der arbeitsmarkt | 11/2011 |
Viele Arbeitgeber gewähren ihren Mitarbeitenden für einen militärischen Auslandeinsatz unbürokratisch unbezahlten Urlaub. Die Erfahrungen können im zivilen Job hilfreich sein. Manchmal sind sie Auslöser für eine neue Berufskarriere.
Wachtmeister Susan Walder, 29, Medi-Team. «In der Zeitschrift ‹Krankenpflege› des Berufsverbandes der diplomierten Pflegefachpersonen entdeckte ich das Inserat der Swisscoy. Obwohl ich nicht auf Stellensuche war, hat mich der Stellenbeschrieb mit der Möglichkeit, selber «kleine chirurgische Eingriffe» durchzuführen, angesprochen. Verschiedene Leute aus meinem Umfeld waren bereits in einem Einsatz und haben alle sehr positiv von den Erfahrungen berichtet», erzählt Susan Walder. Sie kam ohne militärische Vergangenheit zur Swisscoy. Die Pflegefachfrau erhielt beim Spital Zollikerberg zehn Monate unbezahlten Urlaub, obwohl sie erst vor eineinhalb Jahren ihre Berufsausbildung abgeschlossen hatte und seither auf verschiedenen chirurgischen Stationen arbeitete. Der Einsatz interessierte sie so sehr, dass sie ihre Arbeitsstelle gekündigt hätte, falls der Arbeitgeber den unbezahlten Urlaub nicht bewilligt hätte: «Mit meinem Beruf ist es kein Problem, einen Job zu finden.»
«Der Einsatz fordert beruflich wie auch persönlich. Das Zwischenmenschliche ist die grösste Herausforderung; es ist schwer möglich, sich abzugrenzen. Zuhause bleibt die Distanz nach der Arbeit gewahrt. Hier sind die Patienten gleichzeitig Kollegen. Was mir jemand in der Sprechstunde sagt, würde er mir privat nie erzählen.» Diese Doppelrolle sei manchmal schwierig wahrzunehmen. «Während der Fachdienstwoche in unserer Ausbildung sind wir darauf gut vorbereitet worden.» Fachlich wurde Susan Walder weniger gefordert, als dies in der Fachausbildung in Bezug auf Minenopfer oder schwere Verkehrsunfälle thematisiert worden war. Der Alltag glich eher jenem in einer Arztpraxis. «Glücklicherweise hatten wir keine schweren Unfälle, obwohl wir natürlich dafür eingerichtet sind. Hier wird sehr professionell gearbeitet mit einer ebensolchen Ausrüstung.» Ihr Fazit: «Fachlich brachte mich der Einsatz im Kosovo nicht weiter, auf der persönlichen und sozialen Ebene profitierte ich sehr.» Einen weiteren Einsatz im Kosovo kann sie sich nicht vorstellen, anderswo im Ausland hingegen schon: «Afghanistan würde mich sehr interessieren.» Vor ihrer Rückkehr in den Spitalalltag hat sie Respekt, freut sich aber auf das Team. «Die Arbeit wird wieder viel strenger und intensiver.»
Oberwachtmeister Alex Bieli, 46, Medi-Team. Alex Bieli ist zum dritten Mal für ein halbes Jahr im Kosovo: Vor acht Jahren kam er als Rettungssanitäter mit dem 8. Kontingent und zwei Jahre später im 12. Kontingent als Teamleiter der Krankenpfleger. Der unbezahlte Urlaub wurde von «Schutz und Rettung Zürich» jeweils unbürokratisch bewilligt. Der Arbeitgeber verspricht sich Erfahrungen bei der Führung wie auch im zwischenmenschlichen Bereich. «Die Lage im Kosovo ist über die Jahre ruhiger geworden. Wir haben derzeit wenig zu tun – ausser medizinischer Hilfe bei Sportverletzungen, wie sie beim Volleyball, Landhockey oder Fussball geschehen.» Für die kosovarische Zivilbevölkerung steht die medizinische Versorgung nicht zur Verfügung, ausgenommen die erste Hilfe bei Verkehrsunfällen, bei denen das Militär involviert ist. «Wir sind für die multinationalen Truppen KFOR da», betont Alex Bieli, der seine militärische Karriere als Kampfpanzerfahrer begann. Die unsichtbaren Verletzungen sind es, mit denen der Rettungssanitäter am häufigsten zu tun hat. «Diese psychologische Arbeit ist anspruchsvoll und wird manchmal sehr persönlich. Ich gehe auf die Leute zu, wenn ich spüre, dass etwas auf der persönlichen Ebene nicht stimmt. Vereinzelt kommen die Kameraden direkt mit einem Anliegen zu mir.» Die Gespräche unterliegen der Schweigepflicht. Im Team werden einzelne Fälle bei Bedarf anonymisiert diskutiert. Der richtige Weg zwischen Distanz und Nähe ist eine Gratwanderung. Das Team ist dabei guter Rückhalt und hilft, sich selber abzugrenzen.
