HR Today | 06/2006 | Text: Connie Voigt
Viel wird über Nationaltrainer Köbi Kuhn geredet. Dabei schätzt es dieser Mann mehr, ohne grossen Wirbel seinen Job als Coach mit grosser Disziplin auszuführen. Wer ihm eine Stunde zuhört, hat eine authentische Persönlichkeit der alten Schule vor sich, von der Unternehmenschefs lernen können.
Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit auf die Minute sind Tugenden, die sich zunehmend weniger Trainer oder Manager tatkräftig zu Herzen nehmen. Anders bei Köbi Kuhn. Gesprächstermin mit HR Today am 28. April um 14.30 Uhr. Kuhn entschuldigt seine Verspätung um genau 14.30 Uhr per Natel. Er sei auf dem Weg. Der feste Handschlag zur Begrüssung gerade mal zehn Minuten später sagt alles über die enorme Authentizität des Trainers aus. Es ist ein Handschlag, der sein Gegenüber in Sekundenschnelle mit ihm verbindet und nicht aufgesetzt oder bewusst stark eingesetzt ist.
Zahlreiche Medien sprechen über seine ruhige, ja fast stoische Ausstrahlung. Ein Werbespot im Schweizer Fernsehen demonstrierte eines von Kuhns Markenzeichen: in Ruhe zuhören können und die Menschen in ihren Gedanken gewähren lassen. Nur wenige Wochen vor der WM 2006 ist von dieser so oft erwähnten Ruhe nicht übermässig viel zu spüren. Er ist im Gespräch fokussiert, extrovertiert, engagiert. Er versprüht die wohl dosierte Energie eines Menschen, der spannende Wochen vor sich
hat und dabei seine innere Kraft kontrolliert einsetzt. Kurz, Kuhn hat Eigenschaften, die an sattelfeste Top-Manager von Unternehmen erinnern sollten.
Was hat Kuhn vor fünf Jahren bewogen, den Job als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft anzunehmen? «Ich geniesse den Umgang mit jungen Menschen», sagt er, «und ich möchte gemeinsam mit einem Team etwas erreichen, von dem jeder der Spieler individuell für sich träumt. Diesen Traum im Team auszuführen ist das Ziel.» Fast beiläufig erwähnt er, dass er auch in der Materie Fussball kompetent sei. Kuhn selber hat in seiner Zeit als Fussballprofi einige Coachs erlebt. Sie seien alle ziemlich unterschiedlich gewesen, aber man könne schon am neuen Stellenwert, den der Fussball heute in der Gesellschaft geniesst, Unterschiede beim Training im Vergleich zu früher erkennen: «Der Umgang mit Autoritäten hat sich stark verändert. Damals sprach man als Fussballchef von seinen Untergebenen im Team, heute lösen sich diese starren Grenzen auf», so Kuhn. Zum «Du» mit seinen Spielern kann er sich jedoch nicht durchringen. «Es fällt mir schwer, das ‹Du› im Arbeitsverhältnis anzubieten. Dazu bin ich wohl als Nachkriegskind zu sehr von der alten Schule geprägt. Aber Menschen können ja auch eine warme Beziehung zueinander haben, ohne sich duzen zu müssen.»
Damals hätte jeder Spieler alles gemacht, was ihm gesagt wurde, ohne die Entscheidungen seiner Chefs zu hinterfragen, geschweige denn zur Diskussion anzuregen oder Dinge zu verweigern. Kuhn: «Man war früher eher zur Einfachheit erzogen worden. Heute sind die Abläufe komplexer geworden, da die Ziele gemeinsam gestaltet werden. Wir haben heute zwar genauso viele leistungswillige Leute, aber der Konkurrenzkampf wird intensiver ausgefochten. Ausserdem leben wir im schnelleren Tempo, was sich vor allem in der Art, wie die Medien arbeiten, widerspiegelt. Früher liefen die TV-Leute mit den Filmrollen nach der ersten Halbzeit in ihre Studios, um die besten Ausschnitte der Spiele zeigen zu können. Heute ist der Druck auf die Medien sehr viel höher, weil auch die Interviews in den Pausen live passieren müssen und das bei zusätzlichem Konkurrenzdruck der Medien untereinander. Diese schnelle Arbeitsweise mit dem spürbaren Druck der Medienvertreter verändert den Fussball ungemein.»
