der arbeitsmarkt | 18.01.2011 | Text: Martin Mäder

Bedürfnis nach Angehörigenpflege wächst

mm. Dass die Menschen in der Schweiz immer älter werden, stellt die Wirtschaft vor neue Probleme: Unternehmen sind gefordert, ihren Mitarbeitenden die Flexibilität zu bieten, die diese für die Pflege betagter Angehöriger benötigen.

Bedürfnis nach Angehörigenpflege wächst
Swisscom-Kommunikationschefin Kathrin Amacker sprach über die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege. Foto: zVg
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Caritas-Forum 2011

Älterwerden bedeutet zwangsläufig auch ein erhöhtes Bedürfnis nach Pflege. Dass immer mehr betagte Menschen betreut werden müssen, betrifft nicht nur deren Familien in zunehmendem Mass, sondern auch die Arbeitgeber der pflegenden Familienmitglieder. Ging es früher beim Kontext Arbeit und Familie primär um die Vereinbarkeit einer Erwerbstätigkeit mit der Kinderbetreuung, rückt mehr und mehr die Altenpflege ins Zentrum.

«Die Unternehmen sind erst am Andenken dieses Themas und es gibt noch keine pfannenfertigen Lösungen», sagte Kathrin Amacker, Leiterin der Swisscom-Unternehmenskommunikation, in ihrem Referat am Caritas-Forum 2011 in Bern. Die sozialpolitische Tagung des Hilfswerks thematisierte das sogenannte vierte Lebensalter und stand unter dem Motto «Ist Alterspflege Privatsache?». Amacker wies vor den rund 180 Anwesenden darauf hin, dass dieses Thema für die Personalpolitik in Zukunft «von erheblicher sozialer Bedeutung» sein werde.

Bei KMU vorerst noch Neuland

Die frühere CVP-Nationalrätin erklärte weiter, dass sich bislang erst grössere Konzerne des Problems der pflegenden Angestellten angenommen hätten. Dieses private Engagement, warnte die Kommunikationsspezialistin, könnte die Beschäftigten von ihrer beruflichen Tätigkeit ablenken, wenn die Wirtschaft auf dieses Bedürfnis nicht angemessen reagiere. «Ein Unternehmen sieht sich dann möglicherweise mit einer verminderten Verfügbarkeit des Humanpotenzials konfrontiert», gab die Swisscom-Sprecherin zu bedenken.

Um diesem möglichen Trend einer beeinträchtigten Leistungsfähigkeit von pflegenden Angestellten entgegenzuwirken, schlug Amacker diverse Massnahmen auf Firmenseite vor. «Familienfreundlichkeit im Unternehmen heisst nicht nur, möglichst gute Voraussetzungen für Mitarbeiterinnen mit Kindern zu schaffen. Vielmehr ist allen Beschäftigten die Betreuung ihrer Angehörigen zu ermöglichen», präzisierte Amacker.

Die möglichen betrieblichen Massnahmen, die die Kommunikationsfachfrau skizzierte, wecken Erinnerungen an Angebote, wie man sie auch von der Kinderbetreuung her kennt. Als mögliche Lösungsansätze nannte sie flexible Arbeitsformen, Teilzeitmodelle sowie diverse interne wie externe Kontakt- und Beratungsstellen. Besonders unterstrich Amacker «die Notwendigkeit von Austausch- und Vernetzungsmöglichkeiten» für die Betroffenen.

Ein unbekanntes Terrain

Amacker mahnte, dass das Thema «in der Schweiz noch ein Tabuthema ist». Weil erst wenige einschlägige Forschungsergebnisse verfügbar sind, sei ein Problembewusstsein in der Wirtschaft erst ungenügend vorhanden. Es existierten «noch keine Best-Practice-Beispiele», und es fehle «an flächendeckenden Unterstützungsangeboten». Traditionell übernehmen mehrheitlich Frauen die Angehörigenpflege. Weil aber in den letzten Jahren der Anteil erwerbstätiger Frauen laufend zugenommen hat, ist ein neuer Konflikt in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie programmiert.

«Da noch immer speziell Frauen Mitte 50 ihre Arbeitsstelle verlassen, um die Eltern zu pflegen, braucht es innovative Arbeitszeitmodelle.» Diese Forderung vertrat am Alters-Forum Hugo Fasel, der Direktor von Caritas Schweiz. Fasel, von 1991 bis 2008 für die Christlich-soziale Partei (CSP) Mitglied des Nationalrats, rügte in seinem Votum den Umstand, dass die Generation der Hochbetagten «primär als Kostenfaktor» gesehen werde: «Es geht nicht um eine möglichst soziale Abwicklung eines sozialen Restpostens.»

Gestiegene Lebenserwartung

Das Bundesamt für Statistik (BFS) geht in einem Szenario davon aus, dass 2030 in der Schweiz nahezu 148 000 Menschen 90-jährig oder noch älter sein werden. Vor zehn Jahren hatte das BFS noch prognostiziert, dass deren Zahl 2030 bei «nur» 67 400 liegen werde. Gleichzeitig verweisen die Altersexperten darauf, dass im hohen Lebensalter die körperlichen Beschwerden zunehmen. Im Alter von 80 bis 84 Jahren, also an der Schwelle zum vierten Lebensalter, ist nahezu ein Fünftel bereits pflegebedürftig.


 

 
 
 

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