der arbeitsmarkt | 06/2010 | Text: Antje Hentschel

«Wer nur glücklich ist, ist weniger leistungsfähig»

Der Wirtschaftswissenschaftler Bruno S. Frey untersucht in seinem neuen Buch «Glück – Die Sicht der Ökonomie» die Ursachen von Glück und Lebenszufriedenheit – auch im Arbeitsalltag. Seine Forschung bestätigt Einschätzungen, fördert aber auch Unerwartetes zutage.

Herr Frey, wie glücklich sind Sie bei der Arbeit?
Bruno S. Frey: Ich finde mein eigenes Fach, die Volkswirtschaft, wirklich sehr spannend, weil man sie auf alles Mögliche anwenden kann. Ich bin glücklich bei der Arbeit, weil ich sehr gute Mitarbeitende habe, zum Beispiel eine der besten Sekretärinnen der Welt. Unter meinen Assistenten sind auch eine junge Dame aus Oxford, zwei Schweizer und ein Deutscher. Alle sind ein bisschen unterschiedlich, anders ausgebildet als ich, vielleicht statistischer orientiert, und haben inhaltlich verschiedene Ansichten. Das macht die Zusammenarbeit herausfordernd, aber es regt enorm an, mit ihnen zu reden.
 
Was macht Arbeitnehmende glücklich?
Sicherlich einmal, dass sie beschäftigt sind und eine Arbeit haben. Wir wissen, dass Arbeitslose sehr viel unglücklicher sind. Man kann also schon zufriedener und vielleicht sogar glücklich sein, wenn man eine Arbeit hat. Dann ist wichtig, dass die Arbeit selbst beglückend ist und dass sie Freude bereitet. Man muss sich überlegen, wann das der Fall ist. Für viele Menschen ist Autonomie entscheidend. Auch ich schätze es, weitgehend selbst bestimmen zu können, wie ich meine Arbeit gestalte.

Wie sehr beeinflusst die Arbeit das persönliche Wohlergehen?
Ganz gewaltig! Die Arbeit ist in unserer Gesellschaft und in unserer Zeit ganz entscheidend wichtig. Das kann man nicht durch immer mehr Freizeit ersetzen, auch wenn es immer wieder Leute gibt, die das glauben. Die werden dann meist eines Besseren belehrt. Arbeit stellt ja auch immer eine Leistung für andere Menschen dar. Daraus ergeben sich Kontakte und soziale Beziehungen. Für viele Menschen laufen die sozialen Beziehungen über die Arbeit. Sie sind oft sogar wichtiger als Freizeitbeziehungen, die halt manchmal an der Oberfläche bleiben.

Was können Arbeitnehmende selbst dazu beitragen, dass sie am Arbeitsplatz glücklich sind?
Zum Ersten muss man gut ausgebildet sein, damit man die Arbeit auf eine befriedigende Weise bewältigen kann und sich nicht dauernd überfordert oder überlastet fühlt. Die Ausbildung ist ganz, ganz wichtig! Natürlich ist es auch in einem bestimmten Ausmass eine Einstellungssache. Man muss sich halt auch sagen, dass es eine schöne Sache ist, wenn man eine Arbeit hat, und sich bemühen, sie gut auszufüllen. So kann sich Zufriedenheit einstellen. Wir wissen auch, dass Arbeitskollegen zu helfen und andere Leute zu unterstützen, den Gebenden glücklich macht. Man sieht, dass die anderen den eigenen Einsatz schätzen. Die Erkenntnis, dass etwas zu geben nicht nur den Empfänger glücklich macht, sondern den Gebenden oft noch mehr, ist für Ökonomen eigentlich recht erstaunlich.
 
