der arbeitsmarkt | 06/2009 | Text: Davide Mirabile
Die kleine Schnupperlehre am freien Nachmittag
Seit einem Jahr stellt der Verein «aJir» drei französischsprachigen Oberstufenschulen in Biel Berufskoordinatoren zur Verfügung. Schülerinnen und Schüler, die Mühe haben, eine Lehrstelle zu finden, werden ans Berufsleben herangeführt.
Ein Mittwochnachmittag in Biel. Johnny Dakay hätte eigentlich frei. Stattdessen streicht der 16-jährige Realschüler den Innenraum einer Wohnung mit Ausblick auf das idyllische Schloss Nidau. Der ehemalige Mieter hat nach dreissig Jahren seine eigenen vier Wände verlassen und ist ins Altersheim umgezogen. Um die Wohnung wieder vermieten zu können, müssen Innenräume, Türrahmen und Fensterläden neu gestrichen werden. Johnny kann mit einfachen Malerarbeiten seinen Teil beisteuern.
Die Jugendlichen sollen sich integrieren und verwirklichen
Seit drei Monaten arbeitet Johnny jeden Mittwochnachmittag für die Merazzi AG, einen Malerbetrieb mit Sitz in Biel. Johnnys Traum: Er möchte Maler werden. Doch als schwacher Realschüler hat er es nicht leicht. Deshalb nimmt er am Projekt «jeunes o boulot» (job) teil. Das Pilotprojekt ermöglicht Jugendlichen schon vor Abschluss der obligatorischen Schulzeit ein dreimonatiges Berufspraktikum in Form von Schnuppernachmittagen in Betrieben der Region Biel. Es wird vom Verein «aJir» getragen; der Name steht für «aider les jeunes à s'impliquer pour se réaliser» (Jugendlichen helfen, sich zu integrieren und sich zu verwirklichen). Das Ziel ist, unterstützungsbedürftigen Schülerinnen und Schülern den ersten Einstieg in die Berufswelt zu ermöglichen. Dadurch können sich die künftigen Lernenden besser für einen Beruf entscheiden und bei der Arbeit am Schnuppernachmittag herausfinden, ob ihnen der gewünschte Beruf überhaupt zusagt.
Die Firma Merazzi AG ist ein traditionsreicher Familienbetrieb, der seine Lehrlinge und Lehrtöchter zweisprachig ausbildet. Im Rahmen des Projekts «job» bietet sie einen vertraglich geregelten Schnuppernachmittag an. Geschäftsführerin Bruna Merazzi erklärt: «Unser Berufsstand muss eine Kontinuität haben. ‹Jeunes o boulot› ermöglicht uns, eine Vorselektion zu treffen. Der Einsatz ist für den zukünftigen Lehrmeister ein Indikator, ob eine Person für den Baumalerberuf geeignet ist. Man sieht, wie sich die Realschüler einsetzen und ob ein echtes Interesse für den Beruf vorhanden ist.»
Der Aufwand für die Betriebe wird möglichst gering gehalten
Im Projekt «job» lernen Schülerinnen und Schüler der Oberstufe während drei Monaten jeweils an einem schulfreien Nachmittag die Berufswelt kennen. In einem Vertrag zwischen dem Schnupperbetrieb und dem Verein Ajir wird das Arbeitspensum auf
zwei bis vier Stunden pro Woche beschränkt. Für den Einsatz ist die Einwilligung der Erziehungsberechtigten erforderlich; im Rahmen einer Vereinbarung zwischen Ajir und den Eltern des Schülers wird dies geregelt. Der Einsatz findet nur in der schulfreien Zeit statt, in der Regel mittwochnachmittags oder in den Ferien. Die Schüler übernehmen im Betrieb sinnvolle und nötige Aufgaben; der Einsatz soll auch Spass machen und ein positives Bild der Arbeitswelt vermitteln. Die Tätigkeiten richten sich nach den spezifischen Anforderungen des jeweiligen Betriebs. Schüler und Betrieb verpflichten sich, die Bedingungen des Projekts einzuhalten. Der Schüler oder die Schülerin ist gegen Unfall und Schäden im Betrieb (Haftpflicht) versichert, und auch der Schnupperlohn ist vertraglich festgelegt: Er beträgt 5 bis 8 Franken pro Stunde. Alle Beteiligten - Schüler und Schülerinnen, Eltern, Klassenlehrer und der Betrieb - werden während der ganzen Dauer von Fachpersonen begleitet. Um die Koordination zu vereinfachen, gibt es nur eine Ansprechperson im Betrieb, und der administrative Aufwand für die Betriebe wird möglichst klein gehalten.
