HR Today | 04/2005 | Text: Oliver Sack
Wenn Mitarbeitende wegen Krankheit oder Unfall länger vom Arbeitsplatz fernbleiben, besteht die Gefahr der Invalidisierung der Betroffenen. Mit Case Management lassen sich viele potenzielle Invaliditätsfälle verhindern. Die Stadtverwaltung Zürich hat in drei Dienstabteilungen ein Pilotprojekt Case Management gestartet.
Mit Case Management am Arbeitsplatz werden erkrankte oder verunfallte Mitarbeitende bei der Rückkehr in den Arbeitsprozess bestmöglich unterstützt. Case Management entlastet Mitarbeitende, Vorgesetzte und Personalverantwortliche dank speziell ausgebildeten Ansprechpersonen, den so genannten Case Managerinnen oder Case Managern. Ihre wichtigste Aufgabe ist die Sicherstellung der Kommunikation und Koordination zwischen allen beteiligten Stellen und Personen, damit im Interesse der Mitarbeitenden und des Unternehmens die beste Lösung gefunden werden kann.
Mit der Einführung von Case Management am Arbeitsplatz soll in der Verwaltung der Stadt Zürich eine Kultur gestärkt werden, die auf gegenseitige Wertschätzung und Arbeitsplatzsicherheit bei Krankheit und Unfall setzt. Warum gibt es ein Pilotprojekt? Die Zahl der Invaliditätsfälle in der Stadtverwaltung hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Durch Case Management am Arbeitsplatz soll die Anzahl vermeidbarer Langzeitabsenzen und Invaliditätsfälle vermindert werden – internationale Erfahrungen zeigen, dass eine Senkung um 20 Prozent realistisch ist.
Weil die Einführung von Case Management am Arbeitsplatz für die Stadtverwaltung Neuland ist, wird Case Management unter der Federführung von HR Stadt Zürich als Pilotprojekt in drei Dienstabteilungen erprobt: den Altersheimen der Stadt Zürich (AHZ), Grün Stadt Zürich (GSZ) und den Verkehrsbetrieben (VBZ). Das Pilotprojekt dauert ein Jahr bis Ende März 2006. Die Leitungen der drei Pilotbetriebe haben sich freiwillig für die Erprobung und Einführung von Case Management beworben. Eine ideale Voraussetzung, denn die Unterstützung der obersten Führungsebene ist für den Erfolg von Case Management sehr wichtig. Gestützt auf die Erkenntnisse aus den drei Pilotabteilungen wird der Stadtrat im Frühjahr 2006 über das weitere Vorgehen entscheiden. Bei überzeugenden positiven Resultaten wird die Einführung in der gesamten Stadtverwaltung geprüft.
Das Pilotprojekt wird von der Firma Rehafirst AG, Zürich, begleitet. Sie passt die Methode internes Case Management am Arbeitsplatz nach dem kanadischen Nidmar-Modell auf die Verhältnisse der Stadtverwaltung an und führt die Schulung und die kontinuierliche Fachberatung der Case Managerinnen und Case Manager durch. Insgesamt sind für die Projektdauer 3,5 Stellen bewilligt worden. Die neue Funktion wird zum Teil von bisherigen Mitarbeitenden der Pilotabteilungen und zum Teil von neu angestellten Personen jeweils in Teilzeitpensen von 40 bis 60 Prozent übernommen. Alle verfügen über einen Grundberuf in einem verwandten Bereich wie beispielsweise Sozialarbeit und Krankenpflege. Wichtig ist eine hohe Sozial- und Beratungskompetenz sowie Erfahrung mit Menschen in schwierigen Situationen.
So funktioniert Case Management am Arbeitsplatz: Die Case Managerinnen und Case Manager werden aktiv, sobald eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter länger als 14 Tage krank beziehungsweise wegen Unfall abwesend und die Rückkehrprognose ungewiss ist. Dies ist insbesondere bei Schleudertraumata, psychischen Leiden oder aber Rückenproblemen der Fall. Die Case Managerin beziehungsweise der Case Manager nimmt als Erstes mit der oder dem Vorgesetzten der verunfallten oder erkrankten Person Kontakt auf. In einem ersten Gespräch wird festgestellt, ob eine Unterstützung durch Case Management Sinn macht. Wenn ja, nimmt die Case Managerin oder der Case Manager anschliessend mit der oder dem Mitarbeitenden Kontakt auf und bespricht die aktuelle physische, psychische, berufliche und familiäre Situation sowie das weitere Vorgehen, wenn die beziehungsweise der betroffene Mitarbeitende damit einverstanden ist. Nachfolgend stellt der Case Manager die Vernetzung mit Beteiligten wie Vorgesetzten, Personalverantwortlichen, Ärztinnen oder Ärzten und Versicherungen sicher – alles im Einvernehmen mit dem betroffenen Mitarbeitenden. Die Case Managerin unterstützt vor allem den erkrankten Mitarbeitenden unter Berücksichtigung der gesundheitlichen, beruflichen und psychosozialen Situation, aber auch die anderen Beteiligten wie etwa Vorgesetzte. Es geht in erster Linie darum, praxistaugliche Lösungen für eine möglichst baldige Rückkehr ins Arbeitsleben zu realisieren (beispielsweise anfänglich auch in Minimalpensen).
Im Projekt gibt es ein Budget für Reintegrationsstellen. Damit kann nach Absprache mit dem Case Manager, der Case Managerin – wenn es für die Wiedererlangung der ursprünglichen Arbeits- und Leistungsfähigkeit wichtig ist – ein erkrankter Mitarbeitender während einiger Monate an einem anderen geeigneten Arbeitsplatz eingesetzt werden, ohne dass dieser Einsatz das Stellenbudget jener Abteilung belastet. Gleichzeitig kann die ursprüngliche Stelle temporär neu besetzt werden. Zudem stehen Gelder für die Finanzierung von Reintegrationsmassnahmen zur Verfügung – eine so genannte Chancenkasse. Damit können kurzfristig und unbürokratisch geeignete Reintegrationsmassnahmen finanziert werden, wenn für diese kein Kostenträger gefunden beziehungsweise wenn der Bescheid für eine Kostenübernahme lange auf sich warten lässt (beispielsweise für alternative Schmerzbekämpfungsmassnahmen). Sowohl die Möglichkeit von Reintegrationsstellen als auch die so genannte Chancenkasse stellen für das Funktionieren von Case Management am Arbeitsplatz wichtige Eckpfeiler dar.