Wie stark sind Ihre Mitarbeitenden im Arbeitsprozess involviert?
Wir gehen sehr weit in der Interaktion. Bevor einer meiner Assistierenden einen Vortrag hält, machen wir eine kleine Generalprobe, indem wir zuhören und Ratschläge geben, was man ändern könnte. Das findet im ganz kleinen Rahmen, zu viert oder fünft, statt. Genau das Gleiche machen wir, wenn ich selbst einen Vortrag vorbereite. Ich lege grossen Wert darauf, dass meine Mitarbeitenden mir Anregungen geben, was ich besser machen könnte, weglassen oder ergänzen sollte. Ich glaube, meine Vorträge sind dadurch auch wesentlich besser. Zuweilen wundere ich mich, wie andere Professoren die Zeit nicht einhalten, bei Vorträgen unklar reden oder zu viele Folien dabei haben. Man sollte erwarten können, dass jemand in dieser Position entsprechend vorbereitet ist. Aber dazu muss man eben mit anderen interagieren.

Wie können Vorgesetzte Einfluss auf das Glücksempfinden am Arbeits­platz nehmen?
Sie sollten nicht zu viel vorschreiben und den Untergebenen auch Entscheidungsraum lassen. Sie sollen mit ihnen darüber sprechen, wie dieser Spielraum am besten ausgefüllt wird, aber nicht einfach nur diktieren. Die Verhältnisse zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern sind in der Schweiz sehr gut. Vor allem im Vergleich zu anderen Ländern, wo viel mehr von oben bestimmt wird. Unsere Beschäftigten sind fast immer gut ausgebildet und motiviert. Es gibt wenige Schweizer, die der Arbeit gegenüber gleichgültig eingestellt sind. Das ist ein riesiger Vorteil, und den sollten wir noch besser entwickeln.

Könnten Sie diesen Vorteil präzisieren?

Die Chinesen und auch die Inder sind gewohnt, dass in den asiatischen Wirtschaften alles von oben diktiert wird - sonst tun sie nichts. Wenn wir konkurrenzfähig bleiben wollen, in der Schweiz oder auch insgesamt in Europa, müssen wir das fördern, worin wir gut sind. Das ist eben diese Selbständigkeit in der Arbeitserfüllung. Wir wissen, dass die intrinsische Motivation für die Kreativität entscheidend ist. Man muss die Leute aber auch unterstützend begleiten und darf sie nicht einfach nur kontrollieren. Bei Herausforderungen, die selbst vom Vorgesetzten nicht vorhersehbar sind, braucht es motivierte Mitarbeitende, die diese Aufgaben übernehmen.

Ein Beispiel?
Wenn jetzt hier ein Rohr bricht, fällt das vermutlich nicht in den Aufgabenbereich meiner Sekretärin. In vielen Ländern würden die Leute dann sagen, dass es sie nichts angehe. Bei uns ist das anders. Interesse und Motivation gehen über die formelle Arbeitsplatzvorschrift hinaus. Zufriedene Mitarbeitende kümmern sich verstärkt um das Ganze und nicht nur um das, was vorgeschrieben wird. In unserem Beispiel würde die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter die erforderlichen Massnahmen einleiten und dafür sorgen, dass ein Wasserschaden möglichst vermieden wird.

Da wir gerade beim Wasser sind: Was halten Sie von mitarbeiterorientierten Massnahmen wie Gratis-Mineralwasser am Arbeitsplatz? Trägt so etwas zum Glücksgefühl der Arbeitnehmenden bei?
Ich denke, da sind die Kosten ja sehr gering. Bei unseren Löhnen kann jeder seine eigene Mineralwasserflasche mitbringen. Es geht weniger um materielle Unterstützung, sondern darum, als Arbeitgeber seine Wertschätzung den Mitarbeitenden gegenüber zu zeigen.

Sind nach Ihren Erkenntnissen eher die Selbständigen glücklicher oder die Angestellten?
Das haben wir untersucht: Es sind die Selbständigen. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Selbständige oft längere Arbeitszeiten haben, häufig weniger verdienen und das ganze Risiko tragen. Wir wissen ja, dass das Risiko hoch ist und sehr viele trotz grosser Anstrengung scheitern. Dennoch wissen wir und haben das wirklich zeigen können, dass selbständig Tätige mit ihrem Leben zufriedener sind. Der Grund dafür ist eben diese Autonomie, die Möglichkeit, selbst zu gestalten. Auch dann, wenn es riskant ist.
 
