der arbeitsmarkt | 10/2010 | Text: Christian Keller

Zwischen Nahrungsproduktion und Ökologie

Die Versorgung des Landes mit Lebensmitteln ist längst nicht mehr vorrangiges Ziel der Schweizer Landwirtschaft. Landschaftspflege und Ökologie haben heute ebenfalls grosse Bedeutung. Zu Besuch auf dem Trolerhof, einem Biobetrieb im Aargau.

«Viele halten mich für einen Paradiesvogel», sagt Ruedi Weber und lacht. Wir stehen auf einer Wiese am Hang über dem aargauischen Menziken. Eine Mischhecke teilt die Weide in zwei Hälften, auf der oberen befindet sich ein grosser Obstgarten mit alten Apfel- und Birnbäumen, mit Zwetschgen und Kirschen, hier auf der unteren stehen Dutzende junger Hochstammobstbäume in Reih und Glied. Die Wiese sieht jetzt im Frühherbst nicht so aus, wie man sich eine artenreiche Biowiese vorstellt. Sie gleicht eher einem hochgewachsenen Rasen. Doch der Schein trügt. Diese Wiese ist Teil eines Forschungsprojekts für Biodiversität im Kanton Aargau.
Der Trolerhof liegt auf der Anhöhe zwischen dem Wynental und dem Hallwilersee und ist ein beliebtes Naherholungsziel. Es ist schön hier oben. In Richtung Süden geht der Blick in die Alpen, gen Norden über das weite Tal in Richtung Lenzburg, im Westen ist auf einer Anhöhe der ausgediente Sendeturm von Radio Beromünster zu sehen. Die harmonische, durch Bauernhand gestaltete Umgebung mit den vielen Obstbäumen rührt einen an die Seele; man fühlt sich wohl und irgendwie zurückversetzt in eine vergangene Zeit, als die Welt noch in Ordnung war. Der 56-jährige Ruedi Weber bewirtschaftet den Hof seit 1988. Seit über hundert Jahren gehört eine Landbeiz zum Trolerhof. Früher war sie Nebenerwerb des Bauern, «eine Sommerwirtschaft mit saurem Kalterer und einer Kegelbahn»; heute ist sie verpachtet.

«Ich produziere Naherholungsraum»

An diesem Vormittag sind Ruedi Weber und sein Lehrling mit Zäunen beschäftigt. Walter Lendenmann ist zwei Jahre älter als sein Meister und hat vor wenigen Wochen die Zweitausbildung Landwirtschaft in Angriff genommen. Wegen zunehmender Probleme mit dem Gehör hat sich der Sekundarschullehrer frühpensionieren lassen. Jetzt fängt er hier ein neues Berufsleben an: an der frischen Luft, in der Natur, mit körperlicher Arbeit, wie er sagt, «bei der man abends weiss, weshalb man müde ist». Dass er diese Ausbildung noch in Angriff nehme, habe auch mit dem Trolerhof zu tun. Er schätze diesen Ort und die Art, wie hier gewirtschaftet werde. «Ich hätte die Lehre nicht auf irgendeinem Hof machen können. Aber hier stimmt es für mich.»
Die Kontrollleuchte am Viehhüter zeigt, dass der Draht geerdet ist, irgendwo muss er eine Stange berühren. Wir schreiten die rund einen Kilometer lange Leitung ab, um den Fehler zu suchen. Während wir die Weide umrunden, erzählt Weber, wie dank einem Biodiversitätsprogramm des WWF die 150 jungen Hochstammbäume auf seinen Hof gekommen sind. «Die Bäume sind ökologisch wertvoll und eine Zierde der Landschaft», sagt der Biobauer, der für die Grünen im Aargauer Grossen Rat sitzt. Die Bewirtschaftung der Obstbäume lohne sich in der heutigen Zeit zwar nicht. «Doch die jungen Bäume sind eine Investition für die nächste Generation.» Heute stehen auf dem Trolerhof rund 300 Hochstämmer, die Schnitt und Pflege brauchen. Dafür bezahlen ihm Bund und Kanton jedes Jahr 30 bis 35 Franken pro Baum. «Ich produziere Naherholungsraum», erklärt Weber selbstbewusst, als wir wieder den Hang hochstapfen. «Die Menschen kommen gern hierher, weil sie spüren, dass ihnen diese Umgebung guttut.»
Auf dem Trolerhof wird Mutterkuhhaltung betrieben und Getreide angebaut. Webers Viehherde weidet friedlich auf der Wiese oberhalb des Hofs. Er hat 25 Mutterkühe und einen Stier, zusammen mit den Jungtieren sind es gut 50 Stück Vieh. Dank dem offenen Laufstall sind sie das ganze Jahr an der frischen Luft. Als zweiten Produktionszweig baut Weber vor allem Brotgetreide an, Dinkel und Weizen, aber auch etwas Raps und Leinsamen. Die Ernte liefert er an die Biofarm, die Bauerngenossenschaft, die mit dem biologischen Landbau in der Schweiz seit seinen Anfängen verbunden ist. «Die Produzentenpreise sind in der Schweiz in den letzten zehn Jahren um die Hälfte eingebrochen. Mit biologisch produziertem Getreide erzielt man aber auch heute noch einen anständigen Preis», sagt Weber. Für das Kilogramm Weizen erhält er dieses Jahr 1 Franken und 4 Rappen. Selbstvermarktung ist auf dem Trolerhof kein Thema. Ausser ein bisschen Fleisch an Stammkunden verkauft Weber ausschliesslich an Grossabnehmer. Dabei wäre der Trolerhof mit seiner Landbeiz prädestiniert für einen Hofladen, zumal seine Partnerin, Fabienne Gassmann, als Hauswirtschaftslehrerin das Know-how hätte, um attraktive Produkte herzustellen. Doch Ruedi Weber winkt ab: «Dazu fehlen uns die Ressourcen. Wir haben auch so genug zu tun. Aber wenn jemand so etwas aufbauen will, ist er bei uns willkommen!»

