der arbeitsmarkt | 02/2009 | Text: Christian Keller

Ein Neuanfang tut not

Schon seit längerem wankte das Kartenhaus der Kapitaldienstleister. Im November stürzte es in sich zusammen und riss die Realwirtschaft in die Rezession. Warum wir nicht weiter so wirtschaften sollten wie bisher.

Das waren noch Zeiten, als Bankangestellte einfach Bänkler waren und nicht Banker. Damals hatte der Beruf noch nichts Ehrenrühriges an sich, im Gegenteil. Das hat sich gründlich geändert. Mit dem Banker hat in den grossen Finanz­instituten eine neue Mentalität Einzug gehalten, die sich allein der Gewinnmaximierung und der persön­lichen Bereicherung verschrieben hat. Um die Wachstumsspirale immer höher zu schrauben, wurden laufend neue «Finanzprodukte» entwickelt, die nichts anderes als Verbriefungen waren, zu Paketen geschnürte Schuldtitel.

Das Phänomen ist nicht neu. Die Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte der Krisen. Zum ersten «Börsenkrach» kam es im 17. Jahrhundert in Holland. Damals platzte eine riesige Spekulationsblase im Handel mit Tulpenzwiebeln und stellte die Gesellschaft vor eine ungeahnte Herausforderung.

Nachdem die Tulpe gegen Ende des 16. Jahrhunderts vom Osmanischen Reich nach Holland gelangt war, wurde die exotische Blume rasch zum Statussymbol. Halb Holland begann, mit den begehrten Zwiebeln zu spekulieren. In den 1630er-Jahren wuchs sich das «Tulpenfieber» zur Spekulationsblase aus. Für manche Sorten wurden astronomische Summen geboten: Anfang 1637 wechselte eine einzige Zwiebel der kostbaren «Semper Augus­tus» für 10 000 Gulden den ­Besitzer - zu einer Zeit, als ein Zimmermann 250 Gulden im Jahr verdiente. Bald danach platzte die Blase. Der Tulpenmarkt brach komplett zusammen.

Zurück blieb ein Scherbenhaufen ungekannten Ausmasses. Kaufverträge konnten nicht mehr bedient werden, weil die Käufer bankrott waren. Die ungeklärten Rechtsfälle belasteten die Gesellschaft schwer, hatten doch auch Freunde und Nachbarn Geschäfte miteinander getätigt und waren nun zerstritten. Erst als die Obrigkeiten verschiedener Städte im Mai 1638 eine Abfindungsregelung in Kraft setzten, beruhigte sich die Lage.

Sicher, die gegenwärtige Finanzkrise ist mit dem «Tulpenfieber» nicht zu vergleichen. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten: Damals wie heute haben Gier und das Fehlen von Regeln ins Verderben geführt. Auch die aktuelle Krise nahm mit einer geplatzten Spekulationsblase ihren Anfang. Wurden damals Termingeschäfte und Optionen auf kommende Ernten abgeschlossen, hat im aktuellen Fall die Praxis der Verbriefung von Krediten die Finanzmärkte in den Abgrund gerissen. Damals blieb die Krise aber weitgehend auf den Handel mit Tulpenzwiebeln beschränkt, während die gegenwärtige Krise das ganze Wirtschafts­system destabilisiert - weltweit.

Ein weiterer Unterschied: Im Tulpenfieber hatten die Akteure selbst den Schaden. Heute, im Abgesang der neoliberalen Ära, müssen die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler die Zeche bezahlen. 68 Milliarden Franken für die angeschlagene UBS, vom Bundesrat per Notrecht gesprochen - das ist das Sechsfache dessen, was ursprünglich die Neat kosten sollte, über die jahrelang gestritten wurde. Dass die Probleme damit gelöst sind, darf bezweifelt werden.

 
 
 

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