der arbeitsmarkt | 07/2011 | Text: Jonas Baud
Der Anwalt der Wildtiere
Erwin Nüesch ist verantwortlich für das Wildschonrevier Zürich Nord. Seine einzige Mitarbeiterin ist ein adliger Vierbeiner. Probleme bereiten ausschliesslich die Menschen.
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Eine Reihe von Rehschädeln steht auf dem Tisch im Schlachtraum des Werkhofs Hönggerberg in Zürich. Wildhüter Erwin Nüesch ist gerade daran, sie auszukochen und so zu reinigen, dass sie aufbewahrt werden können. «Das sind keine Jagdtrophäen», erklärt er. Die Tierschädel würden von Schulen und Wissenschaftlern zu Studienzwecken gebraucht.
Auch solche Arbeiten gehören zu den Aufgabengebieten von Erwin Nüesch. Er ist einer der vier Wildhüter von Zürich und hat einen exklusiven Job, denn städtische Wildhüter gibt es nur in Genf und in Zürich. Sein Revier ist Zürich Nord – seine Kollegen betreuen Zürich Ost und West, derjenige mit dem Spezialgebiet Vögel ist im ganzen Stadtgebiet unterwegs. Das Zürcher Gebiet erstreckt sich über 92 Quadratkilometer. Nüesch beaufsichtigt unter anderem die Wildschongebiete Käferberg, Hönggerberg, Hürstholz und auch das Katzenseegebiet. Auch für die Gemeinde Oberengstringen ist er zuständig. Auf dem Gebiet ist er alleine unterwegs, auf sich gestellt – eine grosse Verantwortung. «Dafür habe ich eine grosse Freiheit und kann meine Arbeit selbständig gestalten», sagt der 53-jährige Zürcher. Als Wildhüter ist er direkter Ansprechpartner für alle Fragen betreffend Wildtiere in der Stadt und für das Wohlergehen der Tiere verantwortlich. Dazu gehören nebst vielen Vogelarten unter anderem Rehe, Füchse, Marder, Iltisse, Grosswiesel und selten Feldhasen. In Nüeschs Revier leben ausserdem fünfzehn Wildschweine.
Autos und Hunde als grosse Gefahren
Nüesch hat einen überraschenden Werdegang für einen Wildhüter. Der gelernte Automechaniker wurde Farbfotolaborant und arbeitete sieben Jahre lang bei der Kantonspolizei im Kriminalfotodienst. Anschliessend war er zwölfeinhalb Jahre bei der Berufsfeuerwehr; fast ebenso lange ist er bereits als Wildhüter tätig. Entscheidend für diese Berufswahl sei seine grosse Liebe zur Natur und zu den Tieren gewesen, sagt Erwin Nüesch.
Als Wildhüter muss er 24 Stunden pro Tag erreichbar sein und deshalb auch in der unmittelbaren Nähe wohnen. An Nüeschs freien Tagen springen seine Kollegen ein. Ständig erreichbar zu sein, ist wichtig, da Wildhüter beispielsweise bei einem Autounfall mit einem involvierten Wildtier vor Ort abklären müssen, was passiert ist. Etwa, ob allfällige Schäden am Fahrzeug tatsächlich durch ein Tier verursacht wurden. Leider komme es oft vor, dass Wildtiere von Autos überfahren werden: Nüesch entnimmt seinem Jeep eine Kiste mit einer toten Fuchsmutter. Diese sei überfahren worden; man wisse nicht, wo sich ihre Jungen aufhielten – die müssten jetzt wohl auch sterben. «Solche Ereignisse machen mich sehr traurig», sagt Nüesch.