Historiker, Lehrer, Autodidakt

Die Produktion ist nur ein Standbein von mehreren. «Ich versuche, immer für Neues, Kreatives bereit zu sein», sagt Ruedi Weber, als wir am Mittagstisch sitzen. Der Quereinsteiger, der nie eine landwirtschaftliche Schule besuchte, hatte als junger Mann Geschichte studiert und nach dem Studium als Lehrer gearbeitet. Bis heute unterrichtet er unregelmässig auf verschiedenen Schulstufen, meist Stellvertretungen. «Als ich hier den Hof übernahm, haben mich viele für einen Spinner gehalten und mir zwei, drei Jahre gegeben. Sie haben nicht geglaubt, dass ein ‹Studierter› ohne bäuerlichen Hintergrund einen Hof aufbauen kann», erzählt Weber. Doch er habe sich den Respekt seiner Nachbarn mit harter Arbeit erkämpft. So ist aus dem Studierten der Troler-Ruedi ge­worden, den man landauf, landab kennt und der überzeugt ist, dass er seine Wahl in den Grossen Rat auch Leuten verdankt, die eigentlich nur SVP wählen.
Doch die Anfänge waren schwer und wären ohne Zusatzeinkommen nicht zu bewältigen gewesen. Direktzahlungen gab es noch nicht, als Weber den Hof übernahm, und die wenigen Biobauern im Land galten als Exoten und wurden schräg angeschaut. Mit der Begründung, dass er Landschaftspflege im Dienst der Bevöl­kerung betreibe, beantragte Ruedi Weber bei der Gemeinde den Lohn eines Gemeindearbeiters. Damit kam er nicht durch. Der Kanton Aargau hatte mehr Musikgehör: Die Abteilung Landschaft und Gewässer anerkannte den Trolerhof als Pionierhof für Ökologie und bewilligte für nicht produktive Flächen wie Blumen­wiesen und Hecken eine Entschädigung nach Massgabe der
Hagelversicherung.
Mit der Abschaffung des Subventionssystems 1993 wurde die Schweizer Landwirtschaft auf eine neue Grundlage gestellt. Statt der Selbstversorgung des Landes rückte die Landschaftspflege in den Vordergrund, ökologisches Verhalten wurde nun plötzlich belohnt, denn die Direktzahlungen wurden von ökologischen Leistungen abhängig gemacht. Damit hatte sich das Blatt für den Trolerhof gewendet. Aus dem ökonomischen Schlusslicht war über Nacht ein ökologischer Musterhof geworden. Mit 30 Hektaren hat der Betrieb heute eine respektable Grösse, der Durchschnitts-Biohof hat knapp 20 Hektaren. «Die Nutzfläche ist der wichtigste Produktionsfaktor in der Landwirtschaft, gefolgt vom Wetter», erklärt Weber. Als er den Hof übernahm, umfasste er gut 10 Hektaren Land. Der Rest ist im Laufe der Zeit durch Pacht und Kauf hinzugekommen.

