der arbeitsmarkt | 07/2010 | Text: Sascha Tankerville

Auf der anderen Seite der Ferien

Die schönste Jahreszeit, sagt der Volksmund, ist die Ferienzeit. Die Zeit, Seele und Beine baumeln zu lassen. Manche erholen sich am liebsten auf Balkonien, andere zieht es in die Ferne. Besonders Aktivferien stehen bei den Schweizerinnen und Schweizern hoch im Kurs.
Was für die einen die arbeitsfreie Zeit ist, weg vom Job und den Verpflichtungen des Alltags, bedeutet für andere Arbeit – und damit ein Einkommen. Wie lebt es sich auf dieser anderen Seite der Ferien? Wir zeigen Ihnen drei Beispiele von Menschen, die die schönste Jahreszeit unvergesslich machen.

Nächtigen wie Diogenes, nur gemütlicher

«Schlafen im Fass» wie Diogenes, der dem verwerflichen Einfluss des Komforts abschwörend in einem Fass gelebt haben soll: Dieses besondere Erlebnis bieten Monika und Andreas Rüedi auf ihrem Hof im schaffhausischen Trasadingen an. Doch so unkomfortabel wie bei Diogenes ist es keinesfalls. Auf dem traditionellen Bauernhof der Rüedis stehen drei riesige Holzfässer. Das ist in einem Weinbaugebiet an und für sich nichts Besonderes, wären da nicht die kleinen Türchen mit den Gucklöchern und die Holzgalerie, die die oberen Hälften der Tonnen miteinander verbindet. Dahinter verbergen sich 9 Schlafräume; 18 Schlafplätze auf einfachen Matratzen mit Wolldecken und blauweiss karierten Kissen laden zum Übernachten. Strom gibt es keinen. Wer hierherkommt, mag es einfach, bringt einen Schlafsack mit und bekommt als Lichtquelle eine Taschenlampe zur Verfügung gestellt. Entschädigt werden die Gäste durch Gemütlichkeit, Aussicht auf den liebevoll gehegten Garten mit Teich und die Gastlichkeit des Bauernpaars. In der Trotte, einem umgebauten Weinkeller, bietet ein Massen­lager mit weiteren 18 Schlafplätzen Unterschlupf.
Trasadingen liegt westlich von Schaffhausen an der Grenze zu Deutschland, im Klettgau, einer ausgedehnten, von sanften Hügeln umgebenen Ebene mit gepflegten Äckern und Dörfern. An den Nordhängen wachsen Weinstöcke. Die Gegend ist Teil des Schaffhauser Blauburgunderlands, das sich mit guten Weinen einen Namen gemacht hat. «Unsere Region hat den längsten zusammenhängenden Rebberg der Schweiz», sagt Monika Rüedi. Vor 15 Jahren übernahm sie zusammen mit ihrem Mann Andreas den Bauernhof seiner Eltern. Sie gaben die Viehwirtschaft auf, behielten einen Teil Ackerbau und konzentrierten sich auf den Traubenanbau. «Wir wussten, dass der traditionelle Betrieb allein nicht mehr rentiert», sagt der Landwirt. Damit Ackerbau sich bezahlt mache, müsse ein Hof heute mindestens 50 Hektaren Ackerland aufweisen. 20 Hektaren Land nennt das Paar sein Eigen: Auf 15 produziert Rüedi Weizen, Mais, Zuckerrüben und als Besonderheit Zuckermelonen. Die restlichen fünf Hektaren, die Reben, seien jedoch die rentabelsten, versichert Andreas Rüedi. Auf dem grössten Teil des Rebbergs baut er verschiedene Rebsorten für die Weinproduktion an. Auf einer halben Hektare gedeihen Tafeltrauben.