War das Ergebnis der Untersuchung für Sie eine Überraschung?
Ja, ich hätte wirklich nicht erwartet, dass das so ist. Ich kenne Selbständige, die arbeiten sehr hart, und das oft viel länger als 42 Stunden. Trotzdem hat sich gezeigt, dass sie zufriedener sind. Wenn man mit ihnen redet, merkt man, wie stolz sie auf ihre Arbeit sind.

Nicht jeder kann oder möchte sich selbständig machen. Was raten Sie Angestellten, wie sie trotzdem eine Art Autonomie am Arbeitsplatz entwickeln und so glücklicher werden können?
Da komme ich wieder auf die Aus­bildung zurück. Je besser jemand ausgebildet ist, des­to eher kann er sich diesen Freiraum auch in einer hierarchischen Unternehmung schaffen.

Haben Sie auch untersucht, ob Frauen und Männer gleich glücklich bei der Arbeit sind?
Ich hatte immer gedacht, dass wir da einen Unterschied feststellen, aber das war interessanterweise nicht so. Auch was die Lebenszufriedenheit im Allgemeinen betrifft, hält es sich die Waage. Man muss aber betonen, dass Frauen im Durchschnitt geringere Löhne haben, was natürlich schon unzufrieden macht. Bei unserer Untersuchung spielte dies jedoch keine Rolle. Bei sonst konstanten Rahmenbedingungen wie Einkommen, Alter und Ausbildung war in Sachen Zufriedenheit kein geschlechtsspezifischer Unterschied auszumachen.

Gibt es Berufe, die die Leute tendenziell glücklicher machen?

Ja, wie bereits besprochen, trifft das vor allem auf die Berufe zu, die in Selbständigkeit ausgeübt werden. Künstlerische Tätigkeiten sind ebenfalls sehr beglückend, obwohl auch hier hart gearbeitet wird.
 
Wo sehen Sie den Unterschied zwischen Zufriedenheit bei der Arbeit und richtigem Glücksgefühl?
Das Glück wird natürlich nicht nur durch Arbeit bestimmt. Günstige Familienverhältnisse, viele Freunde und Bekannte zu haben, ist sehr wichtig, um glücklich zu sein. Dies findet zu einem grossen Teil in der Freizeit statt und hat nichts mit der Arbeit zu tun.

Das bedeutet also, dass das Glücklichsein eigentlich weniger die Arbeit selbst betrifft, sondern das gesamte familiäre und soziale Umfeld?

Ja. In der Wissenschaft bezeichnen wir als Glück das ganz Kurzfristige. Wir haben ja Emotionen, wir haben ganz kurzfristige Erlebnisse, die uns mehr oder weniger glücklich machen. Das Langfristige und Grundlegende nennen wir hingegen Lebenszufriedenheit. Wir fragen also: «Wie zufrieden sind Sie insgesamt mit dem Leben, das Sie führen?» Und das ist schon etwas anderes, als die Leute einfach zu fragen, wie glücklich sie jetzt im Moment sind. Wenn die Sonne scheint, sind viele Leute glücklich, aber das ist nicht das, was wir untersuchen.

Sind glückliche Arbeitnehmende die besseren Mitarbeiter?
Sie können bessere Mitarbeitende sein, sind es aber nicht notwendigerweise. Zufriedenheit kann sich ja auch auf eine Weise auswirken, die für die Firma nicht produktiv ist.

Nämlich?
Wenn man mehr zusammen redet, mehr Kaffee trinkt und daraus das Glück bezieht, ist das für eine Firma natürlich nicht so produktiv. Andererseits kehren die Mitarbeitenden nach der Kaffeepause oft motivierter an ihren Arbeitsplatz zurück.

Zu glücklich bei der Arbeit - geht das überhaupt?
Absolut. Man könnte sogar sagen, wer nur glücklich ist, ist weniger leistungsfähig. Man muss ja auch eine Variation im Glück oder im Glücklichsein haben. Wer immer mit allem zufrieden ist, der fühlt sich nicht herausgefordert. Deshalb sollte man auch nicht verzweifeln, wenn man manchmal etwas weniger glücklich ist. Das gehört eben dazu.

 
 
 

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