Referenzhof für Biodiversität im Aargau

«Als ich den Hof vor 23 Jahren übernahm, war er in einem erbärmlichen Zustand. Es hat sogar zum Dach hereingeregnet», sagt Weber, als wir beim Kaffee sitzen. «Aber das dazugehörige Land war aus ökologischer Sicht in hervorragender Verfassung. Mein Vorgänger war eben vor allem Wirt und hat die Rationalisierung in der Landwirtschaft komplett verschlafen», erklärt Weber. Rückblickend sei dieser Schlendrian ein Glücksfall; ihm verdanke der Trolerhof seinen besonderen Charakter. «Während im ganzen Land die Bauern Hecken ausrissen, ihre Hochstammobstbäume fällten und die Wiesen drainierten, hat er kaum etwas in den Bauernbetrieb investiert. Hier wurde dem Leben nie mit Chemie zu Leibe gerückt wie überall sonst. Darum ist hier die Artenvielfalt und mit ihr das ökologische Gleichgewicht erhalten geblieben.» Die Artenvielfalt ist für die biologische Landwirtschaft besonders wichtig. Wo auf chemische Hilfsmittel verzichtet wird, braucht es die natürliche Regulierungskraft der Natur, um Krankheiten und Schädlinge in Schach zu halten.
Seine ökologische Unversehrtheit macht den Trolerhof zu einem interessanten Objekt für die Forschung. Regelmässig besuchen Botaniker, Biologen, Ornithologen den Hof, um Schmetterlinge und Vögel, Blumenarten und Käfer zu zählen und so die Biodiversität in Zahlen festzuhalten. Als Referenzhof im Projekt «Bewirtschaftungsverträge naturnahe Landwirtschaft» des Kantons Aargau ist der Trolerhof ein absolutes Mass für Artenvielfalt, an dem die Bemühungen von IP-Betrieben zur ökologischen Aufwertung und Landschaftsvernetzung gemessen werden.

Keine Angst vor der Zukunft

Walter Lendenmann ist zurück aus der Mittagspause und holt  auch uns wieder an die frische Luft. Das Feld, auf dem der Weizen gestanden hatte, muss von den Blacken befreit werden. Die Stumpfblättrige Ampfer ist die Geissel des Biobauern. Zwar schadet die tief wurzelnde Pflanze dem Vieh nicht, doch sie neigt dazu, ins Kraut zu schiessen, und schmälert damit den Ertrag. Weil der Einsatz chemischer Hilfsmittel nach der Bioverordnung des Bundes nicht erlaubt ist, müssen sie in mühsamer Handarbeit ausgestochen werden. Eine Plackerei. Im Frühling, wenn am meisten Blacken entfernt werden müssen, holt sich Ruedi Weber jeweils Unterstützung auf dem Zweiten Arbeitsmarkt. Im Kanton Aargau bietet die Stollenwerkstatt entsprechende Dienstleistungen an.
Was, wenn die staatliche Unterstützung eines Tages ausbliebe? Ohne die Direktzahlungen würde sich zwar einiges ändern, sagt Weber. Doch der Hof sei gross genug zum Überleben. «Landwirtschaftlicher Boden wird auch in Zukunft gebraucht», ist er überzeugt. Man könne ihn nicht einfach verganden lassen. Seine Strategie? «Ich würde mich einfach wieder neu ausrichten. Die verschiedenen Standbeine helfen mir dabei.» Vielleicht mit weiterer Extensivierung, dafür mit grösserem Zusatzeinkommen. «Ich möchte genug fit bleiben, um jederzeit auf ein neues Umfeld reagieren zu können», sagt er und sinniert: «Ein Bauer muss sich in der Meteorologie auskennen. Er muss reagieren können, wenn die Prognosen nicht eintreffen.» Doch so weit werde es nicht kommen, ist der Troler-Ruedi überzeugt, denn biologische Produkte würden weiter an Wert gewinnen, und auch eine intakte Landschaft sei zunehmend gefragt. «Ich habe keine Angst vor der Zukunft», sagt er. «Immer wieder aufstehen können ist meine Stärke.»

 
 
 

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