der arbeitsmarkt | 12/2008 | Text: J. Claude Rohner

Glanz und Glimmer en gros

Das Atelier Stenz sorgt für den Weihnachtsschmuck im Einkaufszentrum Glatt. ­Inhaber Peter Stenz, seit 25 Jahren im Deko-Geschäft tätig, weiss, was es für eine stimmige Weihnachtsdekoration braucht. Auf künstlerische ­Höhenflüge muss er dabei verzichten.

Föhnsturm im Dezember: Die Lichterstränge, die den Glatt-Tower mit seiner Fläche von 6600 Quadratmetern umkleiden, wirbeln in der Luft herum. Die Lämpchen platzen zu Tausenden. Ende der Lichtschau, mit der sich das Glattzentrum seit 2001 in der ­Vorweihnachtszeit präsentiert. - Doch Dekorateur Stenz schläft ruhig: Dieses Szenario kann nicht eintreten. Ballastmaterial mit einem Gesamtgewicht von dreizehn Tonnen hält die freischwebende Netzkonstruktion im Zaum.
Der Tower im Lichtermantel lockt auch dieses Jahr wieder Kunden von aussen ins Innere, wo sie in der Center-Mall dem zwölf Meter hohen, über und über mit Kugeln behängten Christbaum begegnen. Oben in der Kuppel leuchten farbige «Kirchenfenster». Ab November wird hier Shopping-Weihnachten zelebriert. Ein riesiger Vorhang in Purpur gibt den Hintergrund ab. Die Besucherin wähnt sich fast in einem Dom, wären da nicht die Bar rund um den Baum herum, hektisches Stimmengewirr und prall gefüllte Einkaufstaschen. Hier wird einem andern Gott gehuldigt.

Fast 30 Leute bauen eine Woche lang auf

Tower-Beleuchtung, Baum, Bar, das nahe gelegene Eisfeld und noch einiges mehr sind das Werk von Peter Stenz und seiner dreiköpfigen Crew aus Hinteregg im Zürcher Oberland. «Das stimmt nur zur Hälfte», stellt Peter Stenz klar: «Heute haben die Ausstellungen so grosse Dimensionen angenommen, dass eine einzige Firma nicht mehr alles selber machen kann.» Das Atelier Stenz ist gegenüber der Direk­tion des Glatt für die gesamte Weihnachts­dekoration verantwortlich. Aber gerade in der Phase des Aufbaus, die eine Woche dauert, arbeitet Dekorateur Stenz mit verschiedenen Produktionsfirmen zusammen. 20 bis 30 Personen sind ­jeweils involviert. Elektro­geschäfte sind für die Lichttechnik und -steuerung zuständig; andere Firmen errichten die Bauten, zu denen auch die Bar zählt. Der technische Dienst des Einkaufs­zentrums sorgt für Stromanschlüsse und Wasserleitungen.
Konzeption, Herstellung und Aufbau der Weihnachtsdekora­tion eines Einkaufszentrums sind, so Peter Stenz, «keine Fünfminutenaktion». Der Mittvierziger, der einst eine vierjährige Lehre als Dekorationsgestalter absolvierte, fühlt sich mitunter mehr als Manager denn als Kreativer. Die Arbeit an der Weihnachtsdekoration für das Glatt beginnt mehr als ein Jahr im Voraus. In einer ersten Phase erstellt Peter Stenz das Konzept, wählt Farben und Materia­lien aus und plant die Bauten. Von grösseren Bauten fertigt er Pläne an. Steht das Konzept einmal, muss es von der kantonalen Gebäudeversicherung abgesegnet werden, damit die Brandsicherheit gewährleistet ist. Für die Beleuchtung des Turms braucht es sogar eine Bewilligung der Autobahnpolizei, und auch Auflagen des Flughafens müssen beachtet werden. All das ist sehr zeitaufwändig. «Die Kreativität spielt vor allem in der ersten Phase eine wichtige Rolle. Nachher wird mehr organisiert und produziert», erklärt Peter Stenz. Der Terminplan ist gedrängt. Kaum ist der Gestalter mit der Weihnachtsdekoration im Glatt fertig, muss er «mit Vollgas» an der Frühlingsausstellung arbeiten und Palmen organisieren, deren Lieferfrist drei Monate beträgt. Laut Peter Stenz hat die Globalisierung zudem dazu geführt, dass die meisten Deko-Gestalter nur noch ausführen, was Konzerne vorgeben.

