HR Today | 7,8/2006 | Text: Marianne Rupp
Ausgebrannte Menschen sollten – wenn möglich – keine Auszeit nehmen, sondern zusammen mit Spezialisten die Arbeitsstrukturen ändern und wenn nötig auch das Selbstbild überdenken. Der Klinikdirektor und Psychiater Wulf Rössler arbeitet mit Burnout-Patienten und weiss, worauf es in einer Therapie ankommt.
HRToday: Ist das Risiko, an Burnout zu erkranken, heute wirklich grösser geworden oder ist Burnout einfach nur «in Mode» gekommen?
Wulf Rössler: Beides trifft zu. Einerseits muss mit immer knapperen Ressourcen immer mehr Arbeitsleistung erbracht werden und das steigert den Druck noch mehr. Andererseits hat
es heute fast schon einen gewissen Chic, einen Burnout überstanden zu haben, denn es beweist, dass man bereit ist, sich im Dienste der Firma aufzuopfern. Zudem wird es gesellschaftlich eher akzeptiert, wenn jemand an einem Burnout erkrankt als an einer Depression. Harte Zahlen dazu gibt es jedoch nicht. Allerdings leiden nicht alle, die der Arbeit überdrüssig sind, gleich an Burnout.
Wann spricht der Arzt von Burnout?
Burnout ist im engeren Sinn keine psychiatrische Diagnose. Der Begriff Burnout existiert nur im Zusammenhang mit der Arbeitssituation. Wir kennen jedoch keine Diagnosen, die auf bestimmte Situationen bezogen sind. Die offizielle Diagnose, der psychiatrische Begriff für «Burnout» heisst «Anpassungsstörung». Das ist teilweise treffend, weil aus verschiedenen Gründen die Anpassung an die Arbeitsbedingungen nicht oder nicht mehr gelingt. Es ist insofern unzutreffend, als das Problem nur der betroffenen Person zugeschrieben wird.
Sind bestimmte Menschen eher gefährdet als andere?
Es gibt Persönlichkeitszüge, die Menschen für eine Anpassungsstörung prädisponieren.
Dazu gehören ein starker Leistungs- und Erfolgswillen, ein enger Arbeitsbezug und auch eine
gewisse Unfähigkeit, Gefühle äussern zu können oder seine eigenen Interessen durchsetzen – das heisst nein sagen – zu können. In diesen Merkmalen liegt auch das zentrale Problem des
Burnout: Es sind eigentlich Persönlichkeitszüge, die der Arbeitgeber wünscht. Mein früherer
Chef pflegte zu sagen, «gute Arbeit wird mit mehr Arbeit belohnt» – und er hatte Recht. Wer nahtlos liefert, steht bald einmal im Verdacht, nicht genug Arbeit zu haben.
Neben diesen Persönlichkeitszügen braucht es aber noch äussere Umstände, damit ein Burnout ausbricht: Eine hohe Arbeitsbelastung mit relativ hoher Fremdbestimmung und wenig
Anerkennung. Es ist enorm wichtig, dass die so genannte Effort-Reward-Balance stimmt.
Sind Männer mehr gefährdet als Frauen?
Im Prinzip ja, denn sie haben Persönlichkeitszüge, die sie eher dazu prädestinieren. So sind Männer eher dem absoluten Leistungswillen verfallen, Frauen haben aber andere Risiken: Der Anspruch an sich selber, perfekt zu sein und überall eine Topleistung zu bringen – bei der Arbeit, in der Kindererziehung, im Eheleben, in der Betreuung der Eltern. Viele verlieren bei dieser Aufgabenvielfalt die innere Balance. Mit solchen Frauen psychotherapeutisch zu arbeiten, ist schwierig, weil sie fest davon überzeugt sind, dass nur sie allein die Aufgaben richtig bewältigen können.
Was kann der Einzelne zur Burnout-Prävention beitragen?
Als Erstes muss die Arbeitslast auf ein sinnvolles Mass reduziert werden. Dabei kann ein richtiges Zeitmanagement helfen. Hier können verschiedene Techniken angewendet werden, etwa die so genannten ABC-Tasks. Eine A-Aufgabe ist eine Arbeit, die dringend ist und die nur ich erledigen kann, eine B-Task ist zwar dringend, kann aber delegiert werden, und eine C-Aufgabe ist vernachlässigbar. Wenn gewisse Dinge über zwei Wochen liegen bleiben und nichts passiert, niemand beschwert sich – das sind C-Tasks. Ein weiteres wichtiges Element für die Arbeitsreduktion ist das richtige Delegieren: Die geeignete Person muss die notwendigen Instruktionen mit einer einhaltbaren Frist bekommen. Delegieren kann durchaus ein schmerzhafter Prozess sein, weil es auch bedeutet, Entscheidungskompetenzen abzugeben, und das ist letztendlich ein Machtverlust.
