Leute an die Konzerte kommen. Ich spiele jetzt erstmals im Herbst ein paar Konzerte in Österreich.

Ist es im Ausland einfacher, Erfolg zu haben?

Ich merke, dass man beispielsweise in England als Musiker ernster genommen wird als in der Schweiz. Dort oder auch in Irland hat die Musik einen ganz anderen Stellenwert. Ich würde mir in der Schweiz mehr Mut und Offenheit wünschen – ich spüre hier oft eine Abwehrhaltung gegen alles, was etwas anders daherkommt.

Haben Sie sich deshalb auch mal überlegt, ins Ausland zu ziehen?

Ja, habe ich. Es könnte sein, dass ich diesen Schritt bald wage. Doch wohl eher für eine begrenzte Zeit. Ich wohne grundsätzlich sehr gerne in Zürich.

Welche Träume haben Sie für die Zukunft?

Ich will weiterhin Musik machen und davon leben können.

Annakin, mit bürgerlichem Namen Ann Kathrin Lüthi, stammt ursprünglich aus Baden, lebt aber schon viele Jahre in Zürich. Annakin verfügt über eine klassische Gesangsausbildung. 1995 startete sie ihre Musikkarriere als Sängerin der Zürcher Triphop-Band Swandive. Mit dieser Band produzierte sie zwei Alben, «Intuition» und «Anyone on the Air?». 2001 löste Swandive sich auf, und Annakin startete ihre Solokarriere. Ihre Musik könnte man als melancholischen Elektropop bezeichnen. Sie veröffentlichte bisher mit «Falling Into Place», «Torch Songs» und «Icarus Heart» drei Alben. Weitere Informationen und Tourdaten unter www.annakin.net.

 
 
 

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