der arbeitsmarkt | 11/2008 | Text: Christoph Vogel
Mein Tag als Lehrer
Hellwach von der Velofahrt bin ich morgens kurz nach sieben Uhr im Schulhaus. Dann habe ich genügend Zeit, das eine oder andere noch zu kopieren oder vorzubereiten – glaube ich zumindest. Meist bin ich aber in Gespräche mit meinen Kolleginnen und Kollegen verwickelt. Wenn ich die Schülerschar kurz vor Unterrichtsbeginn ins Zimmer lasse, bin ich trotzdem immer bereit.
Nun bin ich schon seit 32 Jahren Primarlehrer und werde es auch weiterhin bleiben. Denn ich habe noch immer nicht verstanden, wie Kinder zum Beispiel lesen lernen. Ich habe zwar verschiedene Mittel und Wege sowie eine grosse Erfahrung, meinen Schülerinnen und Schülern das Lesen beizubringen. Aber wie es funktioniert, weiss ich nicht. Und vor allem gibt es kein Rezept, bei jedem Kind ist es wieder anders. So bleibt Lehrersein für mich spannend.
Die Schule ist für mich wie ein Familienspaziergang. Das Ziel und somit die Richtung ist gegeben, und auch der Weg ist mehr oder weniger immer der gleiche. Kommt ein Hindernis wie ein Bach, springt das eine Kind mühelos darüber, während das andere «drüberglüpft» werden muss, damit es sich die Hose nicht nass macht. – Schön gesagt, ich weiss gar nicht, woher ich das habe oder ob es gar von mir selbst stammt.
Dass viele Lehrerinnen und Lehrer ihren Job aufgeben, erstaunt mich nicht. Junge Lehrpersonen haben oft hohe Ansprüche und hochgeschraubte Erwartungen. Die Ausbildung ist heute schon fast ein Studium, doch der Lehrerberuf ist immer noch zu einem guten Teil Handwerk. Als Lehrer ist man kein Perfektionist, gewissermassen kann man nichts. Das Lehrerdasein besteht aus Vorbereitung und Selbsteinschränkung. Lehrer sein bedeutet, von allem etwas, aber nicht alles zu wissen.
Lehrer bin ich geworden, weil ich nach zwei Semestern Chemiestudium und bestandenem Vordiplom an der ETH Zürich zur Einsicht kam, dass ich dies nicht für den Rest meines Lebens machen wollte. In den Thurgau kam ich, weil sich das damalige Oberseminar an der Rämistrasse in Zürich vis-à-vis vom Schulhaus befand, in dem ich die Mittelschule absolviert hatte. Ich aber wollte hinaus in die Welt, erst recht, als ich dort eine Frau kennen lernte.
Praktisch an jedem Schultag fahre ich mit dem Velo in den Rietacker. Dort, im Dreieck zwischen den ehemals eigenständigen Schulgemeinden von Niederneunforn, Oberneunforn und Wilen, wurde 1977 eine heute noch grosszügig anmutende gemeinsame Schulanlage errichtet. Ist frühmorgens die Wahrscheinlichkeit noch relativ gering, dass ich auf dem Schulweg von meinen eigenen Schülerinnen und Schülern auf dem Velo ein- oder gar überholt werde, kann dies über Mittag schon mal vorkommen. Ich bin bekennender Mikrowellenkoch und lasse mir die Nahrungsaufnahme zu Hause nicht nehmen.
Allein über meinen Schulweg liesse sich mehr erzählen, als diese Seite aufnehmen kann. Die Strasse, die ich jeden Tag nehme, teilt die Ortschaft Wilen, wo ich mit meiner Familie im ehemaligen Schulhaus wohne, in einen thurgauischen und einen zürcherischen Teil. Dementsprechend ist auch die Ortstafel beschriftet: «Wilen ZH/TG». Es versteht sich von selbst, dass am andern Ortseingang die Anschrift umgekehrt lautet: «Wilen TG/ZH».
Wir legen an unserer Schule grossen Wert auf altersgemischten oder stufenübergreifenden Unterricht. Heute sagt man dem Projektarbeit, doch wir haben dies schon immer gemacht. Ich lasse meine Unterstufenkinder gerne schreiben, auch auf dem Computer. Jedem wird dann eine Sechstklässlerin oder ein Sechstklässler zugeteilt, und gemeinsam schauen sie das Geschriebene an, bevor ich die Texte in einer Art Wandzeitung aushänge. Sowohl Unterstufen- als auch Mittelstufenschülerinnen und -schüler sind so gefordert und können voneinander profitieren.
HarmoS, das gesamtschweizerische Unterfangen, die verschiedenen kantonalen Bildungs- und Schulsysteme aufeinander abzustimmen, ist in der Schulgemeinde Neunforn ebenfalls nichts Neues. Die derzeit drei Kinder, die in Wilen auf zürcherischem Boden wohnen, Natascha, Samara und Nico, besuchen die Primarschule in unserem Schulhaus im Thurgau. Die Sekundarstufe besuchen dann alle, auch die Thurgauer, in den zürcherischen Gemeinden Stammheim oder Ossingen. Der Kanton Zürich hat Frühenglisch ab der zweiten Klasse eingeführt, Thurgau wird Frühenglisch ab der dritten Klasse einführen. Wir in der Schulgemeinde Neunforn unterrichten schon jetzt Englisch, wie die Zürcher, allerdings ab der dritten Klasse. Beim Übertritt an die Oberstufe müssen trotzdem alle Kinder mit Englisch etwa gleich weit sein. So viel zur Schulkoordination.
Auch im Thurgau gibt es mittlerweile geleitete Schulen. Für viele Schulen mag eine professionelle Leitung angebracht sein, für unsere kleine Schulgemeinde halte ich dies jedoch für einen Unsinn. Doch Gesetze gelten für alle, auch wenn sie an den Rändern oft unscharf werden. So bin ich nun seit sieben Wochen nicht nur Lehrer, sondern auch Schulleiter. Dafür machte ich eine Ausbildung, die sich über eineinhalb Jahre hinzog. Für mein Lehrerpatent damals benötigte ich mit der Matura lediglich ein Jahr, was übrigens ein weiterer Grund war, wieso es mich in den Thurgau verschlagen hat.
Eigentlich wollte ich beim vorliegenden «Mein Tag» gar nicht mitmachen. Doch auch ich bin manchmal auf das Mitmachen der anderen angewiesen, nicht nur als Lehrer. Denn obwohl ich selbst nicht gross am kulturellen Leben teilhabe, interessieren mich die Menschen und die Geschichten unserer Dörfer. Alle zwei Jahre geben wir dazu ein Themenheft heraus. Zusätzlich habe ich für ein Oral-History-Archiv schon dreissig längere Interviews mit Einwohnerinnen und Einwohnern geführt, von Bertheli Ammann bis zu Margareta Zaugg, die alle bereitwillig Auskunft gaben. Deshalb habe ich schliesslich beim «arbeitsmarkt» doch zugesagt.
Ansonsten halte ich es aber eher wie mein Kollege Arnold Wiesmann, der 1832 auf der ersten Seite des Gemeindeprotokollbuches von Wilen schrieb: «Von Aussen guter Fried und gute Ruh, / von Innen zu recht gesundem Leib auch recht gesunde Sinnen. / Des Himmels Freude dort, der Erde Segen hier, / das ist der Morgenswunsch, nichts weiter wünschen wir.»
Dem habe ich selbst nach 174 Jahren nichts mehr beizufügen!