Da der Malermeister der Merazzi AG, Giovanni Todaro, zweisprachig ist, war die im Betrieb vorherrschende deutsche Sprache für den französischsprachigen Johnny kein Hindernis. Ein Glücksfall, die Realität in der Region Biel ist leider eine andere. Oft ist die mangelnde Kenntnis der anderen Sprache ein Hindernis für die erfolgreiche berufliche Integration. Dominique Reber vom Berufsinformationszentrum in Biel kennt die Situation: «Mehr als die Hälfte
der Lehrstellen setzen Deutschkenntnisse voraus. Die Romands haben deshalb mehr Mühe als die Deutschschweizer Jugendlichen, eine Lehrstelle zu finden.» Betroffen von der Chancenungleichheit seien vor allem Secondos oder zugewanderte Jugendliche, die nicht in der Schweiz aufgewachsen sind. «Falls auch noch Kenntnisse des Schweizerdeutschen erforderlich sind, sind Bieler Romands gezwungen, eine Lehrstelle in Neuenburg oder im Berner Jura zu suchen.»
Der Verein Ajir wurde im September 2007 gegründet. Ein Jahr später, im August 2008, startete das Pilotprojekt «job». Das Konzept wurde aus dem Jugendprojekt «Lift» («Leistungsfähig durch individuelle Förderung und praktische Tätigkeiten») vom Netzwerk für sozial verantwortliche Wirtschaft (NSW) übernommen. Jaqueline Villars, Präsidentin des Vereins Ajir, ist ehemalige Lehrerin und kennt die Probleme der Schüler. «Wir alle sind verpflichtet, Jugendlichen zu helfen. Aktuell finden 15 Prozent der Schüler nach der Beendigung der 9. Klasse keine Lehrstelle. Es ist unglaublich, dass ein reiches Land wie die Schweiz Jugendliche ohne Lehrstelle fallen lässt», empört sich Villars. «Ohne Zukunftsperspektive verlieren die Teenager jegliches Selbstvertrauen und kommen deshalb schon früh mit Drogen in Kontakt.»
Die Koordinatoren teilen die Erfahrungen der Jugendlichen
Johnny Dakays Klassenlehrer war es, der erkannte, dass der Realschüler nach Beendigung der obligatorischen Schulzeit aus verschiedenen Gründen wenig Chancen auf dem Lehrstellenmarkt haben würde. Deshalb setzte er sich mit dem Verein Ajir in Verbindung, um Johnny eine bessere Zukunftsperspektive zu geben.
Die Berufskoordinatoren von Ajir kommen nach Absprache mit der Schulleitung direkt in die Schulzimmer und führen mit den Jugendlichen ein Interview. Da die Koordinatoren einen ähnlichen schwierigen Weg durchgemacht haben, gewinnen sie schnell das Vertrauen der Schülerinnen und Schüler. Der Berufskoordinator, der Johnny Dakays Klasse besucht hat, Luis Sanchez, wurde in der Dominikanischen Republik geboren und kam im Alter von dreizehn Jahren in die Schweiz. Mit einer Berufsmatur und einem Studium an der Haute Ecole de gestion de Neuchâtel hat er bewiesen, dass im Leben nichts unmöglich ist.
Beim Interview stellt sich heraus, welche Berufswünsche die Realschülerinnen und -schüler haben und welcher Praktikumsbetrieb für sie am besten geeignet ist. «Die Lehrer haben mit dem heutigen Pensum zu wenig Zeit, um die Realschüler bei der Erstellung eines Lebenslaufs individuell zu betreuen», bedauert Jaqueline Villars. Oftmals wissen die Lehrkräfte auch nicht, wie heute ein gutes Bewerbungsdossier aussehen soll. Deshalb unterrichten die Koordinatoren von Ajir bei Bedarf auch die Oberstufenlehrer in der Erstellung eines Dossiers mit Lebenslauf und Motivationsschreiben in zeitgemässer Form.
Das Projekt «jeunes o boulot» wird zu 60 Prozent vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie finanziert und dauert drei Jahre. Falls es erfolgreich ist und die verantwortlichen Behörden überzeugt, kann langfristig eine Weiterführung finanziert und eine Ausweitung auf andere Kantone ins Auge gefasst werden. Das Projekt «job» hat bereits siebzehn Jugendlichen eine Lehrstelle vermitteln können. Auch Johnny Dakay ist Teil dieser Erfolgsrechnung: Er wird dank seiner Motivation und Begeisterung für den Baumalerberuf im kommenden August seine Lehrstelle bei der Firma Merazzi AG antreten.
www.ajir.ch