der arbeitsmarkt | 05/2011 |
Wie motivieren Unternehmen ihre Angestellten? Und welche Erfahrungen machen Arbeitnehmende mit den Motivationsanstrengungen der Arbeitgeber?
Inselspital: Der berufliche Alltag für die Ärzteschaft wie auch die Pflegenden in einem Spital ist oftmals geprägt durch lange Arbeitszeiten und nicht selten körperlich harte Arbeit. Nicht zu vergessen ist nebst der hohen physischen Präsenz auch die psychische Belastung. Trotz aller Begeisterung für eine Tätigkeit im Spital, quasi im Dienst für den Mitmenschen, brauchen wohl auch die Spitalangestellten mitunter einen Anreiz, der über die Bezahlung eines fairen Lohnes hinausgeht. Das Inselspital sieht es als ständige Aufgabe, die Anstellungs- und Arbeitsbedingungen attraktiver zu gestalten. Unter anderem profitieren die Mitarbeitenden des Inselspitals von einem breiten internen Weiterbildungsangebot und von Vergünstigungen in verschiedenen Geschäften und bei Dienstleistungsanbietern. Bei externen Weiterbildungen wird jedes Gesuch individuell geprüft. Liegt eine externe Weiterbildung im Interesse des Betriebes, beteiligt sich das Inselspital an den Kosten und/oder Bildungstagen, mit oder ohne Rückzahlungsverpflichtung. Es gibt keine Unterschiede zwischen dem Pflegefachpersonal, dem ärztlichen Personal und den übrigen Berufsgruppen. mm
Dachverband Schweizerischer Lehrerinnen und Lehrer (LCH): Eine Berufszufriedenheitsstudie des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer hat gezeigt, dass die Zufriedenheit der Lehrpersonen in Bezug auf jene Aspekte am grössten ist, die mit dem Unterricht, der Klasse oder dem Kollegium zu tun haben. Lehrerinnen und Lehrer schätzen an ihrem Beruf die Möglichkeit, selbst Neues auszuprobieren. Und sie sind zufrieden, wenn sie von ihren Schülerinnen und Schülern respektiert werden. Ebenso nutzen und schätzen sie den eigenen pädagogischen Handlungsspielraum sowie die Zusammenarbeit im Team. Besonders unzufrieden, so die Ergebnisse der Studie, sind sie mit dem Gleichgewicht zwischen Arbeits- und Erholungszeit, der mangelnden Möglichkeit, «abzuschalten», der zu hohen Lektionenzahl eines Vollpensums sowie ihrem gesunkenen Ansehen in der Öffentlichkeit. Lehrpersonen erhalten einen Fixlohn, variable Lohnbestandteile sind nicht vorgesehen. Auch Lohnnebenleistungen, sogenannte Fringe Benefits, gibt es nicht. Der Dachverband der Schweizer Lehrkräfte setzt sich für einen fairen Lohn, welcher der Ausbildung und den Anforderungen des Berufes entspricht, und für einen erfüllbaren Berufsauftrag mit den entsprechenden zeitlichen Gefässen ein. Ausserdem muss das Kerngeschäft – der Unterricht sowie dessen Vor- und Nachbereitung – wieder mehr Gewicht bekommen. Lehrpersonen schöpfen einen grossen Teil ihrer Motivation aus der wichtigen Bildungsarbeit mit den Kindern und Jugendlichen. Bessere Arbeitsbedingungen wären aber notwendig, um motiviert diese wichtige Arbeit über Jahre ausführen zu können. mm
Spross Garten- und Landschaftsbau: Die Firma Spross motiviert Mitarbeitende mit fairen Löhnen, einem 13. Monatslohn, zusätzlichem Weihnachtsbatzen, einem Bonussystem und Dienstaltersgeschenken. Sie organisiert regelmässig Mitarbeiteranlässe, hilft Mitarbeitenden bei Behördengängen, unterstützt sie finanziell oder materiell, wenn sie sich in Vereinen engagieren, und bietet kostenlose Deutschkurse an. In den firmeneigenen Personalliegenschaften können die Angestellten günstig Zimmer mieten und erhalten eine Vergünstigung auf eigene Wohnungen. Ausserdem steht ihnen ein grosses Ferienhaus in Spanien offen. Die Firma Spross hat eine eigene Pensionskasse mit überobligatorischer Verzinsung und einer zusätzlichen Einlage, die über den Arbeitgeber finanziert wird. Eine hauseigene Personalfürsorgestiftung steht für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Not- und Härtefällen ein. Aus den Erträgen der Stiftung konnten schon zweimal die BVG-Prämien für alle Mitarbeitenden zurückerstattet werden. ks
