der arbeitsmarkt | 12/2009 | Text: Andrea Duttwiler
Die soziale Institution Polyval beschäftigt an verschiedenen Standorten im Kanton Waadt 448 Menschen mit einer Behinderung. Jeder fünfte von ihnen leidet unter einer Schmerzstörung und muss wegen der 6. Gesetzesrevision der Invalidenversicherung um seine Rente fürchten.
Sie habe eben dieses Problem, erzählt die Dame um die fünfzig, während sie auf den Zug nach Lausanne wartet. Deshalb sei sie froh, hier bei Polyval arbeiten zu können. Details verrät sie keine. Das lässt vermuten, dass sie zu den Personen gehört, die von der 6. Gesetzesrevision der Invalidenversicherung (IV) am stärksten betroffen sein werden. Das sind jene mit sogenannten somatoformen Schmerzstörungen (chronische Schmerzen, für die es keine ausreichende medizinische Erklärung gibt), Fibromyalgien (chronische, nicht-entzündliche Erkrankungen des Bewegungsapparats) und mit ähnlichen Krankheitsbildern. Die Renten dieser Personen sollen gezielt überprüft und reduziert oder gar aufgehoben werden. Damit einher geht die Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt. Statistisch gesehen betrifft dies von den Polyval-Mitarbeitenden, die nach Feierabend zum Bahnhof von Vernand Bel-Air strömen, jeden fünften.
Der Ort Vernand Bel-Air liegt gut 15 Zugminuten ausserhalb von Lausanne. Moderne Industriegebäude prägen die Umgebung rund um den Bahnhof. Eine schmale Strasse parallel zu den Bahngleisen führt direkt zu Polyval, einer sozialen Institution für Menschen mit Behinderung. Einige der insgesamt 169 behinderten Mitarbeitenden treffen am Morgen jeweils schon eine Stunde vor Arbeitsbeginn ein, um hier zu frühstücken. Für sie ist der soziale Kontakt mindestens so wichtig wie die berufliche Beschäftigung.
Beim Rundgang durch die Räumlichkeiten ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, welche Person unter welcher Behinderung leidet. Besucher werden aufmerksam bis neugierig beäugt und freundlich gegrüsst, ebenso Philippe Cottet, der Direktor von Polyval. Er kennt seine Mitarbeitenden mit Namen und stoppt alle paar Meter, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen oder ein Schwätzchen zu halten.
In den grossen, hellen Hallen wird konzentriert gearbeitet. In der Abteilung Multiservices sind drei Männer an einem Tisch damit beschäftigt, Tee abzuwägen und abzufüllen. Jeder von ihnen leidet unter einer anderen Behinderung. Weiter vorne hilft ein körperlich Behinderter seinen Kollegen, Pasta in Kartonschachteln eines Grossverteilers abzupacken. In einer Ecke der Abteilung Kartonverpackungen hantiert ein junger Mann an einer rund fünf Meter langen Maschine. Thomas Lux, 18, ist im dritten Lehrjahr als Verpackungstechnologe und einer der wenigen nicht behinderten Mitarbeitenden bei Polyval. «Mir gefallen die Atmosphäre hier und das Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten», erklärt er. Er habe Mut, laute zwar das Urteil seiner Kollegen. Doch er sieht es pragmatisch: «Die Arbeit hier ist eine gute Erfahrung. Es ist eine Herausforderung, den Behinderten Dinge zu erklären. Denn verstehen sie etwas nicht, muss ich es auf eine andere Art nochmals versuchen.»
Das Gelände in Vernand Bel-Air ist weitläufig. Das Gebäude kaufte Polyval einer Druckerei ab - für 8 statt 34 Millionen Franken. Nochmals 8 Millionen Franken wurden in den Umbau investiert. Die Maschinen in der Abteilung Kartonverpackung konnte Polyval dank der guten Geschäftsbeziehungen von Direktor Cottet für den Symbolbetrag von einem Franken von einer anderen Firma übernehmen. Die Institution arbeitet wirtschaftlich. Das zeigt sich auch am Jahresumsatz von 10 Millionen Franken.
Im obersten Stock des Gebäudes befinden sich Empfang, Büros und Sitzungsräume, im Erdgeschoss die lichtdurchfluteten Werkhallen. Gleich beim Personaleingang liegt der grosszügige Aufenthaltsraum für die Mitarbeitenden. Sie haben die Wahl: auf dem Sofa entspannen, Tischfussball spielen, im Internet surfen oder vor dem Heimgehen noch rasch duschen. «Gesellschaft» haben sie dabei von den Teams aller anderen Standorte, die von den Fotos an den Wänden lächeln. Glanzstück des Aufenthaltsraums ist die Vitrine mit sämtlichen Pokalen, die die Fussballmannschaft von Polyval gegen andere Behindertenmannschaften gewonnen hat. «Die Fussballspiele sind für die Mitarbeitenden sehr wichtig. Sie fördern Freundschaften und den Zusammenhalt», sagt Philippe Cottet.
