der arbeitsmarkt | 01/2012 | Text: Franziska Forter
In Basel-Stadt leben Menschen aus 160 Nationen. Damit das Zusammenleben funktioniert, empfiehlt die Stadt allen Neuzuzügern dringend, Deutsch zu lernen. Denn Sprache ist nicht nur im Alltag zentral. Angela Bryner von «Integration Basel» erklärt im Interview, warum gute Deutschkenntnisse auch auf dem Arbeitsmarkt immer wichtiger werden.
Frau Bryner, wie wichtig sind Deutschkenntnisse auf dem Arbeitsmarkt?
Auf jeder Qualifikationsstufe sind entsprechende Deutschkenntnisse sehr wichtig. Ab den 1960er Jahren hat die Schweizer Wirtschaft Menschen aus dem Ausland geholt für unqualifizierte Arbeiten in der Produktion – in der Fabrik, auf dem Bau, im Gastgewerbe. Viele dieser Stellen sind mittlerweile aufgehoben oder ins Ausland verlagert. Die Erstgeneration der Zugewanderten ist heute pensioniert, invalidisiert oder arbeitslos. Letztere könnten teils durchaus andere, anspruchsvollere Berufe ausüben, die aber Sprachkenntnisse und Weiterbildung voraussetzen. Manuelle Tätigkeiten wurden inzwischen weitgehend automatisiert, und viele Vorgänge sind komplizierter geworden. Ein Arbeitnehmer muss Anweisungen verstehen und sich weiterbilden können. Deswegen brauchen auch Leute, die schon lange hier leben, gute Deutschkenntnisse.
Warum soll denn eine Putzfrau, die schon lange hier arbeitet, besser Deutsch können?
Wenn sie einen Job hat und mit den Arbeitsabläufen vertraut ist, könnte sie auch ohne Deutschkenntnisse auskommen. Wenn sie sich aber beruflich verändern möchte oder die Stelle verliert, wird sie Schwierigkeiten bekommen.
Basel bietet auch niederschwellige Kurse nach «informellen Methoden» an. Was muss man sich darunter vorstellen?
Für die ersten Generationen Zugewanderter gab es «Integration» noch nicht, ja es gab nicht einmal diesen Begriff. Männer wie Frauen hatten neben der oft harten Arbeit ohnehin kaum Kapazitäten, sich weiterzubilden. Ab den 1990er Jahren, als andere Migrantengruppen und Flüchtlinge kamen, waren es vor allem bildungsungewohnte Hausfrauen und Mütter, die auf der Strecke blieben. Damals kamen zwei junge Studentinnen auf die Projektidee, das Wissen dorthin zu bringen, wo sich die Migrantinnen mit ihren Kindern tagsüber aufhalten, nämlich in die öffentlichen Parks. So entstand «Lernen im Park»: Während die Kinder spielen, sitzen die Frauen im Kreis und lernen Alltagsdeutsch. Dieses innovative Projekt gibt es seit 1998, es ist immer noch sehr beliebt und wird mittlerweile in drei Parks durchgeführt, im Winter drinnen. Gegenwärtig besuchen über hundert Frauen die Deutschkurse «im Park».
Gibt es auch berufsspezifische Deutschkurse?
Es gibt Deutschkurse, die speziell auf die Geschäftssprache oder auf bestimmte Berufe, zum Beispiel Pflegeberufe, ausgerichtet sind. Dort lernen die Teilnehmenden neben Alltagsdeutsch speziell medizinisches Vokabular. Das Projekt «Putzen Sie Deutsch» richtet sich an Personen aus dem Reinigungsgewerbe und vermittelt neben Deutschkenntnissen auch Wissen über Arbeitsgesundheit und Ergonomie.
Sollen auch sogenannte Elitemigranten Deutsch lernen?
Alle fremdsprachigen Menschen, die in Basel Wohnsitz nehmen, werden an unserer Begrüssungsveranstaltung für Neuzuzüger ermuntert, Deutsch zu lernen – dazu gehören selbstverständlich auch die sogenannten Hochqualifizierten. Da diese einen grossen Bildungsrucksack mitbringen, möchten wir ihr Potenzial für die Basler Gesellschaft nutzen.
Viele Expats bringen die Vorstellung mit, dass alle Leute Englisch sprechen. Sie kommen selten von sich aus auf die Idee, eine andere Sprache zu lernen. Die grossen Basler Pharmabetriebe bieten ihren Mitarbeitenden und auch deren Angehörigen die Möglichkeit, Deutschkurse zu besuchen. Auch firmenintern beginnt man umzudenken. So ist die Umgangssprache im Laborbereich nicht mehr automatisch Englisch, sondern Deutsch. Die ausländischen Vorgesetzten müssen also Deutsch lernen. Dadurch sind Produktivität und Motivation der Teams beispielsweise bei Novartis erheblich gestiegen.
Was unternimmt die Wirtschaft zur Sprachförderung?
