der arbeitsmarkt | 11/2011 | Text: Franziska Forter
Mein Tag als Geschäftsleiterin des Vereins «HOP! Züri»
An Arbeitstagen stelle ich den Wecker auf Viertel vor sieben. Nach einem Frühstück mit Müesli und Tee schwinge ich mich aufs Velo und fahre vom Friesenberg-Quartier zu meinem Büro am Albisriederplatz. Diese Viertelstunde hin und zurück ist mein tägliches Fitnesstraining.
Im Büro angekommen, ist es mir wichtig, zuerst alle Mitarbeitenden zu begrüssen. Auch dass meine Tür immer offen steht, gehört zur Betriebskultur. Zurzeit haben wir 30 Angestellte – darunter viele in Teilzeit – und 63 Personen, die an unseren Programmen teilnehmen. Beide Zahlen schwanken jeweils stark, je nach Situation auf dem Arbeitsmarkt. Der Verein HOP! Züri bietet Qualifikationsprogramme für Erwerbslose im Gastgewerbe und führt in Zürich drei Restaurants und eine Lingerie. Da die meisten Teilnehmenden Migranten sind, gehören auch Deutschkurse dazu.
Für mich ist kein Arbeitstag wie der andere, Routine gibt es nicht. Ich habe verschiedene Aufgaben. Da ist einerseits das Tagesgeschäft, zum Beispiel den Vertrag mit einer neuen Mitarbeiterin vorbereiten, die Website aktualisieren, Mitarbeitergespräche führen oder mit einer IV-Stelle telefonieren. Andererseits gibt es strategische Aufgaben, wie etwa einen Ersatz für unser Sommercafé im Beckenhof finden und neue Projekte aufgleisen. So möchten wir unseren Programmteilnehmenden in Zukunft auch Praktika im «echten» Arbeitsmarkt ermöglichen. Es braucht viel Überzeugungsarbeit, die entsprechenden CEOs für unser Projekt zu gewinnen.
Schon während meiner Lehre als Fotografin war mir klar, dass ich eine andere Richtung einschlagen würde. Es gab damals noch keine Vorbilder für Frauen als Fotoreporterinnen – was mich gereizt hätte –, und in die Werbung wollte ich nicht. So liess ich mich zur Sozialpädagogin ausbilden und arbeitete zunächst mit Kindern und Jugendlichen, bis ich selbst Mutter wurde. In einer Phase der Neuorientierung in den 1990er Jahren machte ich eine Weiterbildung in Supervision und Organisationsentwicklung und arbeitete selbständig. 1995 gab ich meinen ersten Kurs bei HOP! Züri. Nach verschiedenen weiteren Etappen bei HOP! Züri übernahm ich schliesslich die Leitung des Vereins mit seinen drei Programmelementen Bildung, Coaching und Arbeiten.
Wenn Teilnehmende fehlen, gehe ich gerne an die Basis und helfe am Buffet oder in der Lingerie aus. Das ist eine willkommene Abwechslung zum Büroalltag und erlaubt mir, die Stimmung in den Betrieben mitzubekommen. Das wird sehr geschätzt, und ich lerne immer dazu. Ein gutes Arbeitsklima ist mir sehr wichtig. Dies kommt allen zugute: den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unserer Programme, unseren Mitarbeitenden und schliesslich den Gästen.
Von Januar bis Ende August konnten durchschnittlich 47 Prozent unserer Programmteilnehmenden eine Stelle finden. Aber auch wenn jemand nach dem sechsmonatigen Praktikumseinsatz noch keinen Job hat, werte ich die Teilnahme als Erfolg: Die Menschen konnten neue Fertigkeiten lernen, ihr Selbstvertrauen stärken und ihr Deutsch verbessern. Die Stärke unseres Programms ist, dass es sehr arbeitsmarktnah ist. Die Teilnehmenden müssen eine echte Leistung erbringen – über Mittag zum Beispiel in zwei Stunden 200 Leute bewirten – und können dann stolz darauf sein. Gerade im Gastgewerbe kann man Ungelernte oder schlecht Ausgebildete gut qualifizieren. Deshalb konzentriert unser Verein seine Tätigkeit auf die drei Restaurants und die Lingerie.
Seit rund anderthalb Jahren bin ich Grossmutter und arbeite 80 Prozent. Die Zeit mit meiner Enkelin ist ein wunderbarer Ausgleich, Termine und Zeitdruck spielen plötzlich keine Rolle mehr. Seit einigen Jahren nehme ich es allgemein ruhiger, schaue mehr zu mir und mache, was mir Spass macht. Ich singe in einem Frauenchor, gehe ins Yoga und nehme an einem Kochgrüppli teil. Ich bin politisch weniger aktiv als früher, aber der Richtung, die ich als junge Frau eingeschlagen habe, bin ich treu geblieben. Respekt allen Menschen und der Natur gegenüber ist mir wichtig, und dass die Chancen zu einem lebenswerten Leben gerecht verteilt werden.
Zwischen 17 und 18 Uhr radle ich wieder heim. Das Abendessen kocht manchmal mein Lebenspartner, manchmal ich. Ich gehe relativ früh zu Bett, so gegen 22 Uhr. Vor dem Einschlafen lese ich zur Entspannung noch ein wenig, am liebsten Romane oder Biografien.