Fatale Folgen
Ein zentraler Teil von Nüeschs Arbeit ist Aufklärung und Information. Der Wildhüter leitet Führungen mit Schulklassen und Erwachsenen durch die Wildgebiete, gibt sein grosses Wissen über Wildtiere weiter und berät Menschen, wie sie mit den Wildtieren umgehen sollten. Es ist beispielsweise nicht erlaubt, Hunde im Wald frei laufen zu lassen. Viele Hundehalter beachteten dieses Verbot nicht, sei es aus Unwissenheit oder Gleichgültigkeit. Zuerst versuche er, den fehlbaren Hundehaltern im Gespräch die Situation zu erklären. «Nützt das nichts, muss ich die Leute verzeigen.»
Das Laufenlassen der Hunde habe nämlich oft fatale Folgen, so Nüesch. «Der Hund stammt vom Wolf ab und hat noch immer einen natürlichen Jagdtrieb.» So komme es vor, dass sie Wildtiere verfolgen, sie erwischen und sich in sie verbeissen. Erwin Nüesch öffnet den Kühlschrank im Schlachtraum, nimmt einen toten Rehbock heraus und hängt ihn an einen Haken. Traurig zeigt er auf die Wunden am Hinterteil des Tieres. «Das Tier wurde von einem frei laufenden Hund gerissen.» Dieser habe mit seinem Biss kein lebenswichtiges Organ erwischt. Das Reh verblutete jämmerlich. «Es muss unheimliche Schmerzen erduldet haben», sagt der Wildhüter. Nun müsse er das Tier in gastronomietaugliche Stücke zerlegen, das Fleisch gehe dann an nahegelegene Restaurants.
Für die Menschen sei es wichtig, zu wissen, wie man sich verhält, wenn man einem Wildtier im Wald begegnet, insbesondere, wenn man ein verletztes Exemplar findet. «Das Wildtier fürchtet sich vor nichts so sehr wie vor dem Menschen», betont Nüesch. Wenn man sich einem verletzten Tier zu sehr nähere, komme dieses in einen unglaublichen Stress und versuche, mit letzter Kraft zu flüchten. Deshalb müsse man das Tier in Ruhe lassen und wenn möglich einen Wildhüter oder die Polizei kontaktieren.
Kekse und Kappen fürs Reh
In der Stadt gebe es auch viele Menschen mit einer «falsch verstandenen» Tierliebe. Das Füttern von Wildtieren sei das Dümmste, was man machen könne. Dadurch würden sie handzahm und verlören ihr natürliches Verhalten. «Solche Tiere muss man dann leider erlegen, sonst wird es gefährlich», so der Wildhüter. Denn sie könnten jederzeit unberechenbar reagieren. Das ist speziell bei Füchsen der Fall, die oft auch in Siedlungsgebieten unterwegs sind.
«Das Problem sind aber nicht die Wildtiere, es ist der Mensch», sagt Nüesch. Er erlebe manchmal schier unglaubliche Situationen. Er habe schon Anrufe erhalten von Leuten, bei denen Füchse bis ins Wohnzimmer gekommen waren. Besonders im Winter würden sich ausserdem viele Menschen unnötige Sorgen darüber machen, ob es den Tieren gut gehe. Nüesch fand schon einmal eine Packung Kekse in einer Futterkrippe mit der Aufschrift «fürs Reh».
Einmal habe ihn eine Frau kontaktiert und erzählt, sie habe Handschuhe und Kappen gestrickt. Und ihn beauftragt, diese an die Wildtiere zu verteilen, damit sie nicht frieren müssten. Und bei einem Damhirschgehege traf er eine Frau an, die einem der Tiere eine Schwarzwäldertorte durch das Gitter reichte. «Dabei wissen Wildtiere genau, wie sie sich in den verschiedenen Jahreszeiten verhalten sollen», sagt Nüesch. «Sie können ihr Futter selber finden.» Nur bei aussergewöhnlich kalten Wintern müsse eingegriffen werden, aber das komme so gut wie nie vor.
