der arbeitsmarkt | 06.06.2011 | Text: Susanne Bonnaire
sb. Hoher Blutdruck, Allergien, Arthrose, Depressionen: Chronische Krankheiten treffen viele und werden in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Innovative Schweizer Firmen entwickeln hierfür elektronische Hilfestellungen.
Was vermögen Forschung und Medizin heute zu leisten, und wie kann man Technik und elektronische Kommunikation im Umgang mit chronisch kranken Patienten besser nutzen? An den «Trendtagen Gesundheit Luzern» im Frühjahr nahmen sich über 500 Fachleute aus dem Gesundheitswesen unter anderem diesen Fragen an. Und an der Tagung wurden IT-Lösungen präsentiert. «Chronisch kranke Menschen haben nicht primär den Anspruch, gesund zu werden, sondern unbeschwert zu leben», sagte etwa Patrick Kutschera, CEO der Evita AG. Die Firma entwickelt und vertreibt elektronische Produkte zum persönlichen Gesundheitsmanagement. Dieses gewinne zunehmend an Bedeutung, ist man bei Evita überzeugt.
Im Zeitalter des Internets seien Patienten oft ziemlich gut informiert, so Kutschera. Den Überblick über die eigenen Daten zu haben, sei eine wichtige Voraussetzung für eine erhöhte Patientenkompetenz. «Chronisch Kranke brauchen Begleitung, Sicherheit, Information. Wie wurde ich behandelt, welche Medikamente brauche ich? Diese wichtigen medizinischen Werte müssen erfasst werden.» Im Vordergrund steht für Evita eine verstärkte Vernetzung zwischen Patient und Gesundheitsdienstleistern wie Ärzten und Spitälern. Das jüngste «Kind» der Swisscom-Tochterfirma ist das «Gesundheitsdossier Evita», das seit Mitte Mai auf dem Markt ist. Dabei kann eine Privatperson die eigenen medizinischen Daten und Dokumente wie zum Beispiel Arztberichte, Diagnosen oder Röntgenbilder online speichern. Diese stehen ihr dann über Internet weltweit zur Verfügung. Der Inhaber pflegt seine Daten selbst und kann Vertrauenspersonen wie dem Hausarzt selektiv Zugriff auf das Dossier gewähren.
In der Schweiz zählt man schätzungsweise 700 000 chronisch Kranke - Tendenz steigend. Der demografische Wandel hin zu einer immer älter werdenden Gesellschaft wird die Problematik verschärfen. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollen bis ins Jahr 2020 weltweit zwei Drittel aller Krankheiten chronisch sein. Auch die aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahr 2007 sind alarmierend: Bei 15 Prozent der Bevölkerung ab dem 15. Lebensjahr ist Bluthochdruck chronisch. An zweiter Stelle der chronischen Krankheiten stehen Heuschnupfen und andere Allergien, gefolgt von Menschen mit Arthrose oder Arthritis. Unter Depressionen leiden 8 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe. Migräne und Asthma sind mit 6 Prozent ebenfalls verbreitet.
«Weltweit gehen 60 bis 80 Prozent der Ausgaben im Gesundheitswesen auf das Konto von chronisch Kranken oder Langzeiterkrankten», sagte Ellen Treppke, IT-Leiterin an der Akademie für Medizinisches Training und Simulation (AMTS). Das dem Luzerner Kantonsspital angegliederte Unternehmen bietet unter anderem chirurgische Weiterbildungen an. Treppke beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit «eHealth», der Anwendung elektronischer Medien im Rahmen der medizinischen Versorgung und anderer Gesundheitsdienstleistungen. Ein Anliegen ist ihr die wirtschaftliche und nachhaltige Entwicklung im Schweizer Gesundheitswesen. Eine ihrer Kernfragen: Welche IT-Lösungen bieten sich an, um chronisch kranken Menschen zu helfen?
Eine Antwort darauf lieferte Treppke an den Luzerner Gesundheitstagen: Telehomecare. Im Fokus steht dabei ein mit medizinischen Messgeräten und einer Kamera ausgerüsteter Koffer. Dieser gibt dem Patienten einerseits die Möglichkeit, seine gesundheitlich relevanten Daten dank entsprechendem Messgerät selbst zu ermitteln und in einer elektronischen Datenbank zu speichern. So kann ein Herzkranker etwa selbständig ein EKG durchführen und das Resultat speichern. Andererseits können chronisch kranke Patientinnen und Patienten die Sprechstunde mit ihrem Arzt per Videokamera bequem von zu Hause aus führen. Einen Internetzugang brauche der Koffer nicht. Wie diese Technik funktioniert, bleibt jedoch das Geheimnis der AMTS.
Das Sparpotenzial durch die telemedizinische Betreuung sei für das Gesundheitswesen beträchtlich, ist Ellen Treppke überzeugt. Bei Herzpatienten liege es bei 1500 Franken pro Jahr. Im Mittelpunkt der konzeptionellen Überlegungen stehe aber der Patient, betonte Treppke. «Mit unserem ‹Köfferli› erhöhen wir die Mobilität der Patienten, senken die Hospitalisierungsrate und verringern die stationäre Aufenthaltsdauer», benannte die Fachfrau einige Vorteile. Aufgrund des Krankheitsbildes eignet sich diese Technologie laut Treppke besonders für Patienten mit Asthma, einer Herzinsuffizient oder einer Lungenkrankheit. Der «Wunderkoffer», der noch keinen Namen hat, befindet sich in der Vorpilotphase. Der Start des Pilotprojekts ist auf August 2011 geplant. «Der Zeitplan scheint uns realistisch. Wir haben drei Interessenten, einer davon ist das Universitätsspital Zürich. Dort wollen wir den Koffer vor allem bei Patienten nach chirurgischen Eingriffen testen», sagte Franz Buffon von der Abteilung Business Development der AMTS. 5000 bis 10 000 Franken soll das «Köfferli» kosten. Buffon: «Natürlich sind wir daran interessiert, die Kosten zu senken. Deshalb versuchen wir laufend, die Technik zu optimieren.» Wann das Produkt auf den Markt kommt, sei derzeit jedoch noch nicht abschätzbar.