Waren Sie selber schon nahe an einem Burnout?
Vor etwa eineinhalb Jahren merkte ich, dass ich am Beruf keine Freude mehr hatte. Das war mir in meinem ganzen Arbeitsleben noch nie passiert. Ich habe dieselben Fehler gemacht, die ich bei anderen behandle. Ich arbeitete am Abend und an den Wochenenden und nahm mir jeweils für einen Tag so viel vor, dass ich das Pensum gar nicht erledigen konnte. Meine Unzufriedenheit stieg ständig.
Wie haben Sie die Gefahr gebannt?
Ich kannte die Techniken ja alle, ich musste sie nur noch konsequent anwenden. Ich gab
meinem Alltag eine neue Struktur, konzentrierte mich auf das Wesentliche und delegierte, manchmal schweren Herzens, was möglich war. Ein Beispiel gab mir mein früherer Chef, der mich sehr geprägt hat: Er hatte zwei Büros. In einem erledigte er seine klinischen Aufgaben, im anderen nur die Forschungsarbeiten. Jeder Mitarbeitende wusste, dass er sich konsequent an diese Aufteilung hielt, und wenn er in einem Büro war, war er für den anderen Bereich nicht zu sprechen. Führungsverantwortliche müssen unglaublich strukturiert arbeiten, damit sie alle Aufgaben erledigen und mit dem Druck, der auf ihnen lastet, richtig umgehen können. Ein anderer wichtiger Aspekt ist auch die Fähigkeit, gewisse Ängste abspalten zu können. Wer Ängste zulässt, nähert sich schnell dem Ende seiner Karriere.
Was meinen Sie mit Ängste abspalten?
Ich darf mich nicht von der Angst einnehmen lassen, beispielsweise etwas nicht richtig entschieden zu haben. Dann vergegenwärtige ich mir jeweils, dass ich doch bisher in solchen Situationen richtig entschieden habe. Wenn die Anspannung nicht nachlassen sollte, analysiere ich die Situation nochmals ganz genau und frage mich, ob ich im Entscheidungsprozess einen Fehler gemacht habe. Ich gehe alle Abläufe noch einmal durch und suche allfällige Schwachstellen. Wenn ich nach dieser gründlichen Analyse zum Schluss komme, dass ich richtig entschieden habe, ist das ausserordentlich beruhigend. Es kann aber auch sein, dass ich eine Entscheidung korrigieren muss. Genau das fällt vielen sehr schwer, es ist jedoch enorm wichtig und braucht Mut.
Wer merkt zuerst, dass etwas nicht mehr stimmt, der Betroffene oder sein Umfeld?
Beide, das heisst jeder auf seine Art. Der Betroffene ist unzufrieden mit sich und seiner Arbeitsleistung. Der erste Reflex darauf ist, noch mehr zu arbeiten. Der erwünschte Effekt bleibt jedoch aus und die Unzufriedenheit wächst zusammen mit der Unfähigkeit sich zu konzentrieren. Der Betroffene wird, gefangen in diesem Teufelskreis, seinem Umfeld entsprechende Signale senden:
Er ist gereizt, ungehalten oder zieht sich zurück.
Was läuft biologisch und biochemisch ab, wenn jemand an Burnout zu leiden beginnt?
Leute, die chronisch gestresst sind, zeigen einen permanent hohen Level an Cortisol, dem körpereigenen Stresshormon. Studien haben bewiesen, dass ein erhöhter Cortisollevel die
Gedächtnisleistungen verschlechtert. Die schlechte Konzentrationsfähigkeit der Burnout-Gefährdeten hat also durchaus einen biologischen Grund. Ab einem gewissen Punkt leiden Betroffene zudem an somatischen Symptomen. Klassische Anzeichen sind Magenschmerzen, erhöhter Blutdruck, Atem- oder Verdauungsschwierigkeiten. Solche somatische Symptome sind gesellschaftlich eher akzeptiert als psychische Schwierigkeiten und führen die Betroffenen öfters zum Arzt.
Erkennt der Hausarzt hinter dem Bluthochdruck einen Burnout?
Oftmals sind Ärzte zu sehr auf das Individuum konzentriert und beziehen das Umfeld zu wenig mit ein. Sie bekämpfen mit Blutdruckpillen die Symptome, dringen aber damit nicht zum Kernproblem vor. Natürlich wird der Arzt merken, wenn jemand überarbeitet ist. Er muss den Patienten jedoch mehr bieten können als nur den Ratschlag, weniger arbeiten wäre besser. Das hilft den Betroffenen nicht, denn das wissen sie in den meisten Fällen selber. Wir organisieren im kommenden Herbst eine Tagung für Ärzte, weil wir sie sensibilisieren, ihnen Wege aufzeigen und Weiterbildung anbieten wollen.
