der arbeitsmarkt | 09/2011 | Text: Simon Wolanin

Wenn Spielen zum bitteren Ernst wird

Schweizer Casinos schaffen Arbeitsplätze und bringen Geld für die AHV. Sie locken aber auch Spielsüchtige an. Eine staatliche Regulierung des Angebots soll die sozialen Kosten des Glücksspiels eindämmen.

Die Schweiz ist eine Casinohochburg: Seit Inkrafttreten des neuen Glücksspielgesetzes im Jahre 2000 schiessen Spielbanken wie Pilze aus dem Boden. Derzeit sind 19 Casinos in Betrieb. Für 2012 sind in Zürich und Neuenburg zudem weitere Casinos geplant. Dadurch werden über 2100 Stellen geschaffen, und ein Teil der Einnahmen kommt der AHV zugute (siehe Kasten 1). Die Kehrseite der Medaille: Das grössere Angebot könnte zu einer Zunahme von Spielsucht mit ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen führen.

«Im Jahr 2009 hatten in der Schweiz etwa 120 000 Personen ein Problem mit dem Glücksspiel», erklärt Silvia Steiner. Die Präventionsfachfrau leitet bei «Sucht Info Schweiz» das Programm Glücksspielsucht. Im Vergleich zum Ausland liegt die Schweiz damit etwa im Mittelfeld. «In den USA oder Kanada ist das Problem grösser, der Anteil der Süchtigen bewegt sich in den meisten Ländern jedoch in einem ähnlichen Rahmen.» In den Casinos sind es vor allem die Spielautomaten, die zu Suchtverhalten führen. «Angebote mit einem schnellen Spielablauf, grossen Jackpots und variablen Einsatzmöglichkeiten sind besonders gefährlich», sagt Steiner. Dazu zählen auch Roulette, Sportwetten und Internetpoker.

Spielsüchtige verursachen hohe Kosten

«Die Motive der Süchtigen sind unterschiedlich», erklärt Psychologe Franz Eidenbenz. «Die Suche nach dem schnellen Glück treibt Menschen ins Casino, zu den Wetten und Lotterien. Oder auch der Versuch, dem tristen Alltag zu entkommen und etwas Besonderes zu erleben.» Eidenbenz leitet das Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte in Zürich. Dort können Glücksspielsüchtige in einer durch eine Fachpsychologin geleiteten Gruppe Erfahrungen austauschen. «Glücksspielsüchtige belasten nicht nur sich selbst, sondern auch ihr familiäres und gesellschaftliches Umfeld, beispielsweise wenn sie verschuldet sind und Rechnungen nicht mehr bezahlen können.» Auch auf die Arbeit habe die Spielsucht oft negative Auswirkungen. «Betroffene sind oft nicht mehr leistungsfähig, müde und unkonzentriert», sagt Eidenbenz. «Zudem haben sie einen grossen Finanzbedarf und versuchen manchmal auch, vom Betrieb Geld zu bekommen. Dies kann zur Kündigung führen.»

Personen mit Glücksspielproblemen verursachen in der Schweiz jährlich rund 70 Millionen Franken Kosten. Das besagt die Studie «Soziale Kosten des Glücksspiels in Casinos» aus dem Jahre 2009 im Auftrag der Eidgenössischen Spielbankenkommission (ESBK). Getragen werden diese hauptsächlich von den Arbeitgebern als Produktivitätsausfälle, ein beträchtlicher Anteil fällt aber auch auf die Familien der Spieler zurück. Der Staat hat folglich ein grosses Interesse daran, dieses Problem einzudämmen. Doch was unternimmt er konkret dagegen?

