der arbeitsmarkt | 07/2011 | Text: Jean-François Steiert

Sind wir zu gebildet?

Wer gegen eine vermeintliche berufliche Überqualifizierung wettert, will meist nur den eigenen Status schützen. Bildungsfeindlichkeit schadet jedoch gerade dem Dienstleistungsland Schweiz und führt zu Fachkräftemangel.

Wer Zeitungen liest, könnte dem Eindruck erliegen, die ganze Schweiz sei überqualifiziert: Da sollen Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer gesenkt werden, weil sich sonst keine mehr finden lassen; der Mangel an Pflegepersonal wird unter anderem mit der sogenannten «Akademisierung des Berufes» in Zusammenhang gebracht – ohne Rücksichtnahme auf die Tatsache, dass die technischen Fortschritte und die organisatorischen Entwicklungen im Gesundheitswesen massiv höhere Anforderungen an das Personal stellen, als dies vor Jahren der Fall war. Andere wiederum stellen das gemeinsame Ziel von Bund und Kantonen in Frage, 95 Prozent der Jugendlichen in unserem Land zu einem Sek-II-Abschluss zu führen (Berufslehre, Fachdiplom, Berufsmatura, Fachmatura oder gymnasiale Matura): Früher sei es auch ohne gegangen, und die Schweiz brauche ja auch «unqualifizierte Arbeiter»!

Bei einigen dieser letzten Stimmen wird man den Eindruck nicht ganz los, es gehe auch um den Schutz privilegierter Positionen: Es ist etwas gar einfach, das Loblied des natürlichen Lebens ohne unnötige Bildung zu singen, wenn der eigene Nachwuchs wohlbehütet – und wenn nötig dank teurer privater Vorbereitungskurse für die Eintrittsprüfungen ins Gymnasium – den Weg einigermassen problemlos in die Universitäten schafft …

Kaum bestritten ist, dass wir in vielen Bereichen – von der Medizin und der Pflege über die Schulen bis zu den technischen Berufen – in einem Land, dessen volkswirtschaftlicher Erfolg wesentlich vom starken Mehrwert seiner Dienstleistungen und seiner Spitzentechnologien samt Zulieferbetrieben lebt, auf einen bedeutenden Arbeitskräftemangel zusteuern. Wer heute die beruflichen Qualifikationen heruntersetzt, findet möglicherweise kurzfristig für seine Branche einige zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, schadet aber langfristig der Qualität in seinem Tätigkeitsbereich und trägt zu einem ßfür unser Land ungesunden und gefährlichen Wettbewerb der Entqualifizierung bei. Statt Lehrerinnen-, Pfleger- und Technikerinnenmangel mit fragwürdigen Schnellbleichen zu kompensieren, brauchen wir weiterhin hohe Ansprüche, müssen aber die Wege zu diesem Ziel diversifizieren. Es muss über verschiedene Wege, insbesondere mit einer wenig bürokratischen Anerkennung bisheriger Leistungen, möglich sein, gute Qualifizierungen zu erreichen. Dazu braucht es vom Kleinkindalter an Investitionen in Lernzeit für diejenigen, die aus verschiedenen Gründen am meisten Mühe haben, einen solchen Weg zu finden.

Die Bildungsfeindlichkeit zielt neuerdings auch auf die Volksschule: Diese solle sich auf «Lesen, Schreiben, Zählen» (sic) konzentrieren; ungeachtet dessen, dass neben dem Zählen auch das Rechnen im Beruf wie im Leben noch nützlich sein kann, geht dieser Ansatz von einem extrem engen, stark berufsweltorientierten Ansatz aus – oft mit der verklärenden Behauptung, dies sei auch in den «guten alten Zeiten» so gewesen. Doch die Schule hatte auch in ihren Gründerzeiten im 19. Jahrhundert neben dem Vermitteln von Grundwissen immer auch zum Ziel, gesellschaftlich mehrheitsfähige Grundwerte mitzugeben. Das waren in Genf teilweise nicht dieselben wie in Appenzell, doch fanden diese Werte schon damals in allen Schulen unter anderem im Geschichts- und Naturkundeunterricht ihren festen Platz. Heute geht es beispielsweise um nachhaltige Entwicklung in all ihren Dimensionen, aber auch um politische Bildung als Grundlage für ein aktives Mitleben in unserer Demokratie. Die Schule bereitet uns auf das spätere Leben vor – und begleitet uns immer mehr in allen Formen der Weiterbildung. Dabei ist das Erwerbsleben ein wichtiger Bestandteil, aber bei weitem nicht der einzige, der die entsprechenden Bildungsziele prägen soll.

 
 
 

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