der arbeitsmarkt | 06/2011 | Text: Geri Müller, Nationalrat Grüne
Unsere Wirtschaft hat einen grundlegenden Konstruktionsfehler: Sie ist auf Wachstum ausgerichtet. Das hat Folgen für die Gesellschaft: Arbeitnehmende sind unter Dauerstress, und die Schwachen bleiben auf der Strecke.
Die acht Läufer für den 400-Meter-Hürdenlauf am Leichtathletik-Meeting stehen tänzelnd am Start. Das Startzeichen ertönt. Die Athleten senken sich fast gleichzeitig zu den Startlöchern und bereiten sich ein letztes Mal mental auf das Rennen vor. Ihre gesamte Konzentration und Kraft teilen sie sauber ein, damit das Maximum auf die Länge und die Hürden verteilt werden kann. Keiner möchte zu früh erschöpft sein oder am Schluss noch Energie übrig haben. Da fällt der Startschuss. Die Läufer zischen voller Elan los.
Sie sind knapp zweihundert Meter gelaufen, als die Rennleitung einen etwas unüblichen Entscheid fällt: Die Laufdistanz wird um 150 Meter verlängert. Eilig stellen Helfer zusätzliche Hürden auf; die Ziellinie wird ausgewischt, und zwei Helfer ziehen bei 550 Metern eilig eine neue. Nachdem die Läufer dreihundert Meter hinter sich haben, alle eng zusammen, fällt die seltsame Rennleitung einen weiteren Entscheid: Es soll nach jeder dritten Hürde eine weitere dazwischengestellt werden. Die Läufer fallen nun etwas aus dem Schritt, lassen sich aber nichts anmerken und ziehen weiter. Kurz vor der 500-Meter-Marke strauchelt der erste Läufer und fällt; auf den nächsten Metern geben zwei weitere auf. Endlich naht das Ziel. Da wird die Ziellinie auf Geheiss der Rennleitung erneut um 100 Meter verschoben.
Als die Läufer endlich das Ziel erreichen, jubelt nur der Rennleiter. Sein Meeting wird überall bestaunt. Er ist der erste, der einen international regulierten Wettlauf verdichten und verlängern konnte. Doch Achtung, die Konkurrenz schläft nicht! Schon bald werden auch andere Meetings die Renndistanz des Hürdenlaufs verlängern. Und die drei Ausgeschiedenen? Derjenige, der gestrauchelt ist, wird sich vermutlich bei der IV melden müssen; die beiden anderen werden bei einem Regionalen Läufer-Vermittlungsamt (RLV) vorbeischauen.
Absurd? Mag sein. Ich habe jedenfalls noch nie von einem solchen Rennen gehört, zumindest nicht in der Leichtathletik. Dennoch: Diese Geschichte habe ich nicht erfunden. Sie erschien mir, als ich an Firmenessen den Jahresberichten lauschte oder im Parlament Wirtschaftsberichte debattierte. Die Leader gehen kurz auf die tolle Leistung im letzten Jahr ein, danken allen aus vollem Herzen, um im gleichen Atemzug darauf hinzuweisen, dass diese Leistung fürs nächste Jahr natürlich nicht genüge, die Konkurrenz schlafe schliesslich nicht. Es werden zwar steigende Kennzahlen registriert, die Kurven müssen nach oben zeigen, immerfort. Natürlich steigen auch die Löhne, die Überzeiten werden ausgezahlt. Das verdiente Geld wird eingesetzt; nicht selten wird die fehlende Zeit durch höheren Energieverbrauch kompensiert, womit auch dieser steigt. Die anderen Zahlen stehen in anderen Jahresberichten – in dem der Invalidenversicherung, bei den Sozialausgaben, den Gesundheitskosten. Das sind die Zahlen der Gestürzten und derer, die nicht mehr mögen.
Und wir fragen uns, was das für ein System ist, das immer wachsen muss. In der Natur kommt es nicht vor, dort gibt es Zyklen. Stetes Wachstum gibt es nur in einem Fall: beim Tumor.