Würde der hektische Medienrummel mit Stareffekt um die Spieler auch bedeuten, dass sie heute noch motivierter sind als damals? Diese Frage scheint Kuhn befremdlich. Für ihn muss der Antrieb für gute Leistung aus dem Herzen jedes einzelnen Spielers kommen, der den Zuschauern ein Geschenk machen will. Die Anerkennung der Fans sei schliesslich das Motiv für Höchstleistung. «Es geht beim Fussball nicht primär um das Nehmen, sondern um das Geben. Was sollen die Spieler mit noch mehr Geldeinnahmen? Sie haben ihre Taschen doch schon voll», sagt Kuhn erregt und offensichtlich ohne Verständnis für die wachsenden Gagen der Fussballprofis. Das Problem im heutigen Profifussball sei die Geldgier. Wenn aber das Konzept der Dienstleistung am Zuschauer verstanden würde, funktioniere das Teamzusammenspiel von ganz alleine. «Man kann immer sagen, wir müssen gewinnen. Aber die Leute glücklich zu machen ist das eigentliche, übergeordnete Ziel.» Viele individuelle Spieler im Welt-Fussball würden sich selber zu wichtig nehmen, sagt der Trainer. Kuhn fehlt im heutigen Fussball
die Genügsamkeit und die Bescheidenheit, mit der Erfolge auf gebende Art verbucht werden können. Im Team der Schweizer Nationalelf hätte er seine Werte jedoch klar durchgesetzt.
Wie führt Kuhn seine Nationalmannschaft? «Führungspersonen, die ihre Teams wie Hunde abrichten, können nicht viel Erfolg erwarten», sagt er. «Ich arbeite an der Disziplin der Mannschaft, ihrer Pünktlichkeit und an der Eigenverantwortung des Einzelnen.» – Eigenschaften, die eine gewisse Reife voraussetzen, die bei einer jungen Mannschaft wie der Schweizer Nationalelf sicher nicht von Beginn an gegeben waren. Wie Kuhn genau an diesen Werten feilt, verrät er im Gespräch nicht. Klar ist, er führt gerne Einzelgespräche, in denen er aus dem Bauch heraus die Lage analysiert und mit ruhigen, eindringlichen Worten kommuniziert. Wichtig sei, so Kuhn, dass jeder weiss, was er zu tun hat, und dies würde er klar und direkt vermitteln – keine Spur eines Laisser-faire-Führungsstils, wie Kuhn nach aussen so oft vermuten lässt, da er dem Team Freiheiten im Umgang untereinander und mit in der Öffentlichkeit einräumt. «Ich bin als Trainer Koordinator», behauptet er im Stil des Understatements. Diese Bescheidenheit ist genau die Eigenschaft, für die er in der Öffentlichkeit als Laisser-faire-Manager missverstanden wird. Introvertiertheit ist ein anderes falsches Attribut, das manche ihm zuschreiben.
«Ich bin überhaupt nicht introvertiert», dementiert er leicht entrüstet, «ich hample nur nicht wie andere Trainer nervös am Spielfeldrand herum, denn meine Spieler sehen und hören mich ja eh nicht in einem lauten, mit Menschen gefüllten Stadion. Warum soll ich das dann tun?», sagt Kuhn beinahe verteidigend. Und weiter: «Ich behalte meine Energie lieber für mich.» Auch in den hektisch gewordenen Pausen steigt sein Puls nicht über 60, wie er sagt. Er hat ihn tatsächlich während kritischer Situationen gemessen. Und vor den Spielen sei er noch ruhiger, wie er konstatiert. «Diese innere Ruhe ist mir enorm wichtig, für die ganze Atmosphäre und für das Team. Deshalb regen mich diese Interview-Termine während der Pausen immer so auf. Ich will, dass in dieser kurzen Zeit die
innere Ruhe im Team einkehrt.» Ruhe ist Teil seiner Taktik. Es gilt das alte Sprichwort: «In der Ruhe liegt die Kraft.»