Treue vierbeinige Arbeitskollegin
Vor der Türe des Werkhofs wartet geduldig Nüeschs «Arbeitskollegin»: die 12-jährige Weimaraner Hündin «Centa von der Gundelrebe», ein adliges Tier mit langem Stammbaum. Der Wildhüter streichelt sie liebevoll. «Ohne sie könnte ich meine Arbeit nicht so machen, wie ich mir das vorstelle. Ihre Hundenase ist Gold wert.» Sie seien ein eingespieltes Team. Centa ist eine von Nüesch selbst ausgebildete Wach- und Schutzhündin. Sie sei sehr folgsam, sanftmütig und intelligent. «Ich kann mich hundertprozentig auf sie verlassen», sagt der Besitzer stolz. Die Hündin muss Kadaver aufspüren oder Wildtiere mit einem präzisen Biss töten können. Wichtig sei auch, dass sie verletzte Tiere apportieren kann, ohne sie mehr zu verletzen. Nüesch geht mit Centa auf Kontrolltour durch den Hönggerbergwald. Auf dem Weg späht er durch die Bäume und Büsche, schaut, ob alles in Ordnung ist. Diesmal erregt nichts seine Aufmerksamkeit. Nüesch ist es aber wichtig, klarzustellen: «Ich bin kein Waldpolizist!»
Für ihn steht das Wohlergehen der Wildtiere an erster Stelle. Doch ein Teil seiner Arbeit ist auch das Erlegen von Wild. Die ganze Stadt Zürich ist ein Wildschongebiet. Das bedeutet, dass nur die Wildhüter eine Lizenz zum Jagen haben und bestimmen, wann welches Wildtier erlegt werden muss. Voraussetzung für seine Anstellung war, dass er die kantonale Jagdprüfung bestanden hatte. Um für seine Arbeit die nötigen Qualifikationen zu haben, brauchte Nüesch auch das Jagdaufseherdiplom.
Der Wildhüter muss schauen, dass der Wildbestand nicht überhandnimmt, da sonst das Jungholz nicht richtig wachsen kann. Vor allem Rehe ernähren sich davon. Doch er überlege sich bei jedem Tier, ob er es erlegen müsse oder nicht. Das dürfe nie zur Routine werden. «Ich habe eine grosse Achtung vor dem Tier.» So beschäftigt er sich auch in seiner Freizeit mit Tieren – sein grösstes Hobby ist die Imkerei. Daneben bietet er privat einen exklusiven Service an: Er siedelt Wespen- und Hornissennester um. «Man muss nicht immer alles totspritzen», sagt er. Seine Motivation in seinen verschiedenen Berufsfeldern sei immer auch gewesen, sich für Minderheiten und Lebewesen in Notsituationen einzusetzen. Erwin Nüesch sagt: «Ich sehe mich als Anwalt der Wildtiere.»
Grün Stadt ZürichAbteilung Die Zürcher Wildhüter arbeiten für «Grün Stadt Zürich», eine Dienstabteilung des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements der Stadt Zürich. «Grün Stadt Zürich» ist unter anderem zuständig für die Projektierung und den Bau, den Unterhalt und die Bewirtschaftung von Park- und Sportanlagen, Friedhöfen, landwirtschaftlichen Flächen und Wäldern. Insgesamt 430 Mitarbeitende betreuen die 4440 Hektar Grünraum. Berufsgebiete Nebst den Wildhütern beschäftigt die Abteilung folgende Berufsleute: Landschaftsarchitekt/in, Raumplaner/in, Schreiner/in, Schlosser/in, Chauffeur/Chauffeuse, Disponent/in, Landmaschinenmechaniker/in, Winzer/in, Biologe und Biologin, Jurist/in, Betriebswirtschafter/in, Naturpädagoge und -pädagogin, Buchhalter/in, Webmaster, Journalist/in, Organisationskommunikator/in, Controller. Ausbildungsmöglichkeiten Eine Lehre kann man absolvieren im Gartenbereich, als Florist/in, Forstwart/in, Kaufmann/-frau, Motorgerätemechaniker/in, Landwirt/in, Fachfrau/-mann Landwirtschaft sowie Zeichner/in Fachrichtung Landwirtschaftsarchitektur. |