der arbeitsmarkt | 09/2009 | Text: Stefan Böker

Hilfe für Junge auf der Schwelle zum Berufsleben

Das vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) angestossene Konzept Case Management Berufsbildung (CMBB) hilft Jugendlichen, die an den entscheidenden Übergängen Schwierigkeiten haben. Die Kantone sind daran, CMBB zu implementieren, oder haben es bereits getan. Ein Bericht aus den Kantonen Luzern, Ob- und Nidwalden und aus dem Kanton Bern.

Der 17-jährige Adrian* steht kurz vor dem Lehrabbruch. Weder Lehrmeister noch Schulleitung wollen ihn behalten, daheim ist er ausgerissen, wegen Depressionen musste er psychologisch betreut werden - ein Fall für Josef Stamm. Seit Herbst 2008 arbeitet der Luzerner Fachpsychologe im Auftrag der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung Luzern in den Kantonen Luzern, Ob- und ­Nidwalden als Case-Manager. Seine Aufgabe ist es, alle Beteiligten - im Falle von Adrian die Angehörigen, die Schulleitung, den Lehrmeister, den Arzt, den Psychiater sowie das Sozialamt und die Mitarbeitenden des Projekts «Betreutes Wohnen» - in einen Dialog zu bringen und schliesslich geeignete Massnahmen zu koordinieren. Bei Adrian hatte Stamm Erfolg: Der Lehrabbruch konnte ver­hindert werden, der junge Mann durfte weiterhin in der Lehre bleiben.
Das Konzept Case Management Berufsbildung (CMBB) ist eine Innovation des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie (BBT). Mit diesem Instrument will das BBT erreichen, dass bis zum Jahr 2013 95 Prozent aller Jugendlichen eine Ausbildung auf der Sekundarstufe II abschliessen. Alle Kantone sind aufgefordert, die Vorgaben umzusetzen. «Ein ehrgeiziges Ziel», fasst Josef Stamm zusammen. Aufgenommen werden sollen Jugendliche mit Mehrfachproblematik, deren Berufsausbildung bzw. Berufseinstieg mit einzelnen Massnahmen nicht gesichert werden kann: schul- und leistungsschwache Jugendliche, die wenig bis keine Unterstützung von ihren Eltern erhalten, sozial auffällige Jugendliche, ­Jugendliche mit Migrationshintergrund, Jugendliche mit gesundheitlichen Problemen und generell Jugendliche, die schwierige Erfahrungen gemacht haben.

Nicht alle Jugendlichen kooperieren

Laut Josef Stamm ist der Fall von Adrian noch relativ unkompliziert. Doch alle Beteiligten gemeinsam zu erreichen, sei fast unmöglich. «Die Akteursdichte ist sehr hoch», sagt Stamm. «Doch gerade die Kooperation untereinander ist von zentraler Bedeutung.» In Luzern wird sie durch eine Software namens «Case Net» unterstützt: Alle Beteiligten können damit auf die Akte des ­Klienten zugreifen, auch der Betroffene selbst. Dazu braucht es seine Einwilligung oder die der Eltern. Diese Vollmacht holt der Case-Manager im ersten Gespräch ein. Ausserdem trifft er mit den Jugendlichen eine Zielvereinbarung. «CMBB ist Hilfe zur Selbst­hilfe», sagt Stamm. «Es ist unbedingt nötig, dass die Jungen den Willen zur Mitarbeit zeigen.»
Doch nicht alle machen mit, berichtet Corina Tilliot, eine von acht Case-Managern im Kanton Bern. Sie erzählt von einem ­Jugendlichen ohne Anschlusslösung, der zu Hause rausflog. Es sei sehr schwer gewesen, ihn überhaupt zu einem Treffen zu be­wegen. Nach den ersten Kontakten wurde ihr klar, dass er sich das Ganze leichter, lockerer vorgestellt hatte. «Als es dann ans Ein­gemachte ging, machte er deutlich, dass er an einer Teilnahme nicht interessiert sei», erzählt sie. «Wer nicht mitmachen will, wer kein Herzblut zeigt oder keinen Nutzen für sich in dem Projekt sieht, den können wir nicht zwingen.»
Corina Tilliot ist zusammen mit zwei Kollegen zuständig für die Region Bern-Mittelland. Seit Anfang Jahr hat sie schon mehr als 30 Dossiers eröffnet. Als Case-Managerin betreibt sie neben den Hauptaufgaben Koordination, Netzwerk- und Überzeugungs­arbeit vor allem Beziehungsarbeit. «Das Schwierigste ist, eine Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen. Den Draht zu den Jugendlichen zu finden, ist das A und O unserer Arbeit.» Gerade das Erst­gespräch sei entscheidend, um die Situation zu bewerten und zu prüfen, welche Massnahmen sinnvoll sind. Im BIZ Bern-Mittelland gibt es neben dem CMBB und der Berufsberatung auch Unterstützungs­angebote wie Profi- und Laiencoaching.
In Bern-Mittelland erfolgt die Anmeldung über das BIZ, ent­weder durch die Jugendlichen selber, deren Eltern, die Schule, die Berufsberatenden oder beteiligte Stellen wie Sozial- oder Flüchtlingsdienste. In Luzern leistet das Projekt «Nahtstelle» zusätzliche Unterstützung: Seit diesem Jahr erfassen die Lehrpersonen alle Schulabgehenden ohne Anschlusslösung in Dossiers. Diese übergeben sie den Fachleuten der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung, um gemeinsam die passenden Schritte nach der Schulzeit zu finden. Ein interdisziplinär zusammengesetztes Team von ­18 Fachpersonen aus Berufsberatung, Brückenangeboten, Berufs­integrationscoaching sowie - im Präventionsauftrag - Mitarbeitenden der Beratungsstelle Jugend und Beruf des RAV Emmen prüfte dieses Jahr rund tausend Dossiers. Für den Grossteil fanden sich passende Über­brückungs- und Anschlussangebote, knapp 50 Leute wiesen sie einem Case-Manager zu.

