der arbeitsmarkt | 01/2008 | Text: Stephen Lafranchi
Der Thuner Sozial-Stern zeichnet Unternehmen der Region aus, die Arbeitsplätze für Leute mit psychischen und anderen Beeinträchtigungen anbieten. 2007 ging der Preis an das Gwatt-Zentrum. Dieses bietet eine Vielzahl von Integrationsstellen.
Die Berufliche Förderung und Klärung Thun (BFK), eine Abteilung der Psychiatrischen Dienste des Spitals Thun, hat den Sozial-Stern zum elften Mal verliehen. Der Preis besteht in einem Scheck in der Höhe von 7500 Franken, einer Urkunde und einer Skulptur als Wanderpreis. Aktueller Preisträger ist das Gwatt-Zentrum, das seit Jahren Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen beschäftigt.
Thuns Hausberg, der pyramidenförmige Niesen, scheint am Seeufer zum Greifen nah. Er ist Namensgeber des Programms zur vorübergehenden Beschäftigung, mit dem das Gwatt-Zentrum eng verbunden ist (siehe Box Seite 37). Das Zentrum mit Seeanstoss ist als Seminarhotel mit Erholungs- und Sportmöglichkeiten – auf der Fläche von elf Fussballfeldern – und als Veranstaltungsort für kulturelle Anlässe sowie für kulinarische Höhenflüge bekannt.
Nach der Verleihung des Sozial-Sterns hat das Interesse an den geschützten Arbeitsplätzen zugenommen. Das Gwatt-Zentrum ist mit fünf geschützten Integrationsplätzen aber relativ schnell besetzt. Bei der Arbeitszuteilung wird auf die Leistungsbeeinträchtigung der betreffenden Mitarbeitenden Rücksicht genommen. Sonst haben sie die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen Angestellten.
Klarheit bezüglich fachlicher und persönlicher Kompetenzen
Das Gwatt-Zentrum, das vor kurzem sein 75-jähriges Bestehen feiern konnte, arbeitet seit Jahren mit verschiedenen sozialen Institutionen zusammen. Es beschäftigt insgesamt 85 Mitarbeitende. Jeder vierte Arbeitsplatz ist ein Integrationsarbeitsplatz. Es gibt Trainingsplätze, Programmplätze, massnahmenbetreute Arbeitsplätze, Stellen für IV-Abklärungen sowie Qualifizierungs- und Integrationsarbeitsplätze für Erwerbslose.
Der Betrieb wird selbsttragend nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen und ohne Fremdsubventionen geführt. Das Gwatt-Zentrum hatte bis jetzt noch kein Bildungskonzept, ist aber wegen des regen Interesses am Ausarbeiten eines solchen.
Das Gwatt-Zentrum ist nicht einfach eine Übungsfirma. Es beherbergt den Fachbereich Gastronomie des PvB Niesen und bietet zwanzig Einsatzplätze im Hausdienst, im Service und in der Küche. Hier werden die Teilnehmenden in den Betrieb integriert und zu einem Teil der funktionierenden (Gast-)Wirtschaft. Dabei wird ihnen auch das erforderliche theoretische Wissen vermittelt. So werden sie auf den Wiedereinstieg in das Arbeitsleben vorbereitet und lernen, sich den Anforderungen der heutigen Gastronomie anzunähern. Serge Carrel, Bereichsleiter Hotel des Gwatt-Zentrums, meint: «Wichtig ist es, dass wir den Teilnehmenden eine Struktur und einen realistischen Arbeitsplatz geben können. Das ist ein erster Schritt aus der Erwerbslosigkeit.»
Das Programm ist in zwei Stufen aufgebaut. Nach einem Erstgespräch mit dem Einsatzstellenleiter besuchen die Teilnehmenden einen zweiwöchigen Einführungskurs. Dieser bietet die Möglichkeit, sich Klarheit über eigene Kompetenzen im fachlichen sowie im persönlichen Bereich zu verschaffen. Serge Carrel erklärt: «Hier wird beispielsweise auch erläutert, was ein L-GAV ist, wie die betriebsinternen Abläufe funktionieren oder wie die persönliche Hygiene gehandhabt wird.» In Zusammenarbeit mit einem Coach und dem Fachbereichsleiter werden Eigen- und Fremdwahrnehmung verglichen und Zielvereinbarungsgespräche geführt. «Diese Gespräche sind im normalen Arbeitsalltag möglich, deshalb werden sie sehr geschätzt», sagt Serge Carrel. Danach wird das weitere Vorgehen besprochen und als Empfehlung an die zuständigen RAV-Beratenden weitergeleitet.
Die zweite Stufe dauert zehn Wochen und dient der beruflichen Qualifizierung. Einmal pro Woche besuchen die Teilnehmenden den Fachtheoriekurs. Hier wird in zwölf Modulen spezifisches Fachwissen vermittelt und praktisch umgesetzt. Parallel dazu finden Deutsch- und PC-Kurse statt. Begleitend besuchen die Teilnehmenden eine Bewerbungswerkstatt, in der sie sich mit der Stellensuche beschäftigen. Mit dem Coach wird das Berufsprofil genau analysiert und eine individuelle Bewerbungsstrategie ausgearbeitet. Es finden eine Schulung in den Bereichen Marketing, Netzwerkaktivierung und ein persönliches Kompetenzmanagement statt. Am Ende dieses beruflichen Förderprogramms findet ein abschliessendes Beurteilungs- und Austrittsgespräch statt, und die Absolventinnen und Absolventen erhalten ein Arbeitszeugnis und einen Theorienachweis.
Das Programm im Fachbereich Gastronomie ist im neuen Jahr schon ziemlich ausgelastet. Martin Koch, Bereichsleiter PvB Niesen, sagt dazu: «Die Akzeptanz der Leute vom RAV gegenüber den PvB hat sich deutlich gesteigert. Man hat gemerkt, dass PvB nicht einfach nur Beschäftigungsprogramme sind. Die RAV vermitteln heute Stellensuchende möglichst schnell in ein PvB.» Der Fachbereich Gastronomie ist überdurchschnittlich erfolgreich: Rund 30 Prozent der Teilnehmenden finden während des PvB-Einsatzes, weitere 20 Prozent nach Abschluss des Programms eine Arbeitsstelle.