der arbeitsmarkt | 18.11.2010 | Text: Marco Borghi
Brida von Castelberg, 58, Co-Chefärztin Frauenklinik, Zürich.
Wie war Ihre Stimmung, als Sie heute Morgen zur Arbeit gingen?
Gut, weil ich meinen Tag mit einem Marktbesuch angefangen habe. Ich kaufte meine Blumen für die Sekretärin und mein Gemüse. Dann kam ich schon so beschwingt im Stadtspital Triemli an, dass der Tag nur noch gut laufen konnte. Anschliessend ging ich in mein Büro, um Mails zu beantworten. Danach kam der Rapport mit den leitenden Ärzten und mit der Pflegeleitung. Ich besprach, was in der Nacht war und was der Tag bringen wird. Das ist ein fixes Ritual.
Was geht Ihnen bei der Arbeit gegen den Strich?
Es gibt leider immer häufiger Dinge, die ich nicht gerne mache. Erstens nehmen die zunehmenden administrativen Arbeiten meinen Alltag immer mehr in Beschlag. Zum Beispiel bei einer Operation, die nur fünf Minuten dauert, muss ich viele Briefe versenden, viele Statistiken erstellen und viele Nebendiagnosen erfassen. Diese sind theoretisch dazu da, dass wir finanziell adäquat entschädigt werden. Es gibt aber Erfassungen, die praktisch nie ausgewertet werden können, wie das vorgesehen ist. Zweitens: Früher war das Spital kleiner. Zwei oder drei Personen entschieden alles. Zum Beispiel wie wir etwas besser machen oder eine neue Methode einführen könnten. Wir teilten die Arbeit unter uns auf und in einem Monat war das, was wir uns vorgenommen hatten, realisiert. Heute haben wir Projektgruppen, in denen so viele Personen beteiligt sind, dass es ihnen kaum möglich ist, einen gemeinsamen Termin zu finden. Der Enthusiasmus für etwas Neues wird im Keim erstickt, weil es soviel Zeit braucht, bis es mit allen besprochen ist. Das ist ärgerlich und innovationstötend.
Was gefällt Ihnen an Ihrem Job?
Der Kontakt mit den Patienten. Es freut mich, dass ich viele Lebensgeschichten in konzentrierter Form zu hören bekomme. Bei uns in Zürich hat es zahlreiche Menschen aus unterschiedlichen Kontinenten und Ländern. Mir gefällt auch der 12-Stunden-Tag mit Mitarbeitenden, die ich nicht selber ausgesucht habe. Es ist mir wichtig, dass gute Beziehungen daraus entstehen. Wir lernen, miteinander umzugehen. Jüngeren Ärzten gebe ich gerne Erfahrungen weiter - nicht als Lehrperson, sondern als Kollegin zum Beispiel während des Rapports. Wichtig ist mir zudem, dass wir zwar die Körpermedizin berücksichtigten, aber auch die Ärztin für Psychosomatik auf die Visite mitkommt. Die zukünftigen Ärzte sollen nicht nur gut funktionieren, sondern den Menschen auch ganzheitlich wahrnehmen. Leider werden heute Patienten auf dem Patientenpfad, wie auf einem Förderband von Untersuchung zu Untersuchung geführt. Das ist sicher billiger, entspricht aber nicht dem Wesen des Menschen.
Hätten Sie gerne mehr Freizeit?
Ich bin relativ alt geworden, bis ich gemerkt habe, dass ich mir die Freizeit auch nehmen kann. Ja, das hätte ich gerne. Aber es ist schwierig, wenn man solange keine Freizeit hatte, mit ihr etwas Sinnvolles anzufangen. Ich habe einige Arbeitsprozente reduziert. Jetzt mache ich alle Tätigkeiten, die ich vorher in Randstunden der Arbeitszeit gemacht habe, in der Freizeit. Meine Freizeit füllt sich mit Alltäglichkeiten, die gar nicht wirklich Freizeit sind wie zum Beispiel: Arzttermine, Coiffeur, Einkäufe. Ich finde es sehr schwierig, meine Freizeit zu verteidigen. Ich muss zum Beispiel mein Telefon abstellen, wenn ich nicht gestört sein will. Ich empfinde das als Kampf.
Wie wirkt sich die Wirtschaftskrise auf Ihr Leben aus?
Ich selber habe Geld verloren, aber das beeinflusst mein Leben nicht, da ich mein Geld in der knappen Freizeit sowieso nicht ausgeben kann. Ich glaube aber, es gibt mehr arme Leute unter den Patienten. Wir sind im Stadtspital eher im unteren Sektor der Gesellschaft tätig, die Begüterten lassen sich in Privatkliniken behandeln. Im Spital haben wir in der Krise vermehrt mit Menschen zu tun, die vielleicht neben der Depression auch noch Bauchweh oder andere psychosomatische Leiden bekommen. Wir sehen sehr viel soziale Probleme. Der Mann ohne Arbeit etwa, der seine Frau schlägt. Es dauert dann lange, herauszufinden, warum es der Frau so schlecht geht. Wir haben in einer Krisenzeit im Spital eindeutig mehr zu tun.