der arbeitsmarkt | 04/2011 | Text: Marco Borghi
Durchschnittlich 70 Prozent der Ja-Stimmenden befürworteten die Gegenargumente. Warum sie dennoch ein Ja einlegten, hat der Politologe Thomas Milic analysiert.
Letzten September sagten 53,4 Prozent der Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger Ja zur Änderung des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG). Das Resultat ist aber weniger eindeutig, als es auf den ersten Blick erscheint. «Es gibt einen erheblichen Teil der Ja-Stimmenden, die inhaltlich eigentlich eher zu einem Nein tendierten», sagt der Politologe Thomas Milic. «Prinzipiell hatten die Zustimmenden auch grosses Verständnis für die Argumente der Gegner.» Diese seien gar besser angekommen als die Pro-Argumente. Das geht aus der Vox-Analyse zur Abstimmung hervor, die Milic für das Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich und zusammen mit der Schweizerischen Gesellschaft für Sozialforschung (gfs.bern) durchgeführt hat (siehe Kasten).
Für die Vox-Analyse zur AVIG-Revision wurden mehr als 1500 Stimmbürger befragt Zum Beispiel über ihre Gründe für ein Ja oder für ein Nein. In einem zweiten Teil der Befragung bezogen die Interviewten Stellung zu den häufigsten Pro- und Kontra-Argumenten, die den Abstimmungskampf geprägt hatten. Dabei zeigte sich, dass die Mehrheit der Nein-Stimmenden mit den Argumenten der Befürworter nicht einverstanden war. Anders der Fall bei den Befürwortern: Der Mehrheit der Ja-Stimmenden erschienen die Gegenargumente durchaus nachvollziehbar. So stimmten 72 Prozent dieser Befragten dem gegnerischen Argument zu: «In wirtschaftlich schwierigen Zeiten darf die Arbeitslosenversicherung nicht abgebaut werden.» Ebenso viele teilten in der Vox-Analyse die Aussage: «Ein Abbau bei der Arbeitslosenversicherung hat zur Folge, dass für die Gemeinden und Kantone Mehrkosten entstehen.»
Die teils populistischen Argumente der Gegner im Abstimmungskampf seien auch bei bürgerlichen Wählern auf breite Akzeptanz gestossen, resümiert Thomas Milic. Etwa bei der Frage, ob es akzeptabel sei, Millionenboni auszuzahlen und gleichzeitig die Arbeitslosenversicherung zu kürzen. Seine Analyse hat ergeben, dass durchschnittlich 70 Prozent der befragten Ja-Stimmenden die Argumente der Gegner guthiessen. Dass sie sich am Ende dennoch für ein Ja entschieden, führt der Politologe auf das Argument zurück, die Arbeitslosenversicherung müsse saniert werden. Dieses habe den Ausschlag gegeben.
Die Analyse des Abstimmungsverhaltens habe gezeigt, dass es sich hierbei um Stimmbürger handelt, die ein vergleichsweise hohes Vertrauen in die Regierung haben, mehrheitlich aus dem bürgerlichen Lager kommen und wirtschaftlich gut positioniert sind. «Diese Gruppe folgt im Zweifelsfall eher den Vorschlägen des Bundesrates», sagt Milic. Bei der AVIG-Abstimmung habe sich für sie so die Ambivalenz zwischen der Notwendigkeit, die Arbeitslosenkasse zu sanieren, und den valablen Gegenargumenten beheben lassen. «Ähnlich verhielten sich die Stimmbürger bei der Abstimmung über die Spezialfinanzierung des Luftverkehrs von 2009», erinnert sich Experte Milic. Hier habe die Vox-Analyse gezeigt, dass 20 bis 30 Prozent der Ja-Stimmenden mit den Argumenten der Gegenseite sympathisierten. Dagegen habe es bei der Antiminarettinitiative eine Deckung zwischen Inhalt, Argumentenhaltung und Abstimmungsverhalten gegeben.
Eine weitere Auffälligkeit hat der Politologe gefunden: den Generationengraben. «Junge Stimmberechtigte, die einer möglichen zukünftigen Arbeitslosigkeit am stärksten ausgesetzt sind, lehnten die Gesetzesvorlage mit 63 Prozent von allen Altersgruppen am stärksten ab.» Während Stimmberechtigte mittleren Alters die Vorlage mit knapp über 50 Prozent annahmen, stimmten die über 70-Jährigen den Leistungskürzungen klar mehrheitlich zu. Ausschlaggebend war die Frage, ob man selber arbeitslos werden könne. Wer sicher war, nicht in die Arbeitslosigkeit zu geraten, sah in der Arbeitslosenabgabe vor allem die Kosten. Eine generationenübergreifende Solidarität habe es nicht gegeben, resümiert Thomas Milic. Und: Viele Stimmbürger hätten bei dieser Abstimmung im Dilemma zwischen Gerechtigkeitsempfinden und Ökonomie gestanden.
Vox-AnalyseVox-Analysen werden von der Schweizerischen Gesellschaft für Sozialforschung (gfs.bern) gemeinsam mit den Instituten für Politikwissenschaft der Universitäten Genf, Bern und Zürich erstellt. Seit 1977 werden sie nach jeder eidgenössischen Abstimmung innert 14 Tagen durchgeführt. Für die Analyse zur Revision der Arbeitslosenversicherung im September 2010 befragte die GfS 1511 Personen, davon 53 Prozent Deutschschweizer, 27 Prozent Romands und 20 Prozent Tessiner. Das Zürcher Institut für Politikwissenschaft analysierte unter der Leitung des Politologen Thomas Milic die Ergebnisse. Die Fragen in Vox-Analysen beträfen sowohl den Meinungsbildungsprozess wie den Inhalt der Vorlage, erklärt Milic. Dabei gehe es nicht um Erinnerungsfähigkeit, sondern um Sachkompetenz. Anders gesagt: Weiss der Stimmbürger, worüber er abgestimmt hat, und wie gut kennt die Stimmbürgerin die Vorlage? Weiter interessiere, wie sich jemand informiert hat, welche Medien also zur Meinungsbildung beigezogen wurden. Die Antwort, ob der Entscheid schwergefallen ist, sage etwas über die Komplexität der Vorlage aus. «Weiter wollen wir den Zeitpunkt der Entscheidung erfahren und natürlich, wofür sich die Stimmenden entschieden haben.» Der zweite Teil der Vox-Analyse fragt die häufigsten Pro- und Kontra-Argumente ab, die im Abstimmungskampf genannt wurden. Dabei komme es durchaus vor, dass ein Stimmbürger ein oder mehrere Argumente noch nie gehört hat, weiss Thomas Milic. Aus den Antworten bilden die Befrager eine so genannte Argumentenhaltung: Auf einer Skala von minus 10 bis plus 10 gibt der Stimmende an, wie stark er ein Pro- oder ein Kontra-Argument gutheisst oder ablehnt. In der Abstimmung zur Arbeitslosenversicherung etwa bedeutete plus 10: Man ist vollumfänglich auf Seiten der Gegner. Dabei sei es möglich, dass ein Stimmender am Ende des Befragungsinterviews merke, dass er eine Stimmabgabe gewählt habe, die gar nicht seinen inneren Anliegen entspricht. |