Muss nun jeder, der gestresst ist und Bauchweh hat, einen Burnout befürchten?
Nein. Menschen müssen auch etwas aushalten können, Stress schadet nicht prinzipiell. Für viele bedeutet Stress sogar eine positive Herausforderung. Er darf einfach nicht permanent sein. Burnout kann in drei Hauptkomponenten aufgeteilt werden: Abnahme der eigenen Leistungsfähigkeit, emotionale Erschöpfung, innere Distanziertheit zur Arbeit. Erst wenn alle drei zutreffen und auch entsprechende Symptome auftreten, ist der Verdacht auf Burnout nahe liegend.
Wird ein Burnout-Patient ambulant oder stationär behandelt?
Das ist individuell verschieden. Hat eine Person noch genügend Selbsthilfepotenzial, reicht eine ambulante Behandlung, der Patient kann innerhalb von ein paar Wochen regenerieren. Wenn immer möglich nehme ich die Menschen nicht aus ihrem Arbeitsprozess, denn Burnout ist kein rein individuelles Problem, sondern auch ein betriebliches. Ich arbeite deshalb auch mit den direkten Vorgesetzten und den HR-Verantwortlichen zusammen, die zu einem grossen Teil für die Betriebskultur zuständig sind. Wenn es jedoch nötig ist, einen Patienten aus seinem Umfeld herauszunehmen, geht es meistens darum, dass er zu sich selber finden und sich ein neues Selbstbild erarbeiten muss. Das ist ein langer und mühsamer Prozess. Es kann durchaus notwendig sein, solche Patienten vorübergehend medikamentös zu behandeln.
Ansätze können Einzel-, Gruppengespräche oder auch eine Kunsttherapie sein, bei welcher der oft kopflastige Patient lernt, sich in anderen Formen als mit Worten auszudrücken. Bewegung und Sport sind ebenfalls wichtige Faktoren für die Genesung, weil der Patient zu einem gesunden Lebensstil zurückfinden muss. Auch das familiäre Umfeld ist eine einflussreiche Komponente, denn es sollte dem Patienten Rückhalt und Unterstützung geben können.
Kann Burnout vollständig geheilt werden oder bleiben Folgeschäden?
Bei einem chronischen Burnout kann es vorkommen, dass die Betroffenen fürs Leben gekennzeichnet sind. Sie finden nicht mehr in den Alltag zurück und müssen berentet werden. Burnout kann zwar jede Altersgruppe treffen, bei älteren Arbeitnehmenden geht es jedoch oft mit somatischen Symptomen, Verlust des Selbstvertrauens und Resignation einher. Solche Menschen wieder in den Arbeitsalltag zu integrieren, ist beinahe unmöglich.
Ausserdem ist Burnout nicht selten mit Alkoholproblemen verbunden. Bei chronischem Stress versuchen viele, sich mit Alkohol zu beruhigen. Der Griff zur Flasche ist jedoch sehr gefährlich, weil rasch eine Abhängigkeit entsteht. Vor allem Menschen mit starken Selbstzweifeln sind suchtgefährdet.
Sollten Führungskräfte offen zu ihrem Burnout stehen?
Diese Frage bringt mich in einen kleinen Konflikt. Einerseits will ich die psychischen Störungen entstigmatisieren, andererseits empfehle ich niemandem, öffentlich zuzugeben, dass er an Burnout leidet. Psychische Störungen sind ein Zeichen von Schwäche, und es ist ambivalent, in der Arbeitswelt Schwäche einzugestehen. Während die Mitarbeitenden den kranken Chef vermehrt als Menschen wahrnehmen und schätzen lernen, wird er von seinen Vorgesetzten schnell als wenig stressresistent abgestempelt. Unser Arbeitsethos ist auf unbegrenzte Leistungsfähigkeit ausgerichtet, und je höher jemand in der Hierarchie angesiedelt ist, desto stärker muss er sein.
Ich sehe meine Aufgabe darin, den Patienten das zu empfehlen, was für sie das Beste ist. Ich kann niemandem zumuten, über sein Burnout zu sprechen, nur damit psychische Störungen vermehrt öffentlich thematisiert werden. Allerdings gibt es immer wieder Patienten, die wollen ihre Arbeitskollegen über ihren Zustand informieren. In diesen Fällen überlegen wir gemeinsam, bei welcher Gelegenheit und in welcher Form die Ankündigung gemacht werden soll. Für viele Betroffene bedeutet ein solches Geständnis auch Erleichterung.