Zum Gastbetrieb kamen Rüedis durch Zufall. «Ein Kollege wollte in unserer Scheune ein romantisches Fest veranstalten», erinnert sich Monika Rüedi. Das Organisieren bereitete dem Paar Freude, und das Fest wurde ein Erfolg. So begannen sie, ähnliche Anlässe professionell auszurichten. Auf die Idee mit dem Fass brachte sie schliesslich die Frau eines befreundeten Landwirts. Die Fässer stammten aus der Konkursmasse eines Mostproduzenten und kos­teten die Rüedis fast nichts. Ausgebaut haben sie die Fässer selbst. Seit 2002 schlafen Gäste bei ihnen im Fass, für 26 Franken die Nacht mit einem einfachen Zmorge oder 36 Franken pro Übernachtung mit Frühstücksbuffet. Abends können Rüedis bis zu zwanzig Personen mit Raclette bewirten. Ist eine grössere Gesellschaft angemeldet, übernimmt ein externer Koch das Catering.
Von Frühling bis Herbst ist bei Rüedis «Fasssaison». Die Besucher übernachten vor allem an den Wochenenden bei ihnen. Unter der Woche ist es ruhiger. Diesen Sommer ist jedes Wochenende ausgebucht, und fürs nächste Jahr liegen bereits Buchungen vor. Das sind viele, lange Arbeitstage. Sie beginnen morgens früh und enden manchmal erst um 2 Uhr nachts. Die Arbeit ist alleine kaum mehr zu bewältigen. Deshalb hilft eine Freundin des Paares an den Wochenenden für einen Stundenlohn aus. Dann übernimmt Andreas Rüedi vor allem häusliche Pflichten und betreut die beiden Kinder im Primarschulalter.
«Wir können von unseren Einkünften leben und es uns leisten, Ideen auszuprobieren. Dabei können wir es auch verkraften, wenn etwas mal nicht klappt», sagt Rüedi. Derzeit erwirtschafte die Familie zwei Drittel ihres Einkommens mit der Landwirtschaft, ein Drittel verdiene sie mit dem Gastbetrieb. «Das Verhältnis wird sich weiter in Richtung Agrotourismus verschieben.» Der Ausbau von «Schlafen im Fass» ist beschlossene Sache. Der Landwirt erwägt, den Ackerbau aufzugeben und sich auf die Reben und den Tourismus zu konzentrieren. In zusätzlichen Fässern will das Paar Schlafzimmer mit Licht und eigenem Bad einrichten - punkto Bequemlichkeit soll sich das Übernachten in den Fässern von der «Holzklasse» zu «nordisch schlafen» verbessern. Ausserdem sind eine neue Frühstücksküche und eine Weinstube geplant, wo der eigene Wein verkauft werden soll - Eröffnung ist im Frühling 2012. Ziel ist eine bessere Auslastung auch während der Woche. Damit ist zwar mehr Arbeit verbunden. Aber durch den höheren Standard könnten sie die Einnahmen steigern, rechnen die Gastleute, und sich Angestellte leisten. Gerade darin sieht Monika Rüedi eine Chance für ihre Familie: «Dann kann ich die Arbeit auch mal abgeben und einen Tag frei nehmen. Darauf freue ich mich schon.»