ABB Schweiz: Der Elektrotechnikkonzern sieht sich als «attraktiven Arbeitgeber». In Sachen Vergünstigungen gewährt ABB Schweiz diverse sogenannte Fringe Benefits – Lohnnebenleistungen –, so etwa die berufliche Weiterbildung, die «umfassend gefördert wird». Das Unternehmen betrachtet Weiterbildung als langfristig entscheidend für den unternehmerischen Erfolg und als einen Garanten für motivierte und selbstbewusste Mitarbeitende. Weitere Fringe Benefits sind etwa ein Fonds-Sparplan zur individuellen Vermögensanlage in der Säule 3b, Rabatte auf Ergänzungsversicherungen der Krankenkasse im Umfang von bis zu 25 Prozent, Rabatte für verschiedene Versicherungsleistungen sowie Vorzugskonditionen bei Produkten und Dienstleistungen in den Bereichen Auto und Service, Do it yourself, Elektronik, Freizeit, EDV, Gesundheit, Weiterbildung und Wohnen. ABB Schweiz hat ein spezifisches Arbeitszeitmodell mit Jahresarbeitszeit und Langzeitkonto, das eine flexible Gestaltung der Arbeitszeit erlaubt. Andere Fringe Benefits sind ein Ökobonus von jährlich 400 Franken zur Förderung der Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel, insgesamt elf Kinderkrippen und ein Kindergarten mit Hort im Umfang von rund 390 Tagesplätzen, ein besonderes Kinderweihnachtsgeld für Löhne von unter 6000 Franken und eine kostenlose Sozialberatung. mm
SRF Schweizer Rdio- und Fernsehen: Das grösste Medienunternehmen der Schweiz pflegt eine Personalpolitik, die die Mitarbeitenden als wichtigsten «Produktionsfaktor» ins Zentrum stellt. SRF wählt die Mitarbeitenden und Vorgesetzten sorgfältig aus. Vorgesetzte werden sensibilisiert auf ihre Verantwortung für das Produkt und die Mitarbeitenden. Sie führen mindestens einmal im Jahr ein formelles, toolgestütztes Mitarbeitergespräch durch; zusätzlich gibt es je nach Situation produkt- oder sendungsbezogene Feedbacks. Vernetzung und Teamarbeit sind für das Unternehmen zentral.
Den Mitarbeitenden bietet SRF attraktive Arbeitsbedingungen und technisch gut ausgerüstete Arbeitsplätze. Trotz eines 7/24-Betriebs existieren vielfältige Einsatzmöglichkeiten, damit Berufs-nd Familienpflichten optimal unter einen Hut gebracht werden können. Mittels Leistungsprämien können Akzente gesetzt werden. Der 13. Monatslohn ist Standard. SRF bietet Kinder- und Ausbildungszulagen, Verbilligungen von Abonnementen des öffentlichen Verkehrs und diverse Einkaufsvergünstigungen. Insbesondere für Medienschaffende existiert ein attraktives Aus- und Weiterbildungsangebot. Jb
Andreas Halbeisen: «In den letzten dreissig Jahren hatte ich mehrere Arbeitgeber. Wohl am stärksten motiviert wurde die Belegschaft der inzwischen leider durch die österreichische Muttergesellschaft geschlossenen Kartonfabrik Deisswil im bernischen Stettlen. Dort war ich während acht Jahren als Werkführer beschäftigt und als Papiermacher sowie Abteilungsleiter tätig. Es herrschte ein sehr gutes Betriebsklima, und die Angestellten identifizierten sich voll und ganz mit dem Betrieb. Das grundsätzliche Motivationselement war ein leistungsgerechter und fairer Lohn für alle. Ein weiterer Anreiz war die grosszügige Förderung der Ausbildung. So wurde mir die rund einjährige externe Meisterschulung zum Papiermaschinenführer vollumfänglich bezahlt. Diese Ausbildung mit neun Monaten Vollzeitschule, in denen ich nicht arbeitete, hatte einen Gegenwert von rund 100000 Franken. Dafür musste ich mich für eine Dauer von fünf Jahren verpflichten. Eine weitere Vergünstigung für die Belegschaft war die Wohneigentumsförderung mit attraktiven Krediten.» mm
Xavier Pfaff: «Motivation bei der Arbeit ist ohne Zweifel ein wichtiger Bestandteil der Glückseligkeit. Es macht also Sinn, sich über die eigene Motivation Gedanken zu machen. In meiner Funktion als Produktmanager im Bereich öffentliche Sicherheit finde ich für meine Motivation mehrere Quellen: Das Endziel ist, aus Kundenbedürfnissen Lösungen zu entwickeln. Dabei spielt für mich die Zufriedenheit des Kunden eine wichtige Rolle, wie auch die Feststellung, dass technische Innovationen wesentlich zum Wohlergehen der Menschen beitragen.