Trends und die Grenzen der Innovation

Da hat der Inhaber des Kleinunternehmens Glück, dass er noch nicht zum Ausführungsgehilfen eines globalen Players degradiert worden ist. Den Trends kann aber auch er sich nicht entziehen. Deshalb besucht er Trendseminare. Diesen November stand ein Seminar mit der renommierten Trendforscherin Li Edelkoort auf dem Programm. Zu den Trendsettern gehören auch die Einkäufer grosser Warenhäuser. Folgt man als Einziger einer Prognose, steht man mit abgesägten Hosen da. Dies passierte Peter Stenz 2002 mit seiner Pastellweihnacht. Heuer geht er mit der Weihnachts­dekoration im klassischen Stil wie bereits im vergangenen Jahr auf Nummer sicher. «In der Deutschschweiz ist die Farbkombination von Rot, Grün und Gold der Inbegriff von Weihnachten.»
Bei der Dekoration von Shoppingcentern müsse sich der Dekorateur ein Stück weit am Durchschnittsgeschmack orientieren. «Es muss möglichst vielen Leuten gefallen. Ich muss mich nicht selber verwirklichen.» Gehe es dagegen um das Schaufenster eines exklusiven Fachgeschäfts mit einem speziellen Kundensegment, könne man jedes Jahr etwas Neues realisieren. Zu den unbeliebten Leuchtstäben an der Zürcher Bahnhofstrasse, die nach wenigen Jahren wieder abgeschafft werden sollen, meint Peter Stenz: «Das Licht macht Weihnachten aus. Warm muss es sein. Und je mehr Lichtpunkte funkeln, umso schöner ist die Weihnachtsbeleuchtung.»

Grosser Batzen, grosse Wirkung

Diese Grundsätze werden im Glattzentrum beherzigt: Die allgemeine Beleuchtung in der Mall wird reduziert, um den Effekt der installierten Lichter zu steigern. Zusätzlich sollen die «Kirchen­fenster» der Kuppel das Tageslicht dämpfen. Unzählige Lichtchen schweben an den Etagengeländern. Peter Stenz macht alles, um das Publikum zu begeistern - und zweifelt dennoch daran, dass die Weihnachtsbeleuchtung die Kunden hinter dem Ofen hervorlockt. Entscheidend für die Kundschaft eines Einkaufszentrums seien vielmehr der Ladenmix, die Sauberkeit oder die zur Verfügung stehenden Parkplätze, sagt er. Für ihn selber ist Weihnachten das wichtigste Deko-Ereignis. Es kann «eine strahlende Sache» werden, weil er über mehr finanzielle Mittel und damit mehr Möglichkeiten der Gestaltung verfügt. Shoppingcenter würden ein Drittel des Deko-Budgets für Weihnachten reservieren, Warenhäuser gar die Hälfte. Wie viel Geld das Glatt effektiv in die Weihnachtsshow steckt, erfährt man aber weder von Peter Stenz noch von der Zentrumsverwaltung. Grosser Batzen gleich grosse Wirkung auf das Kaufverhalten ist vermutlich die Gleichung, an die sich die Beteiligten halten.

Die wildeste Zeit des Jahres

Eine Journalistin, die sich in der ersten Hälfte des Novembers um ein Interview bemüht, kommt definitiv zur Unzeit. Peter Stenz, sein Team und die Zulieferer arbeiten auf Hochtouren im Glatt. Nebenbei muss der Inhaber des kleinen Geschäfts auch andere Kunden bedienen. «Es ist schwierig, alles aneinander vorbeizubringen. Wir sind eben in der wildesten Zeit des Jahres.» So müsse der Baum jeweils übers Wochenende aufgestellt werden. Wenige Tage nach dem Start der Weihnachtsdeko nimmt sich Peter Stenz dann doch ein Stündchen Zeit, um in seinem Atelier im ruhigen Hinteregg aus der Schule zu plaudern. Der Profi lässt durch­blicken, dass er nach der Eröffnung der Deko im Glatt zunächst mal die Nase voll hat von Weihnachten. Er freut sich jedoch sehr auf das Weihnachten nach Weihnachten, das kalendergerecht im Kreis der Familie stattfinden wird.

 
 
 

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