Auf zu neuen Zielen, aber ohne Druck

Franz Reist freut sich - auf den nächsten Gipfel, den er erklimmen wird. «Das Schöne am Bergsteigen ist, dass du immer ein neues Ziel findest», sagt er. Ziele hat der 53-Jährige schon viele erreicht, nicht nur als Bergführer. Er ist Geschäftsführer und Mitinhaber der Bieler Berg- und Kletterschule «Höhenfieber», die er 1988 gegründet und die sich seither in der Schweizer Bergsteigerszene etabliert hat. Sie bietet von Kletterkursen für Anfänger bis hin zu Sommer- und Wintertouren im In- und Ausland und in verschiedenen Schwierigkeitsgraden alles an. «Die Teilnehmerzahlen an Kursen und Touren haben stetig zugenommen und sich auf einem guten Niveau eingependelt», sagt Reist. 28 Bergführer arbeiten freiberuflich für «Höhenfieber». Ein Sekretariat mit 180 Stellenprozenten hat das Administrative im Griff.
Schon als Bub hat es Reist auf Wanderungen mit den Eltern bis ganz nach oben gezogen. Als er zehn war, engagierte sein Vater einen Bergsteiger und nahm ihn mit auf seinen ersten Viertausender, das Breithorn bei Zermatt. «Von da an wollte ich Bergsteiger werden.» Die Zermatter Bergführer imponierten ihm. «Die kamen da rauf, wo andere nicht hinkommen, und strahlten den Geist von Freiheit und Abenteuer aus.» Trotzdem absolvierte Reist erst das Technikum als Maschineningenieur und arbeitete einige Jahre als Programmierer bei einer Bank. Gefallen hat ihm das aber nicht. Mit 27 machte er die Ausbildung zum Bergführer.
Seither hat ihn das Klettern nicht mehr losgelassen. Viele Jahre arbeitete er vollberuflich als Bergführer. «Als Bergführer und als Geschäftsleiter von ‹Höhenfieber› hätte ich zwar mein Auskommen», sagt Reist. Dennoch macht die Bergsteigerei heute nur 50 Prozent seines Einkommens aus. Nachdem er im Jahr 2000 Probleme mit dem Knie bekam und die Ärzte darin eine Zyste fanden, war ungewiss, ob er wieder würde klettern können. «Da habe ich mich gefragt, was ich sonst machen könnte. Zurück in den alten Beruf zog es mich nicht. Ich wusste aber, dass ich selbständig bleiben wollte. Mit Zahlen konnte ich gut umgehen, und Treuhänder oder Buchhalter sind immer gefragt. Also entschloss ich mich, die Ausbildung zum Treuhänder zu machen.» Kaum hatte er sie abgeschlossen, verschwanden die Beschwerden im Knie. «Ich denke, mir war der Druck als Bergführer einfach zu viel geworden.»
Die Gründe für den Stress erkannte Reist in den Rahmenbedingungen, unter denen Bergführer arbeiten. «Es ist ein strukturloser Beruf, den man gut ausüben kann, wenn man jung und unabhängig ist», sagt er. Gut 470 Franken verdient ein Bergführer pro Tag. Doch die Saison ist mit gut zwei Monaten von Mitte Juli bis Ende September kurz. Viele Bergführer suchen deshalb ausserhalb der Saison einen zusätzlichen Verdienst beim Militär, bei Jugend und Sport oder als Skilehrer. «Wenn einer hundert Tage im Jahr in den Bergen unterwegs ist, ist das viel. Damit erzielt er ein Einkommen von gerade mal 47 000 Franken - wovon er sich als Freiberufler auch noch sozial absichern muss», sagt Reist. «Wenn du Familie hast, brauchst du mindestens 75 000 Franken Einkommen. Dafür bist du aber 160 Tage unterwegs», sagt der vierfache Vater fast erwachsener Kinder und ergänzt: «Die Abwesenheit während fast eines Drittels des Jahres ist für die Familie eine grosse Belastung.»
Seitdem er sein Einkommen zusätzlich als Treuhänder absichert, kennt er diesen Druck nicht mehr. Jetzt führe er nur noch sporadisch Touren, dafür bereiteten sie ihm wieder Freude. Im Jahr sei er jetzt noch 60 bis 70 Tage unterwegs. Manche Kunden wollen auf einen Gipfel, viele wollen etwas lernen. «Die meisten wollen aber vor allem in schönen Landschaften gute Erfahrungen machen, die sie allein nicht machen könnten.» So führt Reist Seilschaften auf den Eiger oder das Matterhorn, was harte Arbeit ist, weil diese Partien körperlich streng, gefährlich und mit viel Verantwortung verbunden sind. Oder er leitet, wie unlängst in Südfrankreich, eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von 25- bis 50-Jährigen im Klettern an. Diese Kurse sind ein willkommener Ausgleich zu den harten Hochgebirgspartien. Da stünden der Spass und ein schönes Gruppenerlebnis im Vordergrund. «Solche Wochen sind auch für mich fast wie Ferien, nur dass ich auch für die Organisation und die Sicherheit der Leute verantwortlich bin.» Wenn es die Gesundheit erlaube, werde er sicher bis 70 weitermachen. Derweil denkt er über den nächsten Aufstieg nach, den er schaffen möchte: die Südwand der Marmolada in den Dolomiten. Wenn alles klappt, geht es im August los.