Die Suche nach einer Arbeitsstelle nach der Swisscoy-Zeit sei immer wieder ein Thema. «Die meisten haben gegen Ende ihres Einsatzes einen Job oder sich für eine Verlängerung entschieden. Einige haben gerade aufgrund des Auslandeinsatzes spannende Angebote erhalten», weiss Alex Bieli. Er kehrt in sein altbekanntes Team in die Einsatzzentrale zurück. Seine Stelle hätte er zu Gunsten eines Swisscoy-Engagements nicht gekündigt. «Dieses Risiko wäre ich nicht eingegangen. Ich habe einen guten Arbeitgeber.»
Obergefreiter Michael Nyffenegger, 28, Pionier. Abbau der Wachtürme im serbisch-orthodoxen Erzengelkloster nahe der südkosovarischen Stadt Prizren, Ausbau einer Strasse in die Stadt Mitrovica im Norden des Kosovo, Rückbau der Helikopterbasis Toplicane im Südkosovo. Bei den Pionieren des 24. Kontingents der Swisscoy hatte Michael Nyffenegger abwechslungsreiche Aufträge zu erledigen. «Es war für mich interessant, die Streitkräfte anderer Nationen zu sehen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Im Vergleich mit ihnen sind wir sehr gut ausgerüstet und können auch etwas», sagt er stolz. Als Rammpontonier wurde er in der Schweizer Armee zum militärischen Schiffsführer ausgebildet, hantierte mit Sprengstoffen und lernte den Umgang mit Baumaschinen. Als Herausforderung bezeichnet er die Zusammenarbeit mit der Zivilbevölkerung im Kosovo, die nicht dasselbe Zeitverständnis an den Tag legt, Pünktlichkeit eher locker interpretiert und beim Arbeitsmaterial noch Verbesserungspotenzial aufweist. Trotzdem: «Das war eine wertvolle Erfahrung. Ich wollte bei einem internationalen Militäreinsatz mitarbeiten und etwas ganz anderes als in meinem normalen Berufsleben machen. Ich bin froh, das alles erlebt zu haben. Das habe ich für mich gemacht.»
Nach seinem unbezahlten Urlaub kehrt Michael Nyffenegger an seinen Arbeitsplatz im Hauptbahnhof Zürich zurück. Der Zugverkehrsleiter hat oft mit Personal aus dem Balkan zu tun. «Nun kann ich mir unter dieser Region etwas vorstellen und mit den Leuten über ihre Herkunftsländer, die Mentalität und Lebensweise sprechen.»
Stabsadjutant Matthias Wolf, 34, «Liaison and Monitoring Team». An einem Messestand wurde Matthias Wolf auf die Swisscoy aufmerksam. Der Abteilungsleiter einer Kunststoff-Firma entschied sich gleich zu einem radikalen Schritt: Job und Wohnung kündigen. Ab dem Herbst 2004 war er für 18 Monate als Logistik-Zugführer im Kosovo, arbeitete an Projekten der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit und engagierte sich im ersten militärischen Team, das in engem Kontakt zur Zivilbevölkerung steht. «Der Auslandeinsatz übte eine grosse Faszination auf mich aus. Ich wollte meinen Kopf auslüften und etwas ganz anderes machen, ich wollte etwas verändern und Gutes tun.» Aus dem Kosovo buchte er 2006 einen dreimonatigen Sprachaufenthalt in Kanada, anschliessend reiste er weitere drei Monate im Land. Unterwegs schrieb er zehn Bewerbungen und erhielt vier Termine zu Vorstellungsgesprächen. «Ich hätte bei meiner Rückkehr in die Schweiz alle vier Jobs antreten können», erzählt er. Als Produktionsleiter einer Ostschweizer Fensterbaufirma arbeitete er vier Jahre. Dann standen 800 Überstunden auf dem Konto. «Zeit, zu gehen», dachte er sich und hatte die Stelle bereits gekündigt, als ihm ein neuer Einsatz bei der Swisscoy angeboten wurde. Bis Ende April 2012 ist er nun für weitere 18 Monate im Kosovo. Ein kleines militärisches Team bewohnt ein Privathaus in der Stadt Prizren. Auf täglichen Patrouillen finden Gespräche mit der Bevölkerung statt, sollen Probleme zwischen den Ethnien frühzeitig erkannt werden. «Diese Arbeit fordert mich und macht Spass. Die persönlichen Erlebnisse bringen mich menschlich weiter. Und die Führungserfahrung möchte ich nicht missen und wird mir zu Hause im Geschäftsleben sicher erleichtern, wieder Fuss zu fassen.» Gerade sein Wissen um die Probleme in Südosteuropa wird ihm in Führungspositionen in Schweizer Firmen helfen: «In der Industrie arbeiten viele Leute aus dem Balkan, ich hatte viele in meinen Teams. Diese rechnen einem hoch an, wenn man sich für sie interessiert.» Ob Matthias Wolf 2012 in die Schweiz zurückkehren wird, ist allerdings noch offen. Er hat bereits ein Angebot erhalten, für eine Fensterbaufirma in Asien ein Unternehmen aufzubauen.