In den Produktionshallen sollen sich die Mitarbeitenden ebenso wohlfühlen. Dafür sorgen beispielsweise verstellbare Arbeitstische, gut sichtbar platzierte Wasserdispenser sowie selbstgemalte Bilder an Wänden und Decken. Auch bei den Maschinen berücksichtigt Polyval den menschlichen Faktor. «Sie sollen nicht zu automatisiert sein, damit wir die Leute beschäftigen können», erklärt Direktor Cottet.
Seit 45 Jahren hier beschäftigt ist der seit Geburt geistig behinderte Edouard Clement, 64. Gerade bereitet er an einer Maschine Kartons vor. Nun zählt er gemeinsam mit Direktor Cottet dessen fünf Vorgänger auf, die er während seiner Zeit bei Polyval bereits erlebt hat. «Mit Monsieur Cottet bin ich sehr zufrieden», meint Edouard Clement schliesslich. Stolz präsentiert er das «Certificat d'excellence», das ihm Polyval für 45 Dienstjahre verliehen hat. «Das Zertifikat will ich meinen Nichten zeigen», sagt Clement. «Dann werde ich es vorher noch etwas polieren», entgegnet Philippe Cottet lächelnd. Mit der Pensionierung hat es der dienstälteste Mitarbeiter nicht eilig. Die steht 2011 an. «2010 will ich jeweils noch vormittags arbeiten», so sein Plan.
Ihn wird die 6. IVG-Revision nicht mehr betreffen. Für die 20 Prozent der Polyval-Mitarbeitenden mit somatoformen Schmerzstörungen könnte sich aber einiges ändern. Kommt die Revision durch, werden sie bald keine IV-Rente mehr erhalten. Polyval würde die Betroffenen in diesem Fall gern weiterbeschäftigen, müsste ihnen aber ein marktkonformes Salär zahlen. Diese Variante ist kaum finanzierbar. So bliebe den Betroffenen nur der erste Arbeitsmarkt.
Die Wiedereingliederung erweist sich aber nicht nur für Menschen mit somatoformen Schmerzstörungen, Fibromyalgien und ähnlichen Sachverhalten als schwierig. «2008 versuchten sechs unserer Mitarbeitenden, im ersten Arbeitsmarkt Fuss zu fassen», erzählt Direktor Cottet. Einer von ihnen sei nach drei Monaten zurückgekommen. «Das war für den Betroffenen schmerzhaft, der Versuch aber sehr wichtig.» Denn die Betroffenen selbst hätten den starken Wunsch, den Sprung in den «normalen» Arbeitsmarkt zu schaffen. Dafür stehen die Chancen am besten, wenn sie ihr eigenes Tempo gehen können.
Mit der 6. IVG-Revision würden sie nun verstärkt in den ersten Arbeitsmarkt gedrängt. Haben sie Glück, finden sie eine Stelle. Haben sie Pech, werden sie zum Sozialfall. Die Folge: Die Kosten verschieben sich vom Bund auf die Kantone.
«Die 6. IVG-Revision kommt zu früh, bei uns zeigen nach 18 Monaten die Massnahmen der 5. Wirkung», meint Philippe Cottet. Polyval erhält im Rahmen der 5. Revision mehr Leute zugewiesen, um sie in einem fünfstufigen Programm über zwei Jahre auf den ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten. Er würde lieber diese Erfahrungen abwarten und hält den Druck, der durch die neue Revision entsteht, für problematisch. Cottet rechnet indes mit einer Annahme des Gesetzes und einem anschliessenden Referendum. «Vor 2014 wird wohl nichts passieren», meint er. Etwa ab 2020 müsse der Kanton Polyval subventionieren, damit sie die Behinderten weiterbeschäftigen könnten, sonst entstünden ernsthafte Probleme.
Ob die Kantone die Kosten übernehmen wollen und können, bleibt abzuwarten. Der Bund indes muss sparen und setzt dazu auf Rentenkürzungen und -streichungen. Zu den Befürwortern, die mit der 6. IVG-Revision «Missbräuche und Scheininvalidität» bekämpfen wollen, meint Cottet: «Der vermeintliche Missbrauch dient primär der SVP als Argument.» Das Bundesamt für Sozialversicherungen schätzt das Sparpotenzial der Betrugsbekämpfung auf rund 50 Millionen Franken jährlich, was weniger als 1 Prozent der Rentensumme entspricht.
Mit der 6. IVG-Revision will der Bund die IV sanieren. Der Preis, den die Sozialwerke und die Betroffenen zahlen, lässt sich noch nicht beziffern. ζ