Auch die Unternehmen müssen in die Pflicht genommen werden. Das kantonale Integrationsgesetz Basel-Stadt von 2008 enthält einen Passus, der die Verpflichtungen der Arbeitgeber festhält. So sollen Arbeitgeber ausländische Angestellte über Angebote zur Integrationsförderung informieren und den Besuch von Sprach- und Integrationskursen im Rahmen ihrer Möglichkeiten fördern. «Integration Basel» und andere zuständige Stellen unterstützen die Arbeitgeberschaft dabei.
Die Firmen schicken ihre Angestellten einfach zur öffentlichen Hand?
Der Kanton subventioniert zahlreiche Deutsch- und Integrationskurse und kommuniziert die Angebote. Grössere Unternehmen bieten selbst Sprachkurse an. Das sind eigene Initiativen auf freiwilliger Basis. Gut ausgebildete, sprachkompetente Mitarbeitende sind ein Vorteil für jeden Arbeitgeber. Das haben viele erkannt. Es lohnt sich für Firmen, die Teams möglichst vielfältig zusammenzusetzen. Die Kommunikation wird zwar anspruchsvoller, aber Diversität bei den Mitarbeitenden steigert die Innovationskraft und die Motivation.
Was geschieht, wenn jemand sich weigert?
Wir erleben äusserst selten, dass jemand unseren Empfehlungen nicht Folge leistet. Motivation ist das Wichtigste, Zwang ist schlecht. Gemäss dem Basler Motto «Fördern und fordern» heisst Fördern, die Angebote bereitzustellen. Fordern bedeutet, die Erwartungen an die Migrationsbevölkerung zu kommunizieren. Wer mit dem Gesetz in Konflikt gerät, das Alltagsleben sprachlich nicht bewältigt oder sich nicht selbst finanzieren kann, wird vom Migrationsamt als zuständiger Amtsstelle zu einem Gespräch eingeladen. Seit 2008 bietet das Ausländerrecht die Möglichkeit, Integrationsvereinbarungen zu treffen.
Wann ist jemand sprachlich integriert?
Sprachlich integriert ist, wer sich im Alltag verständigen kann. Man sollte kommunizieren können – sei es mit der Kioskfrau, dem Pöstler oder auf Ämtern. Stellen Sie sich vor, Sie müssen aufs Fundbüro und können den verlorenen Gegenstand nicht beschreiben. Oder Sie wollen im Supermarkt einen «Bebbi-Sack» kaufen, den amtlichen Abfallsack, können sich nicht verständigen, und die Schlange an der Kasse wird hinter Ihnen immer länger. Die erste Generation Migranten hatte für solche Situationen ihre Deutsch sprechenden Kinder zum Übersetzen dabei. Diese Rollenumkehrung finde ich problematisch.
Ist der Sprachlevel ein Messgrad für Integration überhaupt?
Auch wenn eine Person sich im Alltag verständigen kann, heisst das noch nicht, dass sie integriert ist. Integration heisst auch Selbständigkeit und Unabhängigkeit – vom Ehemann, von der Ehefrau, von den Kindern, von der Amtsstelle, vom Übersetzungsbüro oder von der Beratungsstelle. Man sollte wahrnehmen und einordnen können, was um einen herum passiert, sich dafür interessieren, wie die Gesellschaft funktioniert, in der man nun lebt. Zu glauben, man bleibe nur kurze Zeit in einer neuen Umgebung, erweist sich meist als Illusion, oft wird daraus das halbe Leben. Das belegen die Zahlen und die jüngste Geschichte deutlich.
Das Basler Integrationsmodell markierte Ende der 1990er Jahre einen Kurswechsel in der Migrationspolitik. Was ist das Besondere an diesem Modell?
In Basel ist die Zahl der Nichtschweizer in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen, weil die Wirtschaft gewachsen ist. Als Grenzstadt sind wir ein erfolgreicher, beliebter Wirtschaftsstandort, haben aber auch Probleme, die andere Städte weniger betreffen. In Basel leben heute Menschen aus 160 Nationen, die Welt ist bei uns zu Hause. Das bedeutet eine grosse Chance, ist jedoch auch eine Herausforderung für alle. Das Zusammenleben funktioniert nur, wenn wir nach den gleichen Spielregeln miteinander umgehen. Dafür brauchen wir eine Sprache, und das ist Deutsch. Daher werden alle Fremdsprachigen, die nach Basel ziehen, von Anfang an dazu angehalten, Deutsch zu lernen – unabhängig von Bildung, Herkunft, Alter oder Geschlecht. Die Stadt Basel bietet Deutschkurse für verschiedenste Niveaus an, von der Alphabetisierung in unserer Schrift bis zum Goethediplom. Es gibt Angebote für alle intellektuellen und finanziellen Möglichkeiten.
Wie werden diese Angebote genutzt?
Im laufenden Jahr sind über 7000 Personen ohne Schweizer Pass zugezogen. Neben den zirka 2700 Deutschen kann jedoch ein beachtlicher Teil der Zugezogenen bereits gut bis sehr gut Deutsch, weil sie in einem deutschsprachigen Land gelebt oder in ihrer Heimat Deutsch gelernt haben. Von den nicht Deutsch Sprechenden besuchen zirka 40 Prozent einen der subventionierten Kurse und zirka 20 Prozent einen anderen Deutschkurs. Das Interesse an diesen Angeboten hat in den letzten Jahren laufend zugenommen.