Die innere Ruhe hilft im Umgang mit Niederlagen. Kuhn brüllt seine Mannschaft nicht zusammen, wenn das Spiel nicht so verlief, wie es geplant war. Er mäkelt auch nicht an den Fehlern im Detail. «Spieler sind intelligent genug, um ihre Leistung selber realistisch einzuschätzen. Wenn sie dazu nicht imstande sind, gehören sie auch nicht in die Mannschaft», urteilt Kuhn klar. Es wäre auch nicht sinnvoll, vor dem gesamten Team als Einzelner – egal ob als Trainer oder als Spieler – mit Selbstzweifeln zu kommen. «Spieler sollten die Stärke haben, in den Halbzeitpausen nicht sich selber zu kritisieren.» Es sei essenziell, das Vertrauen des Coachs in Krisensituationen zu spüren und nicht an der eigenen Leistung zu zweifeln. Wenn sich aber ein Coach selbstüberschätzt, seien Probleme vorprogrammiert. «Egozentriker währen nicht lange als Coach. Einzelkämpfertum mag zu Anfang einen starken Eindruck mit grossen Erfolgen hinterlassen. Lange hält der Erfolg auf dieser Basis aber nicht.»
Köbi Kuhn hat nie einen Managementkurs besucht oder eine Weiterbildung in Coaching
absolviert. «Ich habe nichts gegen Managementkurse. Manager müssen nur authentisch sein.
Ich musste mir das nicht antrainieren. Ich bin einfach ich selber.» Auf die Frage, ob er selber
Vorbilder im europäischen Fussball hat, gibt er einen Namen aus England an. Arsène Wenger, der Coach des Londoner Fussballklubs Arsenal, sei ein Beispiel eines Trainers, der dauerhaft
authentisch sei. Er verbuche deswegen nachhaltigen Erfolg mit dem Arsenal-Team. Ein
anderes Credo von Kuhns Managementstil hat erzieherischen Charakter: «Leute wollen wie
Erwachsene behandelt werden, so dass sie selber auch erwachsen handeln. Deswegen halte ich auch das Auferlegen von Verboten für unsinnig. Erwachsenen Menschen verbietet man nichts.» Psychologische Probleme habe er im Team kaum zu lösen. Und wenn, dann löse er sie selber.
Er bezeichnet sich als Menschenkenner – lässt er sich im Gespräch in den Mund legen –, der die Gedanken anderer relativ schnell durchschaut und deshalb schnell auf sie eingehen kann.
«Ein guter Chef zeigt Emotionen», sagen manche CEO wie beispielsweise Rolf Doerig, Chef der Swiss Life und Kuhn-Anhänger. Kuhn sieht das auch so, zeigt Emotionen, aber unbewusst nach Instinkt: «Wenn ich vor der Mannschaft stehe, habe ich Emotionen. Ich lasse sie aber eher fein und moderat spüren. Ich mache das nicht bewusst, spüre es aber instinktiv. Ich zeige Gefühle mit Nachdruck
und nonverbal.» Richtig aus der Haut fährt der 62-Jährige nur, wenn wichtige Grundsätze nicht stimmen, wenn er mit Unehrlichkeit und Feigheit konfrontiert wird. Auf die Frage, wie er sich erklärt, dass er als Sympathieträger von der Öffentlichkeit empfunden wird, sagt er lange nichts, schaut auf den Boden und sagt trocken: «Ich weiss es nicht.»