HR Today | 05/2005 | Text: Peter Stöckling

Geiz ist geil - oder: Abgesang auf einen Trend

Zu diesem Thema gibt es nun gar nichts mehr zu sagen, und daran haben sich gefälligst auch die zu halten, die um mindestens einen Trend hinterherschlurfen. Also: wirklich nichts mehr! Ausser…

Ausser der Erinnerung an ein Bild, ein grossartiges Fresko, die mir – etwas spät, aber immerhin – vors innere Auge gekommen ist. Im Palazzo Pubblico, dem mittelalterlichen Rathaus von Siena, dominiert ein schwebender Frauenkadaver das Gemälde, das die «Auswirkungen der schlechten Regierung» darstellt. In die überlebensgrosse Horrorgestalt hat der Maler Ambrogio Lorenzetti die ganze Power seiner Pinsel geworfen. Sie ist so platziert, dass sich die Ratsherren des damals reichen toskanischen Finanzplatzes der Figur nicht entziehen konnten. Sie stellt die Laster der «schlechten Regierung», Stolz, Eitelkeit – und eben auch Geiz dar.

Passt doch nicht schlecht zum neuesten Trend: Glauben sei scheint’s wieder im Kommen. Da sind wir ja weiss Gott gut bedient! Dennoch: Nur ein einziges Bibelzitat, aus einem – das Quäntchen Eitelkeit sei mir vergeben – Petrusbrief: «Sie haben ein Herz, durchtrieben mit Geiz, verfluchte Leute, verlassen den richtigen Weg und gehen irre.»

Zu frischer Blüte kommt auch der altväterische Benimm nach Adolph Freiherr Knigge (1752 bis 1796), der es inzwischen sogar zu Kinderevents im Engadiner Nobelhotel bringt. Ob die lieben Kleinen dort auch erfahren, dass Freiherr K. den Geiz für «eine der unedelsten Leidenschaften des Menschen» hielt?


Renne ich da nicht offene Türen ein? «Geiz-ist-geil-Ära neigt sich zum Ende», behaupten zumindest die Wendehälse von Meinungs- und Trendforschung. Der Beweis: «Auf die Frage, worauf sie beim Kauf eines Produktes mehr achten, antworteten 83 Prozent der befragten deutschen Verbraucher mit Qualität, lediglich 17 Prozent gaben den Preis an. Im Frühjahr 2004 hatten noch 51 Prozent die Qualität und 49 Prozent den Preis genannt.»

Darum ist dieses letzte Geschichtlein schon fast ein Reminiszenz. Saturn, der deutsche Elektronikdiscounter, aus dessen Werbung der Slogan stammt, hat sich während der ganzen Diskussion nie gegen Plagiat oder Ideenklau gewehrt. Nur einmal sind seine Juristen aktiv geworden – gegen den Evangelischen Kirchenkreis Recklinghausen. Die kleine Ursache für den grossen Ärger: In einer Flyer-Aktion hatten die engagierten Protestanten die Essenz des geizgeilen Zeitgeistes in einen einzigen Buchstaben verdichtet: «Geiz ist Geiz.»

 
 
 

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