der arbeitsmarkt | 10/2010 | Text: Olaf Kühne
Generation Umbruch
Noch nie musste sich die schweizerische Landwirtschaft derart schnell mit wechselnden ökonomischen und politischen Gegebenheiten arrangieren wie heute. Eine junge Garde von Bauern meistert diesen Wandel.
Die drei Landwirte Stefan Burkhalter, Vinzenz Bütler und Roland Käser haben eines gemeinsam: Sie sind unter 40 Jahre alt, und sie haben in einer wirtschaftlich sehr bewegten Zeit den elterlichen Betrieb übernommen. Dabei gehen die drei mit dem Wandel, in dem sich ihre Branche seit Jahren befindet, unterschiedlich um. Der 27-jährige Roland Käser ist gerade dabei, von seinem Vater den Hof im zürcherischen Uster zu übernehmen und gleichzeitig mit ihm zusammen den Betrieb für die Zukunft fit zu machen. «Wir haben 2004 unsere Milchwirtschaft mit 35 Kühen aufgegeben», erklärt Käser den ersten grossen Schritt. Der Entscheid sei damals aber nicht primär aus wirtschaftlichen oder agrarpolitischen Gründen getroffen worden: «Bei meinem Vater begannen gesundheitliche Probleme. Dazu trennen unseren Hof eine Bahnlinie und eine vielbefahrene Hauptstrasse vom Weideland, was nie eine ideale Situation war. Deshalb fiel uns die Entscheidung leicht.»
Gemeinsam haben Vater und Sohn ihren Betrieb zu einer Pferdepension umfunktioniert und sind der klassischen Landwirtschaft dennoch in Teilen treu geblieben. So betreiben die Käsers mit 15 Kühen und Jungtieren weiterhin Mutterkuhhaltung. Die grosse Rendite sei damit nicht mehr zu erzielen. Doch Käser rechnet gesamtheitlich: «Die Produktion ist gut integriert in unseren Kreislauf. Auf einem Teil unserer 33 Hektaren bauen wir weiterhin Futtermittel für unsere Tiere an. Zudem können wir mit den Tieren auch die Weiden am Hang nutzen.» Nicht ohne Stolz erklärt der Jungbauer, dass das Kalbfleisch lokal beim Metzger von Uster in den Verkauf gelangt. Die lokale Verwurzelung zeigt sich auch in seiner primären beruflichen Tätigkeit. Der gelernte Zimmermann arbeitet 80 Prozent in einem Zimmereibetrieb in unmittelbarer Nähe des Hofes. «Diese Nähe und die Flexibilität meines Arbeitgebers sind für mich ideal. Wenn alles rund läuft, werde ich nächstes Jahr auf 60 Prozent reduzieren», umschreibt der Ustermer seine Zukunftspläne. Mit «alles rund laufen» meint er die hängige Bewilligung für den geplanten Reitplatz, der aus einer nicht mehr benötigten Wiese direkt unterhalb des gepachteten Hofes entstehen soll. Dabei planen die Käsers nicht einfach ins Blaue: «Der Pferdebestand in der Schweiz wächst stetig, und das Zürcher Oberland ist fast so etwas wie eine Reiterhochburg.» Nach der Aufgabe der Milchwirtschaft durch den Vater, als der Junior zwar noch vollzeitlich als Zimmermann tätig, aber schon in die Entscheidung miteinbezogen war, zeichnete sich für den Hof eine rentable Zukunft in der Pferdebetreuung ab. Anfänglich stellte man einfach den Platz zur Verfügung. In dieser Zeit absolvierte Roland Käser die Ausbildung zum Landwirt. Er verbrachte ein Praxisjahr bei einem Milchbauern in Meilen und schloss im Frühling 2008 die Bauernschule ab. Seit letztem Jahr nun übernehmen Vater und Sohn auch die Betreuung der acht Pferde.
Geplant ist, mit der Einweihung des Reitplatzes die vorhandene Kapazität für zwölf Pferde auszuschöpfen. Damit ist Roland Käser zuversichtlich, ab 2012, nach der Pensionierung seines Vaters, mit dem Hof ein Einkommen zu erwirtschaften, welches es ihm erlauben wird, seine Tätigkeit als Zimmermann auf 20 Prozent zu reduzieren. Ganz aufgeben will er seinen ursprünglichen Beruf gar nicht unbedingt: «Ich arbeite sehr gerne mit Holz und habe auch auf dem Hof sehr viel selber gebaut. Dazu verschafft mir die externe Tätigkeit auch eine schöne Abwechslung.»