Hauptmann Rubén Hidalgo-Soza, 33, stellvertretender Kompaniekommandant. Nach seinem ersten einjährigen Kosovo-Einsatz in den Jahren 2007/08 musste sich Rubén Hidalgo-Soza beim RAV melden. «Bei der Infanterie waren wir damals 7 Tage die Woche während 24 Stunden im Einsatz. Da blieb keine Zeit, mich für eine Stelle zu bewerben. Zudem erhielten wir im Kosovo die Zeitungen mit den Stelleninseraten immer mit mehrtägiger Verspätung, und der Zugang zum Internet an den vier Computern für 220 Soldaten war nur nach Voranmeldung und während eines engen Zeitfensters von einer halben Stunde möglich. Die Zeit seiner Arbeitslosigkeit hat er in schlechter Erinnerung. «Meine RAV-Personalberaterin wusste nicht, was wir hier im Kosovo machen, sie meinte, ich hätte einen einjährigen Wiederholungskurs geleistet. Und wegen meiner militärischen Karriere vor dem Einsatz hatte ich nicht genügend Arbeitstage vorzuweisen und damit zu wenig lange in die Arbeitslosenkasse einbezahlt. Im ersten Monat erhielt ich keine finanzielle Unterstützung.» Für den gewünschten Einsatz als UNO-Beobachter in Bosnien waren gute Englischkenntnisse Voraussetzung, aber der dafür notwendige Kurs sei ihm nicht bezahlt worden. Dafür musste er täglich eine Bewerbung nachweisen. Berufserfahrung hatte Rubén Hidalgo-Soza noch kaum gesammelt. Mit einer Verkaufslehre bei einem Elektronikfachgeschäft im Rucksack suchte er eine Stelle im Foto-/Fernseh-Fachbereich, mit seiner Führungserfahrung als Offizier auch mit Verantwortung. Er erhielt nur Absagen. Bei einer Stellenvermittlungsfirma kam er als Putzkraft unter, reinigte sechs Monate lang Apotheken und Polizeibüros, Autobusse und Postschalter – bis er per Zufall einen Personalverantwortlichen von Sony kennenlernte. 14 Monate rekrutierte er beim japanischen Konzern Personal für Deutschland und die Schweiz, bis er bei einer Entlassungswelle aufgrund der Wirtschaftskrise 2008 seine Stelle verlor. Auf das RAV wollte er nicht wieder gehen, und er meldete sich für das 22. Kontingent der Swisscoy. Seit dem Frühling 2010 ist er wieder im Kosovo. «Was ich hier in den verschiedensten Bereichen lerne, kann ich in meinem späteren Berufsleben gut gebrauchen. Ich leiste hier die Arbeit eines Geschäftsführers, verbessere meine Arbeitstechnik. Hier dürfen wir keine Fehler machen. Wir sind im Einsatz.» Doch er weiss auch: «Je länger ich im Kosovo bin, desto schwieriger wird es für mich, in der Schweiz eine Arbeit zu finden.» Mit einem Kollegen will er nun eine Firma für Sicherheitssysteme aufbauen. «Wenn das nicht klappt, kann ich mich immer noch für das 26. Kontingent im nächsten Frühling anmelden», sagt er und lacht. Seine Frau würde ihn sogar unterstützen. «Aber wenn wir Kinder haben, sind Auslandeinsätze für mich kein Thema mehr», versichert Rubén Hidalgo-Soza.
Oberleutnant Michael Zaugg, 24, Infanterie. Die Zeit nach seiner Polygraphenlehre hat Michael Zaugg vor allem im Militär verbracht. Bei den Grenadieren. Nach dem «Abverdienen» war er ein halbes Jahr arbeitslos. «Aber ich habe keine Arbeitslosengelder bezogen. Das hat mir mein Stolz nicht zugelassen.» Ein Jahr arbeitete er im Service, bevor er die zweimonatige Ausbildung vor dem Kosovo-Einsatz absolvierte und seither sechs Monate den Infanteriezug kommandiert. «Mir war schon vor meinem Einsatz klar, dass ich danach im Kanton Bern die Polizeischule machen möchte. Das ist ein lang gehegter Traum von mir.» Nun will er noch einen Französischkurs absolvieren. Sein Stellvertreter hat sich bereits vor dem Einsatz im Kanton Thurgau beworben und beginnt die Ausbildung. Überhaupt sehen sich viele Infanteristen des 24. Kontingents später bei der Polizei.
«Ein Jahr weg vom Zivilleben ist sicher machbar. Wer aber längere Auslandeinsätze leistet, wird es sicher schwerer haben, wieder in der Schweiz Fuss zu fassen und einen Job zu finden. Auf dem Bau verändert sich die Art der Arbeit kaum, aber bei anderen Berufen wie beim Polygraphen verläuft die Entwicklung rasant. Da darf man den Anschluss nicht verpassen.» Sein halbes Jahr im Kosovo beschreibt Michael Zaugg als sehr interessant und eine gute Erfahrung, was sicher auch für den Lebenslauf positiv sei. Trotzdem kommt für ihn eine Verlängerung nicht in Frage. «Das würde mich nicht weiterbringen.»