Dank einer sorgfältigen Analyse des Marktes und meinem Flair für innovative Lösungen kann ich solche Ziele erreichen und Erfolge realisieren. Neben der expliziten Anerkennung des Erfolgs durch den Endbenutzer spielt für mich auch die Anerkennung seitens des Arbeitgebers eine wichtige Rolle für meine Motivation. Diese basiert auf gegenseitigem Vertrauen und einer klaren und konstruktiven Kommunikation zwischen allen beteiligten Mitarbeitenden. Die Motivation lebt und ist regelmässig zu pflegen!» ks
Cornelia Kneubühler: «Ich arbeite seit dem 1. September 2010 bei ‹Aphasie Suisse›, der Fachgesellschaft und Betroffenenorganisation für aphasische Menschen. Wir unterstützen Fachleute, die mit aphasischen Menschen arbeiten, und helfen Menschen, die die Sprache ganz oder teilweise verloren haben. Ich fühle mich sehr wohl an meinem Arbeitsplatz. Als Geschäftsleiterin habe ich ebenfalls Vorgesetzte – den Vorstand des Vereins, konkret den Vereinspräsidenten. Zweimal im Jahr findet ein Mitarbeitergespräch statt, bei dem über die Erreichung der Ziele gesprochen wird. Da ich relativ neu dabei bin, habe ich noch nie an einem teilgenommen. Ich gehe davon aus, dass der Vereinspräsident mit mir unter anderem zurückblickt, wie motiviert das Team der Geschäftsstelle gearbeitet hat. Gemeinsam legen wir die zu erreichenden Ziele für das nächste Jahr fest. Zusätzliche Motivierungen finanzieller Art gibt es nicht. Es gibt weder Boni noch Vergünstigungen.» jb
Simon Schaufelberger: «LoRa ist ein alternativer Radiosender in Zürich. Der Betrieb ist sehr speziell – es arbeiten sieben bezahlte Mitarbeitende in der Verwaltung. Dann gibt es sehr viele Leute, die für das Radio als Moderatoren und Moderatorinnen tätig sind – ohne Bezahlung. Es gibt keine hierarchische Struktur, und der Lohn ist relativ niedrig. Alle verdienen gleich viel, natürlich mit den prozentualen Abstufungen. Die ersten zwei Jahre gibt es eine Lohnerhöhung von 100 Franken. Ich arbeite seit acht Jahren bei LoRa mit einem 60-Prozent-Pensum. Da das Radio LoRa gelegentlich Liquiditätsprobleme hat, kann es manchmal zu Verzögerungen bei der Lohnauszahlung kommen. Ich fühle mich aber trotzdem sehr wohl bei diesem Job und gehe motiviert arbeiten. Wir haben ein Anrecht auf eine jährliche Weiterbildung im Wert von 500 Franken. Diese Zeit kann als Freizeit kompensiert werden. Überstunden werden nicht ausbezahlt; man könnte sie theoretisch zeitlich kompensieren, was aber praktisch nicht möglich ist. Wir haben untereinander ein sehr familiäres Verhältnis.» jb