der arbeitsmarkt | 09/2010 | Text: Antje Hentschel

Maja Brunner

Mein Tag als Sängerin

«Als Morgenmensch arbeite ich am liebsten vor dem Mittag. In der Zeit bin ich sehr konzentriert und schaffe mehr, als sonst in einem ganzen Tag Platz hätte. Alles, was mich betrifft, manage ich selber, auch die administrativen Aufgaben. Eigentlich bin ich das Produkt, das ich selbst vermarkte und verkaufe. Das Büro zu Hause zu haben, bietet viel Freiheit, verlangt aber auch Disziplin, damit die Arbeit läuft. Manchmal muss ich mir schon ­sagen: «Komm, Maja, mach vorwärts!» Gleiches gilt für ­Privates. Jedes Jahr nehme ich mir vor, die Unterlagen ­für die Steuererklärung rechtzeitig zusammenzustellen - und jedes Jahr mache ich eine Nachtschicht. Aber unter Zeitdruck bin ich oft besonders produktiv. Gemütliches lege ich auf den Nachmittag. Ich treffe Bekannte, gehe ­ein­kaufen oder erledige meinen Haushalt.
Auf abendliche Auftritte bereite ich mich oft schon morgens vor. Das beginnt beim Haarewaschen und geht ­bis zur Kontrolle der Knöpfe am Kostüm. Ich kläre die Anreisezeit ab, informiere die Begleitperson, packe Kleider und Beauty Case und überprüfe meine Ausrüstung: Laptop für Halb­playbacks, CDs, Autogrammkarten, Plakate. Meine Engagements reichen von privaten Geburtstagsfeiern über Firmenfeste bis zu Grossanlässen. Ich ziehe mich zwischen Heustöcken an einem Open Air genauso um wie in der Garderobe eines Grandhotels. Die ­Abwechslung macht meinen Beruf unglaublich schön und interessant. Ich singe alle Musikrichtungen, ausgenommen Klassik und Heavy Metal. Man muss es ja nicht überstrapazieren.
Projekte ohne Medienrummel liegen mir besonders am Herzen. Das kann ein Gastauftritt beim Christopher Street Day sein, die musikalische Unterstützung für eine Spendenaktion oder ein Überraschungsbesuch in einem Wohnheim für Behinderte. Auch Pannen gehören zum Show­business. Ich mache die Erfahrung, dass einem das Publikum eigentlich alles verzeiht, wenn man ehrlich bleibt und nicht versucht, etwas zu überdecken. Ich bin  auch schon in einen Saal gefallen. Weil ich das Ende der Bühnenstufen nicht sah, stolperte ich und verstauchte mir den Fuss. Da das Adrenalin aber in dem Moment den Schmerz betäubte, absolvierte ich meinen Auftritt wie ­geplant. Als das Licht aus war, konnte ich keinen Schritt mehr gehen. Der Körper fährt dann sofort herunter.
Die Erfahrungen mit meinen Fans sind, bis auf wenige Ausnahmen, sehr angenehm. Ich erlebe immer wieder berührende Momente, oft mit Menschen, die mit meiner Musik aufgewachsen sind, später musikalisch abwandern und mit 40 wiederkommen. Eine junge Frau erzählte mir, sie habe als kleines Mädchen immer meine Musikkassette mit dem Lied «Das chunnt eus spanisch vor» gehört. Als die Familie aus beruflichen Gründen ins Ausland zog, habe sie grosses Heimweh gehabt. Die Kassette sei ihre Schweiz gewesen und bis heute der Inbegriff von Heimat geblieben. Von vielen Eltern erfuhr ich, dass ihren Kindern mein gesungenes «Gopferdeckel» damals sehr imponiert hat. Es sei für sie das Argument gewesen, das Wort auch benutzen zu dürfen.
Viele Liedtexte schreibe ich selbst. Bei nächtlichen Einfällen stehe ich auf, um mir die Ideen zu notieren. Kommt mir unterwegs etwas Gutes in den Sinn, singe ich schon mal ein paar Takte auf meinen eigenen Anrufbeantworter, damit ich später daran weiterarbeiten kann. Für Aufnahmen im Tonstudio habe ich das Glück, mit dem Inhaber befreundet zu sein, was das Arbeiten besonders kreativ und produktiv macht. Durch die technischen Möglichkeiten geht aber auch viel Persönliches verloren. Die meisten Musikschaffenden sind heute so eingerichtet, dass sie ihre Aufnahmen zu Hause oder im eigenen Tonstudio ­machen können. Am Schluss wird alles per Computer zu einem Musikstück zusammengefügt.
An einem freien Abend sehe ich gern fern, höre Musik oder lese. Auch Gesellschaftsspiele wie Jass oder Rommé mag ich. Ausserdem liebe ich es, mich handwerklich zu betätigen. Für Weihnachten bastle ich viele Geschenke selbst. Ich veredle beispielsweise gesammelte Blumentöpfe mit Verzierungen und schreibe sie persönlich für die Beschenkten an. Wenn ich Lust auf eine Veränderung habe, streiche ich mit Vergnügen die Wände meiner Wohnung, das ist immer ein bisschen im Fluss bei mir. Ich arbeite wirklich gerne kreativ, das entspannt mich. Es ist auch ein Ausgleich zum Singen, das ja irgendwie in der Luft verfliegt. Was ich mit den Händen herstelle, bleibt»

 
 
 

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