der arbeitsmarkt | 07/2010 | Text: Reto Liniger
Wer Französisch spricht, verdient mehr
Fremdsprachenkenntnisse bringen Vorteile für Portfolio und Portemonnaie. Sie steuern bis zu zehn Prozent zum Schweizer Bruttoinlandprodukt bei.
Im Reisebüro der Bundesreisezentrale klingelt das Telefon. Daniel Imhof meldet sich in Deutsch, stellt nach einigen Worten auf Englisch um. Ein Gespräch über ein Flugticket. Imhof berät den Kunden in fliessendem Englisch und tippt gleichzeitig auf seiner Tastatur herum. «One moment, please.» Imhof bespricht sich in Deutsch mit seiner Mitarbeiterin, wechselt dann wieder ins Englische. «Ein ausländischer Kunde - er wollte seinen Flug umbuchen», sagt er. Mit seinem Team organisiert Imhof die Geschäftsreisen der Bundesräte, der Parlamentarier oder ausländischen Diplomaten. Daniel Imhof ist beruflich angekommen - dank seinen Sprachkenntnissen.
Schon als Sekundarschüler habe er von einer Lehre in einem Reisebüro geträumt. Um möglichst gut vorbereitet zu sein und sich «einen Vorsprung gegenüber anderen Bewerbern zu verschaffen, habe ich mich gleich nach der Sekundarschule für einen Sprachaufenthalt in den USA entschieden. Englisch ist ein absolutes Muss in der Reisebranche», sagt Imhof. So ging der Berner mit 16 Jahren nach Arizona. Besuchte die Highschool, wohnte bei Familie Mullens und sprach ein Jahr lang nur Englisch. Dieser Aufenthalt war das Ticket zu seinem Traumjob. Arizona war vor fast 20 Jahren. Imhofs Englisch ist aber nach wie vor fliessend: Sicher führt er Telefonate, und E-Mails schreibt er «meist fehlerfrei». In der Bundesverwaltung arbeiten viele Romands, da sei auch Französisch wichtig. «Für internationale Kunden ist die Umgangssprache aber Englisch.»
Das obere Kader spricht Deutsch
Sprachkenntnisse können nicht nur Türen öffnen und Karrierechancen erhöhen. Nach Professor François Grin von der Universität Genf haben sie auch direkte Auswirkungen aufs Portemonnaie. Der Wirtschaftswissenschaftler hat in seiner 1999 veröffentlichten Studie den finanziellen Wert von Fremdsprachenkenntnissen für den Sprecher evaluiert: Spricht jemand in der Deutschschweiz «gut bis sehr gut» Französisch, kann er oder sie bis zu 15 Prozent mehr verdienen als der Arbeitskollege, der kein Französisch spricht. Beim Englischen sind es gar 25 Prozent mehr Lohn. In der welschen Schweiz macht sich die Sprache Goethes bezahlt: Wer «gut bis sehr gut» Deutsch spricht, kann bis zu 23 Prozent mehr verdienen. Sehr gute Kenntnisse der Sprache Shakespeares ermöglichen den Romands bis zu 12 Prozent mehr Salär. Die Studienergebnisse von damals gelten gemäss Grin noch heute.
Trotz Vormarsch des Englischen - in der Schweiz sind Französisch und Deutsch die wichtigsten Sprachen. Die Hälfte der Angestellten in der Romandie brauchen für ihre Geschäfte jede Woche die deutsche Sprache - Englisch nur 36 Prozent. Das zeigt eine Studie der Fachhochschule Solothurn-Nordwestschweiz (FHNW) von 2005. In der italienischen Schweiz wenden gar 68 Prozent der Angestellten Deutsch an. Wie in der Romandie ist auch hier die Abhängigkeit zur Deutschschweiz dafür ausschlaggebend. Wenig erstaunlich deshalb, dass nur in der Deutschschweiz Französisch und Englisch gleichauf liegen; knapp 40 Prozent aller Angestellten verwenden eine der beiden Sprachen regelmässig. Folgen hat dies vor allem für das Italienische in der Schweiz. Während Deutsch und Englisch weiter an Bedeutung gewinnen, wird Italienisch zunehmend marginal werden.