In der Schweiz fungiert die ESBK als unabhängige Kontrollinstanz. Sie bestimmt einerseits, welche Anbieter eine Konzession bekommen und ein Casino eröffnen dürfen. Andererseits kontrolliert sie die Spielbanken regelmässig mittels Inspektionen und Buchprüfungen und überprüft, ob die gesetzlich vorgeschriebenen Massnahmen korrekt umgesetzt werden. Jedes Casino ist verpflichtet, ein Sozialkonzept zu erarbeiten, das die schädlichen Auswirkungen des Glücksspiels eindämmen soll. Jörg Häfeli entwickelte unter dem Label «careplay» an der Hochschule Luzern Sozialkonzepte für die Grand Casinos Baden, Bern und Luzern. Er sieht die Regulierung des Glücksspiels in der Schweiz als weltweites Vorzeigemodell. «Es gibt ein gesetzlich vorgeschriebenes Konzept mit detaillierten Vorgaben, das von einer unabhängigen Instanz kontrolliert wird», sagt Häfeli. «Damit ist die Schweiz zum Beispiel Österreich und Deutschland einen Schritt voraus.» Er werde häufig ins Ausland eingeladen, um das gut funktionierende Schweizer Modell zu erläutern. Liechtenstein habe das Schweizer Gesetz bei der Konzessionsvergabe für sein Casino sogar komplett übernommen.

Symptome, Folgen und Anlaufstellen

Betroffene Zu den Glücksspielen gehören Spieltische in Spielbanken (zum Beispiel Roulette, Black Jack, Poker), Geldspielautomaten («slot machines») sowie Lotterien und Wetten. Bei der Spielsucht wird unterschieden zwischen dem problematischen (risikoreichen) und dem pathologischen (krankhaften) Spieler. In der Schweiz sind circa 120 000 Personen betroffen. Diese haben ein starkes Verlangen, zu spielen, und Schwierigkeiten, das Spielverhalten zu kontrollieren. Sie erleben Entzugs-erscheinungen, wenn sie nicht spielen können. Dem Spielen geben sie vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen Vorrang. Ausserdem müssen Süchtige um immer höhere Einsätze spielen, um dasselbe Hochgefühl zu erleben.

Auswirkungen Mögliche soziale Folgen sind eine belastende finanzielle Situation bis hin zu Verschuldung, Beschaffungskriminalität, sozialer Isolation und negativen Auswirkungen auf Partnerschaft, Familie und Arbeit. Spielsucht kann zu Konzentrations- und Leistungsstörungen, Unruhe und Schlaflosigkeit führen. Es besteht erhöhte Gefahr für depressive Verstimmungen und Persönlichkeits-veränderungen. Typisch sind auch ein steigender Konsum von Alkohol, Tabak und Medikamenten sowie Appetitlosigkeit, Schweissausbrüche, Zittern, Magen-Darm-Beschwerden und ein erhöhtes Suizidrisiko.

Unterstützung Aus Scham oder Verleugnung suchen nur wenige Betroffene Hilfe. Oft sind es Personen aus dem Umfeld des Süchtigen, die sich an Experten wenden. Unterstützung findet man unter anderem bei folgenden Angeboten:

Sucht Info Schweiz Das Institut bietet ein breites Informationsangebot für diverse Abhängigkeiten, realisiert Präventionsprojekte und engagiert sich in der Gesundheitspolitik und in der psychosozialen Forschung. www.sucht-info.ch

careplay Sozialkonzept zur Prävention und Früherkennung von Spielsucht. Unter «Beratung» findet man eine Übersicht über kantonale Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und Schuldenberatungen. www.careplay.ch

Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte, www.spielsucht-radix.ch Hier treffen sich 14-täglich jeden Montagabend Spielsüchtige, um in einer geleiteten Gruppe Erfahrungen auszutauschen und Verständnis zu finden.

