der arbeitsmarkt | 10/2008 | Text: Jan Gunz
Roma: Lebensweise und Kultur
Die Lebensweise und die Kultur der Roma wecken Faszination. Das weit verbreitete Bild von den Roma als fahrendem Volk ist jedoch kaum zutreffend.
Es gibt fahrende Roma, sie bilden jedoch eine ganz kleine Minderheit, in der Schweiz sind es nur vereinzelte. Man schätzt ihre Zahl auf 200 bis 300. Ab und zu reisen fahrende Roma respektive Sinti aus Frankreich oder Deutschland durch die Schweiz. Früher gab es viel mehr Fahrende unter den Roma. In Rumänien sind oder waren viele Roma Pferdehändler und als solche gezwungenermassen viel unterwegs. Aber auch von diesen besitzen heute die meisten Häuser und sind sesshaft. Wer würde einen Versicherungsvertreter als Fahrenden bezeichnen, nur weil er beruflich viel unterwegs ist? Die Vorstellung, dass Roma Fahrende sind, entstand in Europa aus zwei Gründen. Lange Zeit durften sich die Roma in Westeuropa nirgends niederlassen, sie waren also gezwungen, von Ort zu Ort zu wandern. Andere ziehen aus beruflichen Gründen in einem begrenzten Gebiet umher. In Tat und Wahrheit sind jedoch die meisten Roma sesshaft. Die Roma sind ein Volk ohne nationales Territorium, das bedeutet aber nicht, dass sie nirgends zuhause sind.
Religion
Die Roma haben die Religion ihrer jeweiligen Umgebung angenommen. So gibt es christliche, orthodoxe und muslimische Roma, auch in der Schweiz. Die Religion hat jedoch für die Roma nicht die herausragende verbindende Funktion. Die gemeinsame Sprache, die Kultur und das Brauchtum sind wichtigere Identitätsmerkmale als die Religion.
Familie
Traditionell heiraten Roma sehr jung, in der Regel schon mit etwa 16 Jahren. In konservativen Familien wird die Braut beziehungsweise der Ehemann von den Eltern ausgewählt. Die verheirateten Frauen ziehen in die Familie des Mannes. Die Schwiegertöchter haben in der neuen Familie zunächst den tiefsten sozialen Rang. Mit zunehmendem Alter steigt ihr Ansehen. Ältere Frauen gelten als weise und geniessen grossen Respekt.
Die Unterscheidung zwischen rein und unrein ist für traditionelle Roma von herausragender Bedeutung. Frauen unterliegen eigenen Reinheitsvorstellungen. Menstruation und Geburt gelten - ähnlich wie bis noch vor wenigen Jahrzehnten in der katholischen Mehrheitsbevölkerung oder bis heute auch in der islamischen oder orthodox-jüdischen Kultur - als unrein mit der Folge besonderer Umgangsweisen.
Zur Schlichtung von Streitigkeiten haben die Roma richterliche Instanzen, die sogenannten Kris. Die Kristora, angesehene Persönlichkeiten, urteilen bei Streit und Schulden innerhalb der Roma-Gemeinschaft. Die Richter hören die Parteien an und fällen ihr Urteil.
Sprache
Romanes, die Sprache der Roma, wird heute von zwei Dritteln aller Roma als erste Muttersprache gesprochen. Die meisten Roma sprechen mindestens zwei Sprachen, Romanes und die jeweilige Landessprache. Romanes hat mehrere historische Schichten, an denen man die Migrationsgeschichte der Roma ablesen kann. Der Basiswortschatz ist vom indischen Sanskrit geprägt, später sind persische, armenische, griechische und südslawische Wörter dazugekommen. Man unterscheidet grob vier verschiedene Metadialekte und unzählige regionale Varianten. Trotzdem: Romanes ist das verbindende Element, das von allen verstanden wird.
Musik
Musik spielt im Alltag der Roma häufig eine grosse Rolle, musikalische Darbietungen nehmen bei Festen in der Regel eine zentrale Stellung ein. Sie ist also nicht eine Beschäftigung für Spezialisten, sondern tief in der Kultur verwurzelt. Sie hat stets auch Elemente aus den Kulturen aufgenommen, in deren Gebiet die Roma lebten. So gibt es sehr unterschiedliche Stile und auch verschiedene Instrumente, welche die regionalen Varianten der Romamusik prägen.
In Spanien, genauer in Andalusien, haben die «Gitanos» den Flamenco stark geprägt. In Mitteleuropa erlangten vor allem Jazzmusiker wie Django Reinhardt oder Schnuckenack Reinhardt grosse Anerkennung.