Überzogene Wünsche der Eltern

Wird das CMBB als adäquate Lösung beurteilt, nutzen die Case-Manager bestehende Netzwerke. Das kann auch zu Konflikten führen. Manche Fachkräfte, die langjährige Erfahrung im Netzwerk vorweisen können und bereits längere Zeit mit den Jugendlichen zu tun hatten, empfinden die Arbeit eines Case-Managers mitunter als Einmischung in ihren Kompetenzbereich. Corina Tilliot kann diese Kritiker verstehen, betont jedoch, dass Zusammenarbeit notwendig sei. «Wir können den Überblick behalten, ­sozusagen von aussen die Situation überblicken, dann koordinieren und die richtigen Leute an den Tisch holen.» Die schwierigsten Fälle seien dabei nicht zwingend Jugendliche, die durch alle ­Maschen gefallen sind. «Es macht keinen Sinn, mit jemandem über Berufswahl und Ausbildung zu reden, der beispielsweise den ganzen Tag kifft oder psychische Schwierigkeiten hat. Unsere ­Arbeit hat viel mit lebenspraktischen Themen zu tun.»
Corina Tilliot betreute zum Beispiel eine junge Frau sri­lankischer Herkunft, die im zehnten Schuljahr war. Im Rahmen eines Junior-Coachings wurde sie vom Berufsberater einem ­Tandem zugewiesen (siehe Artikel «Mentoring» auf Seite 35). Doch oft kam sie nicht zu den vereinbarten Treffen. Der erste Kontakt mit der Case-Managerin fand schliesslich in einer Berufsberatungssitzung statt. Corina Tilliot setzte sich als stille Zuhörerin dazu, um einen Eindruck von der Situation zu bekommen. Danach vereinbarte sie selbst ein Gespräch mit der Schülerin. Dabei stellte sich heraus, dass das Problem unter anderem kultureller Natur war. Die Eltern der jungen Frau forderten von ihrer Tochter eine Ausbildung auf hohem Niveau. Sie sollte Medizin studieren oder zumindest eine KV-Lehre beginnen. Ihre ­Wünsche stellten sich als völlig überzogen dar, da die junge Frau nicht über die nötigen Ressourcen verfügte. Corina Tilliot ­versuchte also, in einem Gespräch mit Eltern, Tochter, Berufs­berater, Lehrer und Übersetzerin, den Eltern die Situation zu erklären. Die Berufs­beraterin ihrerseits erklärte nochmals die realistischen Möglichkeiten und das Schweizer Schul- und ­Bildungssystem. Eine Ausbildung im Pflegebereich oder im ­Verkauf sei für die Tochter besser geeignet. Diese Berufe hatten in den Augen der Eltern aber zu wenig Prestige. Letzten Endes lenkten die Eltern jedoch ein. Mit Tilliots Hilfe fand die Tochter eine Vorlehre als Detailhandelsassistentin. Stabilisiert sich die verbindliche Zusammenarbeit, könnte die junge Frau erneut in ein Tandem aufgenommen werden, um für nächstes Jahr eine Lehrstelle zu finden.
Auch dieser «Case» ist kein Normalfall. «Oftmals überschätzen sich die jungen Leute», sagt Corina Tilliot. Grundlegende Kompetenzen seien oft nicht vorhanden. Die Jungen hätten eine sehr geringe Frustrationstoleranz, seien unverbindlich, unselbständig und hätten aufgrund schlechter Erfahrungen ein geringes Selbstwertgefühl. Auf der anderen Seite seien die Anforderungen der Betriebe enorm gestiegen. «Der Weg zur Lehrstelle ist viel schwieriger geworden. Wichtig ist, dass wir während der Über­gänge ­Lücken schliessen und Kontinuität gewährleisten können.» Es wird sich zeigen, ob das Instrument CMBB den hohen Er­wartungen des BBT gerecht werden kann, wenn es in allen Kantonen umgesetzt ist.

 
 
 

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