 

Von der Erkennung bis zur Spielsperre

Was genau beinhaltet ein Sozialkonzept? «Ein wichtiger Aspekt ist die Früherkennung», sagt Häfeli. «Das Casinopersonal wird darin geschult, Gäste mit Spielsuchttendenz zu entdecken und zu melden. Dies betrifft das gesamte Personal, also beispielsweise auch Barmitarbeiter.» Um problematische Spieler zu identifizieren, achtet das Casino auf mehrere Merkmale. «Einerseits werden die Besuchsfrequenz und die Länge des Casinoaufenthalts registriert», erklärt Häfeli. «Entscheidend ist aber auch, wie häufig bei einem Besuch gespielt wird und wie sich der Gast verhält. Zum Beispiel kann aggressives Auftreten gegenüber dem Personal ein Zeichen sein, dass der Spieler sich nicht mehr im Griff hat.» Wichtig ist, dass die Gambler mit einem potenziellen Suchtproblem über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Dazu gibt es in allen Casinos das «Responsible Gaming Tool», mit dem alle problematischen Gäste erfasst und die bisherigen Massnahmen registriert werden.

Meist sind es die sogenannten Schichtmanager, die die betroffenen Spieler ansprechen und weitere Schritte einleiten. Diese reichen von einem Beratungsgespräch bis zu einer Spielsperre. Jeder Gast hat die Möglichkeit, sich selber in allen Casinos der Schweiz sperren zu lassen. Es ist aber auch von Casinoseite möglich, eine solche Sperre auszusprechen. Diese läuft auf unbestimmte Zeit und kann frühestens nach Ablauf eines Jahres aufgehoben werden. «In der Schweiz sind derzeit 30 000 Personen gesperrt, und nur zehn Prozent davon werden wieder aufgehoben», sagt Häfeli. Pro Jahr kommen circa 3500 Personen hinzu. 75 Prozent davon sind Selbstsperren. «Es kommt auch vor, dass ein Casino eine Sperre empfiehlt und der Gast sich daraufhin selber sperrt.»

Zwischen Gewinnstreben und sozialer Verantwortung

Schweizer Casinos bewegen sich in einem Spannungsfeld: Einerseits sind sie gesetzlich dazu verpflichtet, Massnahmen gegen Spielsucht zu ergreifen, andererseits streben sie als Unternehmen eine Gewinnmaximierung an. Entsprechend setzen sie auch Anreize, um die Gäste zum Spielen zu bewegen. Dazu gehört beispielsweise Alkohol. «Alkoholkonsum verlängert die Spieldauer und führt zu mehr Risikobereitschaft», erklärt Präventionsexpertin Silvia Steiner. Deshalb werden in Casinos alkoholische Getränke oft verbilligt angeboten. Auch Raucherzonen mit Spielmöglichkeiten animierten die Gäste dazu, mehr Geld zu verzocken. «Ein Rauchverbot könnte präventiv wirken, da das Spiel für eine Zigarette unterbrochen werden müsste», sagt Steiner. «Ausserdem ist der Raucheranteil bei problematischen Spielern grösser. Deshalb ist die Einrichtung von Fumoirs in erster Linie im Interesse der Casinos.»

In jedem Casino gibt es Gäste, die regelmässig besonders viel Geld einsetzen, die sogenannten «High Rollers». Jeder Anbieter möchte diese gutbetuchten Zocker in sein Casino locken, deshalb werden sie bevorzugt behandelt. «Den VIP-Gästen werden oft Gratisgetränke offeriert, und sie werden zu Events eingeladen», sagt Jörg Häfeli von «careplay». «Aus unternehmerischer Sicht ist es logisch, dass diesen Besuchern besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Trotzdem dürfen dabei keine sozialschädlichen Folgen entstehen.» Das sei ein heikler Balanceakt für jedes Casino, meint Häfeli. «Es ist auch für die Spielbanken kontraproduktiv, die Gäste kurzfristig abzuzocken. Lieber hat man viele Kunden, die weniger spielen.»