Konzentration und Kooperation
Abwechslung ist für Stefan Burkhalter gar die Hauptmotivation, sich nicht voll auf den Bauernbetrieb zu konzentrieren. Der passionierte Schwinger, der dieses Jahr mit dem Sieg am Schwägalp-Schwinget und dem 6. Rang am Eidgenössischen in Frauenfeld nationale Bekanntheit erlangte, weiss denn über seine Nebentätigkeiten fast mehr zu berichten als über seinen Hof im thurgauischen Homburg. Er fand mit 14 Jahren zum Schwingsport und betreibt ihn seither leidenschaftlich. Dabei kommt es ihm sehr gelegen, dass sein Vater, von dem er den Hof vor elf Jahren übernahm, immer noch gerne als Stellvertreter einspringt. Denn Spitzensport, wie Burkhalter ihn betreibt, erfordert tägliches Training, bezahlt sich aber für Burki, wie seine Fans ihn nennen, auch immer wieder mal aus. «Diese Saison läuft super. Ich habe bereits vier Lebendpreise gewonnen», freut sich der Thurgauer. Einzig den Muni musste er verkaufen. Die drei Kälber hingegen passten perfekt in seinen Betrieb. Denn im Gegensatz zu den Käsers ist Burkhalter der Milchwirtschaft nicht nur treu geblieben, sondern er setzt voll und ganz auf sie. Mit rund 40 Kühen produziert er täglich etwa 1000 Liter Käsereimilch, die ihm von einem Genossenschaftskäser abgenommen wird. Welche Käsesorten daraus entstehen und über welche Kanäle diese vermarktet werden, weiss der Homburger nicht, und es interessiert ihn auch nicht. Er konzentriert sich lieber auf seinen eigenen Betrieb.
Um möglichst autonom zu sein, baut er auf seinen Ackerflächen ausschliesslich Futtermittel für seine Tiere an: Futterweizen, Mais und Futterrüben stehen auf dem Speisezettel seiner Vierbeiner. Lediglich Stroh und manchmal Heu muss er zukaufen. Wie pragmatisch der Schwinger wirtschaftet, zeigt sich auch, als er auf einen allfälligen Direktverkauf oder Hofladen angesprochen wird: «Wegen der paar Sonntagsspaziergänger bei schönem Wetter lohnt sich das definitiv nicht.» Die freien Kapazitäten nutzt der 36-jährige Hüne lieber für seinen Nebenjob als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma. «Ich habe schon Pink, Madonna, Mike Tyson und Evander Holyfield beschützt», schwärmt er. «Im Zürcher Hallenstadion während eines Konzertes für die Sicherheit der Stars zu sorgen, ist für mich der perfekte Kontrast zur Arbeit auf dem Bauernhof.» Burkhalter betont, dass er diese Tätigkeiten nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit ausübt, sondern einfach aus Spass an der Sache, und dass auch der Hof alleine ihm, seiner Partnerin und seinen zwei Kindern ein genügendes Einkommen sichern würde. Er gesteht aber ein, dass der geliebte Sport sowie der Nebenerwerb ohne die Stellvertretung durch den Vater und seine Partnerin nicht machbar wären. Auch profitiert er dabei von der guten Mechanisierung des Betriebes: «Alleine der Melkstand hat über 100 000 Franken gekostet. Er war aber sehr schnell mein bestamortisiertes Gerät.» Weil es gerade in der modernen Landwirtschaft viele Gerätschaften gibt, die sich durch einen einzelnen Betrieb unmöglich amortisieren lassen, haben sich die Bauern auf dem Thurgauer Seerücken untereinander arrangiert. So führt Burkhalter mit seiner 5,80 Meter breiten Mäherkombi Lohnarbeiten aus und bietet sein 8200-Liter-Güllenfass zur Vermietung an, während er wiederum beispielsweise einen Pflug oder die Säkombination von Berufskollegen mietet. «Wir sind diesbezüglich nicht in einer Genossenschaft oder so organisiert. Die Zusammenarbeit hier in der Umgebung klappt auch so sehr gut», erläutert er die nachbarschaftliche Kooperation und ist sich sicher, sich eineinhalb Jahre nach dem Wegfall der Milchkontingentierung gut mit der neuen Situation arrangiert zu haben.