Ist das Modell speziell auf eine Stadt wie Basel ausgerichtet?
Nicht unbedingt. Es wurde auch von anderen Schweizer Städten und Gemeinden erfolgreich übernommen, und es ist dem Ansatz nach auch in die Bundesgesetzgebung eingeflossen. Als Stadtkanton haben wir aber den Vorteil, schnell handeln und reagieren zu können, weil die Wege zwischen den Institutionen kurz sind und weil Politik, Wirtschaft und Private unsere Arbeit unterstützen.
Wie erreichen Sie die fremdsprachigen Migranten?
Wir laden alle neu Zugezogenen zur Begrüssungsveranstaltung «Willkommen in Basel» ins Rathaus ein. Diese Willkommenskultur ist uns sehr wichtig, sie ist für Basel bezeichnend. Alle haben ein Interesse daran, zu erfahren, wie das Leben hier funktioniert. Sie erhalten aus erster Hand die wichtigsten Informationen zum Schul-, Steuer- und Sozialversicherungssystem sowie Nützliches aus den Bereichen Freizeit, Kultur und Beratung. Wir betonen dabei, dass Sprache der Schlüssel zur Integration ist, und legen ausnahmslos allen Personen nichtdeutscher Muttersprache nahe, Deutsch zu lernen. Es wird stets auch ein VIP eingeladen, ein «Vorzeigemigrant», der den Anwesenden aus seinem eigenen Integrationsprozess berichtet. Fremdsprachige erhalten zudem innerhalb der ersten drei Monate nach ihrem Zuzug eine persönliche Einladung für einen Deutsch- und Integrationskurs. Dieses Jahr haben zirka 600 Personen diese speziell konzipierten Kurse besucht. Es braucht Mut, seine Heimat zu verlassen, und diese Menschen bringen viel Begeisterung, Energie und Freude mit – das muss man sofort aufgreifen. Jemanden zum Deutschlernen zu motivieren, der schon 20 Jahre da ist, ist viel schwieriger.
Wie ist es zu erklären, dass jemand nach 40 Jahren in der Schweiz kaum ein Wort Deutsch spricht?
Diese Menschen funktionieren zwar, aber integriert sind sie meist nicht, auch wenn sie arbeiten und die Gesetze respektieren. Sie bewegen sich in ihren eigenen Netzwerken. In Basel gibt es beispielsweise 200 italienische Fussballklubs, eigene Kindergärten und ganze Liegenschaften, in denen nur eine Sprachgruppe lebt. Die Produkte im Supermarkt sind in drei Sprachen angeschrieben, auch damit besteht keine Dringlichkeit, die lokale Sprache zu lernen. Diese Migranten, viele ursprünglich Saisonniers, hatten die Illusion, dass sie bald in die Heimat zurückkehren würden. Sie sind mittlerweile im AHV-Alter, und die alten Netzwerke zerfallen zusehends. Wer im Alter Pflege in Anspruch nehmen muss, wird unweigerlich Probleme haben. Inzwischen gibt es im Bürgerspital Basel eine Alterswohngruppe für Menschen aus dem Mittelmeerraum.
Sind wir Schweizer selber schuld an mangelhafter Sprachintegration, weil wir den Hang haben, uns sprachlich anzupassen?
Das ist sicher ein Aspekt. Wir meist mehrsprachigen Schweizerinnen und Schweizer sprechen mit Fremdsprachigen gerne in deren Muttersprache, wenn wir können. Das beklagen auch viele Expats: Wenn sie versuchen, sich mit Nachbarn deutsch zu unterhalten, schwenken diese sofort auf Englisch oder Französisch um. Bei Deutschen packen wir sofort unser «Deutsch fédéral» aus, auch wenn die Betreffenden problemlos Schweizerdeutsch verstehen.
Was könnten wir Schweizer im Alltag tun, um Deutsch Lernende zu unterstützen?
Wir sollten nach Möglichkeit versuchen, mit ihnen konsequent deutsch zu sprechen. Das braucht Geduld, weil die Kommunikation langsamer und schwieriger wird. Umgekehrt sollen Fremdsprachige – das können auch Romands oder Tessinerinnen sein – uns sagen, dass wir bitte hochdeutsch mit ihnen sprechen sollen.
| Angela Bryner, Juristin und Mediatorin, arbeitet seit 1998 bei «Integration Basel», mit den Schwerpunkten Diskriminierungsschutz, Recht, Arbeit, Soziales und Projektleitung «Willkommen». Von 1991 bis 1998 war sie stellvertretende Vorsteherin des Einwohner- und Migrationsamts. Zwischen 1983 und 1991 arbeitete sie in der Privatwirtschaft als akademische Mitarbeiterin. Angela Bryner lebt in Basel. In der Freizeit engagiert sie sich im sozialen Bereich, reist viel, taucht und lernt gerne Sprachen, neben europäischen Sprachen Kisuaheli und aktuell Arabisch. |