Fremdsprachen in allen Positionen wichtig
«Jemand, der sehr gut Deutsch und Französisch spricht, ist gesucht in der Schweiz», sagt denn auch Beatrix Simmen; Englisch werde von internationalen Konzernen verlangt. Die Assessmentspezialistin hat Personalrekrutierungen für Novartis, Ciba und Generali gemacht. Fremdsprachen seien heute vom «Sachbearbeiter bis ins Führungskader» wichtig. Der Anspruch sinkt aber entsprechend der Position. Erwarten drei Viertel der Betriebe Deutsch als Fremdsprache für das obere Kader, sind es laut FHNW-
Studie nur 37 Prozent für das Personal in der Produktion.
Trotzdem: Ein Sachbearbeiter in Bern, der in fliessendem Französisch einen Kunden aus Neuenburg bedient, ist gefragt.
43 Prozent der Schweizer Betriebe hat regelmässigen Kontakt mit fremdsprachigen Partnern. Besonders auf sprachgewandte Mitarbeitende angewiesen sind Gastgewerbe, Informatik, Banken, Versicherungen, Industrie und die Immobilienbranche.
Sprachkurse als Investition für die Zukunft
Ohne Fremdsprachen keine Geschäfte. Dennoch sind in der Schweiz nur wenige
Betriebe bereit, in die sprachliche Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden zu investieren. Gemäss FHNW-Studie leisten nur gerade 28 Prozent der Unternehmen einen finanziellen Beitrag an eine sprachliche Zusatzqualifikation. Die meisten Betriebe erwarten, dass ihre Mitarbeitenden die entsprechenden Fremdsprachenkenntnisse bereits mitbringen.
Dabei wäre es gut investiertes Geld, wie Professor Grin erstmals im April 2010 beziffern konnte. In der Schweizer Wirtschaft gehören Fremdsprachen neben den klassischen Produktionsfaktoren Kapital, Boden und Arbeit zum sogenannten Humankapital und haben einen bestimmten Wert:
50 Milliarden Franken. Grin und sein Forschungsteam aus Wissenschaftlern der Universitäten Genf und Montreal gingen in einem hypothetischen Szenario von einer «amnésie linguistique» - vom plötzlichen Fremdsprachenverlust aller mehrsprachigen Arbeitskräfte - aus. Gemäss ihrer Studie steuert die Mehrsprachigkeit in der Schweiz demnach rund zehn Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei.
Die Auswirkungen auf die Wirtschaft seien dabei nicht überall dieselben: «Sie variieren von Branche zu Branche und sind auch abhängig von der ‹vergessenen› Fremdsprache», sagt Grin. Englisch sei vor allem in der Chemiebranche, dem Finanzsektor oder der Maschinenindustrie wichtig, Französisch und Deutsch in den anderen Industrien oder den Unternehmensdienstleistungen. Weltweit erstmals habe damit ein Forschungsteam beziffert, welchen Gewinn Mehrsprachigkeit einer nationalen Wirtschaft bringen könne, schreibt Grin in seiner Studie. «Jeder Franken, der in sprachliche Weiterbildung investiert wird, wirft folglich eine Rendite von acht bis zehn Prozent ab. Das ist eine sichere Investition.» Der Staat solle sich deshalb vermehrt um die Pflege und Förderung der Mehrsprachigkeit sorgen: «Betriebe sollten durch Steuererleichterungen ermutigt werden, in sprachliche Zusatzqualifikationen zu investieren. Auf keinen Fall darf nur Englisch gefördert werden. Französisch und Deutsch sind mindestens ebenso wichtig.»
Ein Sprachaufenthalt als besondere Qualifikation
Daniel Imhof von der Bundesreisezentrale ist den klassischen Weg gegangen. Er hat sich seine sprachlichen Fähigkeiten vor dem Einstieg in die Berufswelt angeeignet. Und - indem er einen Aufenthalt in den USA verbrachte - eine Zusatzqualifikation der besonderen Art. «Ein Auslandjahr vermittelt nicht nur sprachliche Fähigkeiten. Ein Semester an einer Uni in London, ein Jahr bei einer Familie in den USA oder in Ecuador tragen viel zur Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen bei», sagt Beatrix Simmen. Der Student im Ausland lerne, sich in einem fremden Land durchzuboxen, zu arrangieren und Probleme «mit mehr Weitsicht» zu beurteilen. «Ein Sprachaufenthalt sensibilisiert für andere Kulturen, fördert das Verständnis und die internationale Integration», sagt Beatrix Simmen. Das sei in einer globalisierten Welt von grossem Wert. Ein Auslandaufenthalt als positives Argument in einem Bewerbungsdossier? «Natürlich», bestätigt die Personalfachfrau. «Arbeitgeber achten auf so was. Ich würde mich immer für denjenigen entscheiden, der im Ausland war.»