HR Today | 06/2005 | Text: Guy Lang

Inthronisation, Bestallung oder Wahl

«Habemus Papam!» Dieser Ruf hallte vor kurzer Zeit über die Köpfe Tausender versammelter Menschen in Rom. Und wurde in Windeseile in der ganzen Welt – wahrscheinlich sogar im ganzen Universum – verbreitet. Ihm ging ein geheimes Auswahlprozedere voraus, das sich hinter den fast hermetisch verschlossenen Türen der Sixtinischen Kapelle abspielte. Sicher ist nur, dass ihm kein Assessment vorausging – etwa in der Art, dass der Kandidat (auf «oder die Kandidatin» kann ich im vorliegenden Fall verzichten, ohne die Political Correctness zu verletzen) sich in der Wüste als Überlebenskünstler erweisen oder seine Fähigkeit, Untergebene sicher durch das irdische Jammertal führen zu können, beweisen musste. Gewählt wurde er von Berufsgenossen, die auch alle an seiner Stelle als Sieger hätten hervorgehen können. Dass 115 Wähler einen aus ihrer Mitte zum Chef erkiesen, ist eine Besetzungspolitik, die einmalig ist und wohl auch bleiben wird.

Dennoch ist sie demokratischer – nein, das kann ich nicht schreiben, schliesslich hat das Volk nicht mitzubestimmen. Also nochmals: Dennoch ist diese Art der Chef-wahl weniger absolutistisch als etwa die Nachfolgeregelung in Monaco, wo Prinz Albert automatisch seine ältere Schwester ausbootet und einfach den Thron von Fürst Rainier besteigt. Oder bei Nestlé, wo ein sicherlich verdienstvoller alter Strippenzieher gegen vielerlei Widerstand seinen Wunschkandidaten gleichzeitig als CEO und VR-Präsident installiert. Oder wie vor einigen Jahren in den USA, wo der Präsident durch Gerichte erkoren wurde.

Die Bestallung neuer Spitzenkräfte scheint also keinen festen Regeln der Transparenz zu unterliegen. So wirkt es geradezu offensiv demokratisch, wie Jürg Marquard zusammen mit seiner linken und rechten Hand Doris Aebi und Markus Gisler eine Topposition in seinem Verlagsimperium besetzt. Schliesslich bemüht er die totale Öffentlichkeit, unterstützt vom nationalen TV-Sender, um «die Bescht oder de Bescht» unter Vertrag zu nehmen. Und lässt dabei Kandidatinnen und Kandidaten – ursprünglich zwölf an der Zahl – Blumen verkaufen, ein Männermagazin konzipieren und andere unternehmerisch-relevante Dinge tun. Um nach jeder Sendung jemanden über die Klinge springen zu lassen, bis im Juni bekannt sein wird, wer ihn, den Patron Marquard, beim Geldverdienen unterstützen darf.

Hoffen kann man nur, dass das Beispiel keine Schule macht. Wenn alle zusehen müssen, wie – sagen wir mal der oberste Boss von der Schuhcrèmefabrik Blackwix in Oberledringen – selektiert wird, werden die Fernsehabende noch langweiliger als bisher. Andererseits wäre es natürlich eine Chance für viele gefährdete Ehen und Beziehungen: statt vor sich hinzuglotzen, würde man das Gerät ausschalten und wieder miteinander reden.

 
 
 

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