der arbeitsmarkt | 07.05.2009 | Text: Christian Keller
Professor Peter Ulrich wurde 1948 in Bern geboren. Er studierte an den Universitäten Freiburg i. Ue. und Basel, wo er mit Summa cum laude promovierte. 1987 folgte Peter Ulrich dem Ruf an die Universität St. Gallen, um den neuen Lehrstuhl für Wirtschaftsethik einzunehmen, dem ersten im deutschsprachigen Raum. Schon sein Vater, Hans Ulrich, hatte als Ordentlicher Professor an der Ostschweizer Hochschule gewirkt und das Institut für Betriebswirtschaft gegründet; er gilt als Vater des St. Galler Managementmodells.
1989 wurde Peter Ulrich zum Gründungsdirektor des Instituts für Wirtschaftsethik (IWE) gewählt. Er befasste sich intensiv mit unternehmensethischen Fragestellungen und entwickelte das St. Galler Modell der Integrativen Wirtschaftsethik, die eine Verbindung von ökonomischer Rationalität und ethischer Rationalität sucht. Wichtige Werke sind «Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie» (1997), «Zivilisierte Marktwirtschaft» (2002) und «Der entzauberte Markt» (2002).
«Das Anliegen der Wirtschaftsethik, wie ich sie die letzten 22 Jahre in St. Gallen verstanden und zu entfalten versucht habe, geht im Kern genau dahin, das Verhältnis zwischen Marktwirtschaft und freiheitlich-demokratischer Bürgergesellschaft gedanklich zu klären und die Voraussetzungen zu durchdenken, um die teilweise verkehrte Rangordnung der Dinge richtigzustellen. Es geht darum, gegen die Ideologie einer «freien» Marktwirtschaft das Leitbild einer Gesellschaft freier Bürger zu stellen und die Marktwirtschaft darin einzubinden. Das ist eine kleine Veränderung im Denken, die aber unabsehbar weit reichende Konsequenzen haben könnte. Wir entfernen das ökonomistische Brett vor unserem Kopf und erblicken dann viele neue Optionen. In der Wirtschaftsethik geht es um ein Stück nachholende Aufklärung, sind wir doch auf dem Gebiet des Wirtschaftens noch einer früh- oder gar vormodernen Metaphysik des Marktes verhaftet.
Die wichtigste Aufgabe von Wirtschaftsethik ist nicht etwa die, fertige Lösungen, Patentrezepte bereitzustellen, sondern im Sinne solcher Aufklärung zukunftsfähiges Orientierungswissen zu schaffen. Wirtschaftsethisches Orientierungswissen ist in Hinblick auf drei mögliche «Orte der Moral» oder der Verantwortung für das Wirtschaften zu klären: Es geht zunächst um die Wirtschaftssubjekte selbst – welches Bürgerethos sollten wir in unserem Wirtschaftsleben als moderne, aufgeklärte, integere Bürger gelten lassen? Zweitens geht es um die Unternehmen: Was sind die Standards guter Unternehmensführung im Lichte eines aufgeklärten Verständnisses von Marktwirtschaft? Und drittens geht es um die Ordnungsethik und Ordnungspolitik, also die Grundsätze einer Rahmenordnung des Marktes, die nicht einseitig auf Produktivitätsfortschritt, sondern auf einen umfassend verstandenen gesellschaftlichen Fortschritt zielt. Wir wissen heute fast alles über die Mittel und Methoden, um eine produktive Wirtschaft zu betreiben, aber fast nichts über Sinnhorizonte und Gerechtigkeitsvoraussetzungen einer lebensdienlichen Marktwirtschaft. Ich glaube, es ist die Aufgabe der Wirtschaftsethik, die Köpfe zu öffnen für diese vorrangigen und immer mehr ins Zentrum rückenden politisch-ökonomischen Fragen.»