Erholung für verspannte Körper und Seelen

Berggipfel und Steilwände hat Yves Richoz jeden Tag vor Augen. Er ist der leitende Masseur des Thermalbades Lavey-les-Bains. Das 1831 gegründete Kurhotel und Bad liegt am Ufer der Rhone inmitten der mächtigen Waadtländer Alpenlandschaft. Die Berge liefern dem Bad die Existenzgrundlage - eine Hyperthermalquelle mit 62 Grad warmem Wasser, das für die Bade- und Kurgäste auf 34 Grad heruntergekühlt wird. Hierhin kommen die Menschen, um sich rundum verwöhnen zu lassen. «Wenn sie ankommen, sind die Leute oft etwas gestresst und verkrampft. Wenn sie wieder abreisen, wirken sie strahlender, als ob sie sich in jemand Neues verwandelt hätten», sagt Richoz. «Es macht mir Freude, zu wissen, dass ich zu diesem Wohlbefinden beigetragen habe und dass unsere Gäste, wenn sie in ihren Alltag zurückkehren, ihr Wohlsein an ihre Umwelt weitergeben.» Er wisse, dass er seinen festen Platz in der Gesellschaft habe, wenn er etwas dazu beitragen könne, die Härten des Alltags zu lindern. Was er als Masseur dazu beitrage, sei an und für sich klein. «Aber die Wirkung ist enorm.»
24 Masseure arbeiten in Lavey-les-Bains, einer zu hundert Prozent, die anderen in Teilzeitanstellungen. Sieben Stunden plus eine bis eineinhalb Stunden Pause dauert ein Arbeitstag: von 10 bis 18.30 Uhr oder von 12 bis 20.30 Uhr. Regelmässige Wochenenddienste gehören dazu. «Ich akzeptiere das gern, um hier arbeiten zu können», sagt Richoz, der selbst zu 80 Prozent angestellt ist und nebenbei ein paar Stunden pro Woche in einer Lausanner Arztpraxis arbeitet. Er habe sich ganz bewusst für die Arbeit im Wellnessbereich entschieden. Nicht aus finanziellen Gründen, als selbständiger medizinischer Masseur könnte er sicher etwas mehr verdienen. Dafür hätte er aber auch mehr administrative Aufgaben. «Hier kann ich mich hingegen voll auf das konzentrieren, was ich gerne mache.»
Seit sechs Jahren gehört Richoz dem Wellnessteam des «Grand Hôtel des Bains» an. Hier kann er seine Leidenschaft für die Massage in ihren verschiedensten Varianten ausleben. Er und seine Kollegen und Kolleginnen bieten ihrer Kundschaft Massagetechniken aus aller Welt an. Ob Shiatsu, Thai- (Nuad Bo Ram) oder orientalische Massage, Lomi Lomi (Hawaii), Tuina (China), Stone-Therapie oder Reflexologie (griechisch-ägyptisch): Egal, was Erholungssuchende bevorzugen, hier finden sie, was verspannte
Körper begehren.
Zur Massage kam Richoz als 21-Jähriger. Davor hatte er Möbelschreiner gelernt. «Ich merkte aber bald, dass das nicht so kreativ ist, wie ich gehofft hatte. Und mir fehlte der menschliche Kontakt.» Während der folgenden vierjährigen Ausbildung zum Heilpraktiker entdeckte er seine Vorliebe für die Massage. Er habe immer an die Fähigkeiten des Menschen zur Selbstheilung geglaubt. «Diese Energien einfach durch Berührung freisetzen zu können, das ist sehr befriedigend.»
Anfangs habe er gedacht, dass er als Masseur auf Reisen seine Arbeitsinstrumente, die Hände, immer dabei habe. Dieser Gedanke gefiel ihm besonders. Seine Reisen führten ihn nach der Ausbildung nach Asien und Australien. Gearbeitet habe er dabei zwar schon, aber mehr als Handwerker denn als Masseur. «Die Reisen waren für mich trotzdem lehrreich. Ich sah, dass Massage für die Menschen dort ein normaler, unverzichtbarer Teil ihres Lebens ist, sozusagen der Grundstein ihres Wohlbefindens.» Auch heute noch lasse er sich selbst regelmässig massieren, denn nur wenn es ihm gut gehe, könne er das auch weitergeben.
Das Publikum in Lavey-les-Bains sei sehr durchmischt. Neben den Gästen des Kurhotels, die von einem Tag bis zu mehreren Wochen bleiben, kommen auch Touristen aus den umliegenden Ferienorten - aus Montreux, Leysin, Martigny oder Les Diablerets - oder ganz einfach Menschen aus der Region. «Wir haben eine feste Stammkundschaft, die regelmässig zu uns kommt.» Die Touristen stammen aus der ganzen Welt, hauptsächlich aber aus Amerika, England, Italien und dem asiatischen Raum - aus Ländern, die von der Wirtschaftskrise arg gebeutelt sind. Das hat die Schweizer Tourismusbranche schon zu spüren bekommen. Doch Richoz merkt nur wenig davon. Um seinen Job macht er sich keine Sorgen, im Gegenteil. Als er vor sechs Jahren in Lavey anfing, seien rund ein Dutzend Masseurinnen und Masseure angestellt gewesen. Heute sind es 24 - weil immer mehr Gäste kommen. «Je mehr die Leute unter Druck sind und an Stress leiden, desto mehr brauchen sie Wellness. Und dafür sind wir da.» 

 
 
 

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