der arbeitsmarkt | 22.11.2011 | Text: Simon Wolanin
sw. Ein Kind versorgen, den Haushalt führen, das Privatleben managen und dann noch eine Stelle finden – junge Mütter haben es nicht einfach. Das Projekt «Amie» hilft den Frauen dabei, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken.
«Nach der Trennung von meinem Mann war ich psychisch am Boden», erzählt Esmaidelyn Nuñez. Die junge Mutter stand plötzlich vor der Herausforderung, allein für ihren vierjährigen Sohn sorgen zu müssen. Sie hatte seit drei Jahren nicht gearbeitet und keine Lehre abgeschlossen. «Ich wusste nicht, was tun, hatte keinen Tagesrhythmus. Als junges Mami fühlte ich mich ausgestossen, musste mir im Tram dumme Sprüche anhören.»
Vielen jungen Müttern fällt es schwer, im Berufsleben Fuss zu fassen. Besonders betroffen sind Alleinerziehende: Jede Sechste ist in der Schweiz von der Sozialhilfe abhängig, das sind ungefähr 23 000 Mütter. «Junge Frauen mit einem Kind sind oft langfristig auf soziale Hilfe angewiesen», sagt Peter Malama, Direktor des Gewerbeverbandes Basel-Stadt. «Sie haben geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt und sind deshalb gezwungen, niederschwellige Teilzeitbeschäftigungen anzunehmen.» Insbesondere für Mütter ohne Ausbildung sei es schwierig, eine finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen.
Der Gewerbeverband hat deshalb vor vier Jahren das in der Schweiz einzigartige Projekt Amie gegründet, um den Betroffenen zu helfen, mit ihrer schwierigen Situation fertig zu werden. «Wir bieten jungen Müttern ohne Lehrabschluss die Chance, aus der Negativspirale auszubrechen», sagt Projektleiterin Franziska Reinhard. «Unsere Teilnehmerinnen haben oft keinen geradlinigen Lebenslauf, und ihnen fehlt ein intaktes Umfeld. Trotzdem wollen sie ihren Kindern etwas bieten und unabhängig sein.»
Die alleinerziehenden Mütter werden innerhalb eines Jahres durch verschiedene Massnahmen dabei unterstützt, Kind und Arbeit unter einen Hut zu bringen (siehe Box). «Bei uns merken die jungen Frauen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind, und können sich untereinander austauschen.»
Unterstützt wird das Projekt unter anderem auch vom Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt des Kantons Basel-Stadt. Departementsvorsteher und Regierungsrat Christoph Brutschin erklärt, wieso das Engagement Sinn macht: «Es ist die Verantwortung der Gesellschaft, junge Mütter zu helfen. Das ganze Leben ändert sich, und die Belastung ist enorm. Zudem ist es gut investiertes Geld, das weniger junge Mütter von der Sozialhilfe abhängig macht.»
Noch ist jedoch längst nicht alles Gold, was glänzt. «Konkrete Massnahmen sind manchmal schwierig zu realisieren», sagt Reinhard. «Viele Arbeitgeber stellen keine jungen Mütter an, weil sie aus ihrer Sicht ein Risiko sind.» So könne es durchaus vorkommen, dass eine Mutter nicht zur Arbeit gehen kann, weil ihr Kind krank ist. Für Kitty Cassée, die den Masterstudiengang Kinder- und Jugendhilfe an der Hochschule für Soziale Arbeit in Zürich leitet, ist diese Argumentation unverständlich. «Junge Mütter müssen sich gut managen können. Wenn sich jemand mit einem guten Dossier bewirbt, zeigt dies, dass sie mit der Situation gut zurechtkommt und das Multitasking beherrscht.»
Bisher können junge Mütter nur an dem Projekt teilnehmen, wenn sie über einen Schulabschluss verfügen, Deutsch in Wort und Schrift beherrschen, noch keine Erstausbildung abgeschlossen haben und Sozialhilfe empfangen oder stellensuchend gemeldet sind. «In Zukunft wollen wir ermöglichen, dass nicht nur Sozialhilfeempfängerinnen von dem Angebot profitieren können», sagt Projektleiterin Reinhard. Im nächsten Jahr sei ein erster Testlauf geplant. Sie hoffe auf die finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand oder von Stiftungen.
Das Leben von Esmaidelyn Nuñez hat sich dank der Teilnahme bei Amie zum Positiven verändert. «Ich war erst mal froh, einen geregelten Tagesablauf zu haben.» Durch die Hilfe von Amie fand die junge Mutter ein Praktikum. Seit August absolviert sie eine Lehre im Modebereich. Amie hat sie auch bei der Suche einer Tagesstätte unterstützt. «Ich bin stolz, mein Leben als Mutter wieder im Griff zu haben », sagt Esmaidelyn selbstbewusst. «Ich bin alleinerziehendes Mami und mache eine Lehre – nicht schlecht, oder?»
Amie - Berufseinstieg für junge MütterDas Projekt Amie in Basel fördert und begleitet junge Frauen, die noch vor Abschluss einer Erstausbildung schwanger geworden sind. Die jungen Mütter erarbeiten selbst einen individuellen Fahrplan, um den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt realisieren zu können. In verschiedenen Kursen trainieren sie das Bewerben, lernen Wissenswertes über die Erziehung, bessern ihr Schulwissen auf und arbeiten an der Persönlichkeitsbildung, um ihr Selbstvertrauen zu stärken. Die Frauen werden nach Bedarf von Coaches individuell begleitet. In Kooperation mit dem Basler Frauenverein werden die Teilnehmerinnen auch bei der Suche nach einer geeigneten Tagesstätte unterstützt.
Das Programm gibt es seit 2007 und wurde vom Gewerbeverband Basel-Stadt lanciert. Es startet jeweils im August und dauert ein Jahr. Im Jahr 2010/2011 haben 21 Frauen teilgenommen. 13 Teilnehmerinnen fanden eine Anschlusslösung, 6 haben den Kurs nicht abgeschlossen. |