Sortenvielfalt und Nachwuchssorgen
Kontingente waren für Vinzenz Bütler noch nie ein Thema. Bereits 1981 haben seine Eltern die Viehwirtschaft aufgegeben und den Hof, welcher 1922 durch Bütlers Urgrossvater übernommen wurde, auf Obstanbau umgestellt. Heute beschäftigt der 37-Jährige in Wädenswil am linken Zürichseeufer fünf Mitarbeiter und bildet jedes Jahr einen Lehrling aus. Er selber hat die Lehre zum Obstbauer absolviert, vor zehn Jahren das Meisterdiplom erlangt und sitzt heute in der Deutschschweizer Berufsbildungskommission. Dort ist er hautnah mit den Problemen der Branche konfrontiert: «Wir finden kaum Lehrlinge.» Dabei seien gerade im Obstanbau, im Gegensatz zur restlichen Landwirtschaft, externe Lernende ohne einschlägigen familiären Background sehr willkommen. «Auch wenn sie keinen elterlichen Betrieb übernehmen können, haben sie sehr gute Perspektiven im Handel als Einkäufer und in der Lebensmittelindustrie», gibt sich Bütler zuversichtlich und verspricht gar: «Eine Stelle nach dem Lehrabschluss ist garantiert.» Mit ein Grund, weshalb sich die Kommission und der Verband künftig verstärkt an Berufsmessen präsentieren wollen.
Wie gesamtheitlich eine Ausbildung in der Branche sein kann, zeigt sich bei einem Besuch auf Bütlers Betrieb. Zwanzig Apfelsorten, sechs Birnensorten, Erdbeeren, Himbeeren, Kirschen, Zwetschgen, Pflaumen, Grünspargeln, Johannisbeeren, Rhabarber, Kürbisse und Schnittblumen werden in Wädenswil nicht nur produziert, sondern teilweise ab Hof auch direkt vermarktet. Ergänzt mit Fleisch, Gemüse und Honig von anderen Bauern aus der Region betreiben Bütlers direkt an der stark frequentierten Hauptstrasse nach Schönenberg einen gut besuchten Hofladen - ein zentrales Standbein ihres Unternehmens. Der Zürcher Obstbauer bedient aber noch weitere, teils überraschende Absatzkanäle. Neben dem Verkauf an diverse Volg-Filialen und andere Hofläden werden Firmen und Schulen, die den guten alten Pausenapfel für ihre Mitarbeiter und Schüler wiederentdeckt haben, zu immer wichtigeren Kunden. Und seit einigen Jahren verteilt sogar die für die Prophylaxe zuständige «Zahnputzfrau» Äpfel von Bütler und fünf weiteren Produzenten an den Zürcher Primarschulen.
So setzt sich auch der Obstbauer stets mit der eigenen Zukunft auseinander: «Wir beobachten laufend, was sich am Markt so tut. Sei es bei Vermarktungsformen oder auch bei neuen Produkten. Den oft zitierten Trend zu urtümlichen Sorten kann ich beispielsweise überhaupt nicht bestätigen. Letztlich will der Konsument eben doch den schönen, glatten Apfel.» Neben der Auseinandersetzung mit Marketing spricht der Wädenswiler dann noch eine sehr elementare Bedrohung seiner Branche an: «Die Gefahr des Feuerbrandes ist noch lange nicht gebannt. Diese bakterielle Infektion kann dich ruinieren, denn versichern dagegen kannst du dich nicht. Glücklicherweise ist er dieses Jahr kein grosses Thema.» Hingegen ist auf seinem Betrieb eine andere Gefahr praktisch gebannt. Sämtliche Kulturen gedeihen unter Hagelschutznetzen. «Es war eine grosse Anfangsinvestition, die aber sehr schnell amortisiert war», zeigt sich Bütler zufrieden. «Seither schlafen wir viel ruhiger.»
Trotz zahlreicher Eigenheiten sieht der Obstbauer auch Parallelen zur restlichen Landwirtschaft: «Da es bei uns nie Kontingente gab, mussten wir viel früher lernen, uns am Markt zu behaupten. Betriebsschliessungen aus wirtschaftlichen Gründen gibt es in der Obstbranche aber genauso wie den Trend zu immer grösseren Betrieben.» So hat sich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in der Schweiz seit 1980 von 120 000 auf 60 000 halbiert. Die gesamthaft bewirtschaftete Fläche hat sich dabei aber kaum verändert. Viel Raum also für die neue Generation, ihre Ideen umzusetzen.