Casinoverbot würde nichts bringen

Wäre es eine Lösung, Casinos in der Schweiz wieder zu verbieten, um das Spielsuchtproblem einzudämmen? «Ein generelles Verbot bringt wenig», ist Jörg Häfeli überzeugt. Einerseits entgingen dem Staat dadurch viele Einnahmen. Andererseits würden die Süchtigen einfach im grenznahen Ausland oder online spielen. «Prohibitionen haben generell eher einen negativen Effekt, wie auch die amerikanische Alkoholprohibition in den zwanziger Jahren gezeigt hat.» Auch Silvia Steiner von «Sucht Info Schweiz» hält ein Verbot für wenig sinnvoll: «Glücksspiele kann man sicherlich auch im gesunden Mass machen. Der Übergang zur Sucht ist oft schleichend.» Psychologe Franz Eidenbenz hält fest, dass das Casino nur ein Angebot unter vielen anderen Glücksspielmöglichkeiten sei. «Je nach persönlicher Situation, kulturellem Umfeld und Verfügbarkeit ist es ganz verschieden, wo ein Betroffener seine Spielsucht auslebt.»

Studien zeigen denn auch, dass sich die Spielsuchtproblematik seit 1998 trotz Legalisierung der Casinos nicht gross verändert hat. Die vom Staat vorgegebenen strengen Rahmenbedingungen und die damit verbundenen Präventionsmassnahmen scheinen sich also bewährt zu haben. Die Zusammenarbeit zwischen den Suchtfachleuten könnte allerdings noch verbessert werden, meint Silvia Steiner: «Die Sozialkonzepte sind zum Teil von Kanton zu Kanton sehr verschieden.» Sie findet zudem, dass die Öffentlichkeit durch Kampagnen mehr auf das Glücksspiel als Problem aufmerksam gemacht werden sollte: «Spielsucht ist ein gesellschaftliches Problem, das auch in Zukunft nicht unterschätzt werden darf.»

Schweiz als Glücksspielparadies

Angebot Mit 19 Casinos ist das Spielbankenangebot in der Schweiz ausgeprägt. Wer eine Spielbank betreiben will, braucht eine Konzession des Bundesrats. Sieben Betreiber besitzen eine A-Konzession (Grand Casinos) und zwölf eine B-Konzession (Kursäle). Dazu kommen ab 2012 ein Grand Casino in der Stadt Zürich und ein Kursaal in Neuenburg. Kursäle unterliegen strengeren Einschränkungen bezüglich Einsatzlimits, maximaler Jackpotgrössen und Spielautomatenanzahl.

Regulierung Seit April 2000 fungiert die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) als Aufsichtsbehörde über die Casinos. Sie überwacht die Einhaltung des Spielbankengesetzes und der entsprechenden Vollzugsverordnungen. Der Bund erhebt auf den Bruttospielerträgen der Casinos die Spielbankenabgabe. Bei den Grand Casinos fliessen diese zu 100 Prozent in die AHV, bei den Kursälen werden 60 Prozent an die AHV und 40 Prozent an den Standortkanton ausbezahlt.

Ertrag Die Casinos erzielten 2010 rund 869 Millionen Franken Bruttospielertrag. 387 Millionen davon gingen an den Ausgleichsfonds der AHV; die Standortkantone der B-Casinos konnten knapp 67 Millionen kassieren. Haupteinnahmequelle sind Geldspielautomaten, die über 80 Prozent des Ertrags ausmachen. Dazu kommen klassische Spieltische wie Roulette, Black Jack oder Poker. Im Vergleich zum Vorjahr gingen die Einnahmen 2010 um über sieben Prozent zurück, was insbesondere mit der Konjunkturlage und dem in mehreren Kantonen eingeführten Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden erklärt wird. Dies hatte zur Folge, dass 2010 19 Millionen Franken weniger in die AHV-Kasse gespült wurden.

Stellen Die Schweizer Casinos beschäftigen 2140 Personen. Am meisten Angestellte hat das Casino Lugano mit 249 Personen, gefolgt vom Casino Mendrisio und vom Casino Montreux. Bei der Eidgenössischen Spielbankenkommission waren Ende 2010 38 Personen tätig.

 
 
 

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