der arbeitsmarkt | 09.06.2010 | Text: Richard Ammann
ra. Im Mittelpunkt des Swiss Economic Forums standen weltwirtschaftliche Standortbestimmungen. Trotz Aufschwung seien zusätzliche konjunkturelle Massnahmen notwendig, um die Arbeitslosigkeit zu dämpfen.
Rund 1200 Teilnehmende, schwergewichtig Firmenchefs und Kaderleute von KMU, kamen am vergangenen Donnerstag und Freitag nach Interlaken ans Swiss Economic Forum 2010, um sich aus berufenem Munde Standortbestimmungen anzuhören. Nobelpreisträger Paul Krugman, einer der Hauptredner am Donnerstag, beurteilte die Lage der Weltwirtschaft und ihre Aussichten eher pessimistisch. Die Finanzkrise sei noch lange nicht ausgestanden. Zwar habe sich die Weltwirtschaft in den vergangenen Monaten, oberflächlich gesehen, erstaunlich rasch erholt. Dies aber um den Preis einer Arbeitslosigkeit, die in verschiedenen Ländern und Regionen massiv angestiegen sei und auf hohem Niveau verharre, so besonders in den USA und in einer Reihe der EU-Staaten. «Das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit wird uns denn auch auf unabsehbare Zeit hinaus beschäftigen», hielt der Nobelpreisträger dazu fest. Zur Bekämpfung dieses Übels sollten diesseits und jenseits des Atlantiks zusätzliche Anstrengungen zur Ankurbelung der Konjunktur unternommen werden.
Paul Krugman setzte sich auch mit der Entwicklung in Europa auseinander, wobei er unter anderem auf die prekäre Wirtschaftslage Griechenlands einging. «Die beabsichtigte Umschuldung allein löst das Problem nicht und führt nicht von selbst zu einer Rückkehr des Landes an die Kapitalmärkte», führte der prominente Referent zu diesem Thema aus. Den Ausstieg Griechenlands aus der europäischen Währungsunion nannte er ein mögliches Szenario, das in die laufende Diskussion einbezogen werden müsse. Einen Lösungsansatz auf gesamteuropäischer Ebene sieht Paul Krugman in kräftigen Interventionen der Europäischen Zentralbank.
Überraschend schnell wieder aufwärts mit der Weltwirtschaft ging es auch für den Münchner Wirtschaftsprofessor Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Wie vor ihm der amerikanische Nobelpreisträger hält er das Problem Griechenland für nicht gelöst. Sinn warnte vor sozialen Unruhen, falls dort nicht zweckdienliche Massnahmen ergriffen würden. Das von der griechischen Regierung forcierte Gesundsparen erzeuge nicht nur eine scharfe Rezession, sondern es drohe längerfristig ein Bürgerkrieg.
Grund für die erfreuliche allgemeine Wirtschaftsentwicklung sind, wie Sinn weiter ausführte, die Interventionen der Staaten mit Bankenrettungspaketen im Umfang von mehreren Billionen Euro. Vom dadurch ausgelösten Aufschwung würden vor allem exportorientierte Länder wie Deutschland und die Schweiz profitieren.
Im Referat von Bundespräsidentin Doris Leuthard ging es einleitend um das Wirtschaftsmodell Schweiz, das mit seiner massvollen Verschuldung, seiner Innovationskraft und seinem ausgebauten Sozialversicherungswesen vergleichsweise gut dasteht. Allerdings sitze die Schweiz mit der Staatengemeinschaft im gleichen Boot, weshalb sie ebenfalls an stabilen Verhältnissen interessiert sei. Gut vernetzte Regierungen und Zentralbanken sowie reibungslos funktionierende multilaterale Organisationen seien unverzichtbare Voraussetzungen für eine stabile Architektur der Staaten und ihrer Volkswirtschaften.
Trotz guter Noten gibt es auch Handlungsbedarf in der Schweiz. Mit der Reform der Krankenversicherung müsse es endlich vorangehen, führte die Vorsteherin des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartementes (EVD) dazu aus. Auch die 11. AHV-Revision lasse auf sich warten, und sogar dringlich sei die Revision der Arbeitslosenversicherung. Bundespräsidentin Doris Leuthard äusserte sich auch zur «to big to fail»-Problematik. Der Bundesrat werde in diesem Jahr Vorschläge zur Minderung der im Zusammenhang mit dem UBS-Skandal erkannten systemischen Risiken bei grossen, multinational tätigen Unternehmen unterbreiten. Mit deutlichen Worten kritisierte die EVD-Vorsteherin in diesem Zusammenhang die atemraubenden Salär- und Boni-Exzesse bei Grossbanken, stossenderweise auch bei solchen, die ohne Staatshilfe zusammengebrochen wären.
Am Freitag wurden die traditionellen Swiss Economic Awards verliehen. In der Kategorie «Hightech/Biotech» machte die Dectris AG unter der Führung von Christian Brönnimann das Rennen. Das Spin-off des Paul-Scherrer-Instituts positionierte sich, wie Jury-Präsidentin Carolina Müller-Möhl erklärte, erfolgreich im Bereich hochsensibler Röntgendetektoren. In der Kategorie Dienstleistungen gewann mit der Arvi SA von Fabio Cattaneo ein Jungunternehmen, welches sich auf den Handel und die Lagerung auserlesener Weine spezialisiert hat. Pfannen mit Diamant-Kristallbeschichtung sind das Erfolgsprodukt von Amir Alons Swiss Diamond International, welche in der Kategorie Produktion/Gewerbe den Swiss Economic Award gewann.