HR Today | 11/2007 | Text: Connie Voigt
Bruno Staffelbach ist Professor für Human Resource Management an der Universität Zürich. Zu seinen zentralen Anliegen zählen die Verknüpfung benachbarter Disziplinen wie Ökonomie und Psychologie sowie die Verbindung von Wissenschaft und Praxis. Um das angewandte HRM in Forschung und Lehre effektiver zu gestalten, sucht er neue Formen der Integration von wissenschaftlicher Praxis und praktischer Wissenschaft.
Herr Staffelbach, was sind die derzeitigen Defizite im HRM?
Professor Staffelbach: Die Defizite im HRM sind vielschichtig begründet. Beginnen wir in der Wissenschaft: Theoretiker arbeiten oft in ihren Gärtchen, ohne ihr Wissen mit anderen Bereichen auszutauschen. Das heisst, dass wir Forschung und Lehre zum HRM mit angrenzenden Fachbereichen wie Unternehmensstrategie, Management oder Psychologie und Arbeitsrecht besser vernetzen müssen. An der Universität Zürich haben wir die Möglichkeit, unterschiedliche Forschungsgruppen bewusst zusammenzubringen. Viele Forscher und Forscherinnen kennen sich gar nicht, obgleich sie an ähnlichen Projekten arbeiten. Ökonomen und Psychologen machen experimentell spannende Sachen, wovon die Praxis des HRM kaum etwas weiss. In Kolloquien, Tagungen, Seminaren oder beim Austausch von Dissertationsprojekten müssen wir die Grundlagenforschung mit der angewandten Forschung, die Welt der Wissenschaft mit der Welt der Praxis und verschiedene wissenschaftliche Disziplinen untereinander vernetzen.
Gilt das gleiche Vernetzungsprinzip für die Lehre?
Auf jeden Fall. Gerade in der Lehre sehen wir Diskrepanzen zwischen Wissenschaft und Praxis. Das HRM in der wissenschaftlichen Lehre ist anders als das HRM in der Praxis der Unternehmen. Beide können voneinander profitieren. Hier sehe ich meine Rolle als Professor für HRM ganz klar als Brückenbauer.
Auf welcher Grundidee bauen Sie diese Brücken?
Die Grundidee ist, dass wir Organisationen zur wissenschaftlichen Praxis, aber auch zur praktischen Wissenschaft aufbauen. Das Prinzip des «lebenslangen Lernens» braucht neue didaktische Formen weg von der Belehrungskultur hin zu einer neuen Lernkultur. Das ist eine Transformation, wie sie auch die aktuelle amerikanische Literatur zum allgemeinen Management angeht. Stellen wir eigentlich die richtigen Fragen in der Wissenschaft? Finden wir in der theoretischen Literatur wirklich Nützliches für die Praxis? Nutzt die Praxis die wissenschaftlichen Erkenntnisse? Bringen die Lehrenden hinreichend praktische Erfahrung mit, die Praktiker genügend wissenschaftliche Reflexion? Diese Fragen sollten eigentlich mit einem klaren Ja zu beantworten sein – sind sie aber nicht.
Wie füllen Sie dieses Loch?
Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. In diesem Herbstsemester zum Beispiel wurde ein Programm initiiert, das aus sechs Studentengruppen besteht. Jede Gruppe setzt sich aus fünf bis sechs Masterstudierenden zusammen. Übergeordnetes Ziel ist es, der Frage nachzugehen, wo und wie gross die Differenz zwischen Wissenschaft und Praxis ist und wie diese Differenz zu erklären ist. Geleitet wird das Programm von Frau Eva-Maria Nardei, einer Assistentin, die im Rahmen ihrer Dissertation zu dieser Thematik forscht.
Wie sehen die Fragestellungen aus?
Eine Grundfrage ist: Welches Wissen aus der Wissenschaft nutzt die Praxis? Weitere Fragen sind zum Beispiel: Wie ticken die Leute in Wissenschaft und Praxis? Wie unterschiedlich sind die beiden Kulturen? Welche Zeitschriften werden da gelesen, und decken die Zeitschriften die gleichen Inhalte ab oder andere? Warum? Welche Rolle spielt das wissenschaftliche Wissen in der Praxis des HRM? Welche unterschiedlichen Laufbahnen prägen das Bild des HR-Praktikers und des HR-Wissenschafters? Welche Laufbahn haben Sie, die Sie zum Engagement der Vernetzung führt? Mein persönliches Bild zur Praxis des HRM mache ich mir aus meinen Erfahrungen in der Führung von Wirtschaftsunternehmen, zum Beispiel als damaliger Verwaltungsrat der Bon-appétit-Gruppe, in der Führung von Wissenschaftsbetrieben, zum Beispiel als Vizepräsident des Universitätsrates der Universität Luzern, in der Führung beim Bund als Kommandant einer Infanteriebrigade oder im Austausch mit den HR Professionals als Mitglied des Vorstandes der Zürcher Gesellschaft für Personalmanagement. Meine Aktivitäten in allen diesen Bereichen veranlassen mich automatisch zum vernetzenden Denken.
Zurück zu Ihrem Masterstudierenden-Projekt: Wie verbinden sich dort konkret Wissenschaft und Praxis?
Jede der sechs Gruppen hat einen Gruppenchef, der oder die auch Masterstudierender ist. Im Vorfeld des Projekts bewerben sich die Interessenten mit Lebenslauf. Die Auswahlkriterien für den Gruppenchef sind eine Kombination der Erfahrung aus Wissenschaft und Praxis. Das ist selbsterklärend. Dann werden sie im Führen ihrer Gruppe angeleitet und begleitet. Im Verlaufe der Projektdauer von vier Monaten finden regelmässig Seminare statt. Damit sollen nicht nur Wissenschaft und Praxis verbunden werden, sondern auch Forschung und Lehre. Lernen und Forschen sind ja ganz analoge Tätigkeiten. In den Herbstsemestern forschen die Studierenden eher an Erkenntnisproblemen, in den Frühlingssemestern eher an Handlungsproblemen.
Beobachten Sie bei diesem Austausch während der Seminare bestimmte Differenzen zwischen Wissenschaft und Praxis?
Sicher. Wissenschaft und Praxis sind verschiedene Welten mit anderen Auffassungen von Praktikabilität, Präzision und Gültigkeit. Das heisst nicht, dass sie einander nichts zu sagen haben. Gerade im Gegenteil. Interessant ist zu beobachten, wie auf der Kommunikationsebene beziehungsweise auf der Begriffsebene ein unterschiedliches Vokabular angewendet wird, das im Grunde das Gleiche in beiden Bereichen ausdrückt, aber die Begrifflichkeit im jeweiligen Bereich erscheint so fremd, dass die Wissenschafter und Praktiker glauben, von anderen Dingen zu sprechen. Das ist eine wichtige Erkenntnis, um auf der Kommunikationsebene Brücken zu bauen.
Nach welchen Kriterien suchen Sie die Unternehmen aus, die an dem Projekt teilnehmen, und wie sieht diese Teilnahme aus – in der wissenschaftlichen Praxis?
Ich habe ein persönliches Netzwerk in der Wirtschaftspraxis, das mir einen guten Zugang zu verschiedenen Unternehmen gibt. Die Komplexität der Unternehmen muss hoch sein, damit sich die Aufgabenstellungen möglichst breit gefächert gestalten lassen. Ich lege zudem grössten Wert darauf, dass die Unternehmensvertreter in diesem Projekt keine verkappten Beratungsdienste sehen und in Versuchung kommen, es als solches zu missbrauchen. Ich lade auch die Praktiker ein, bestimmte Vorlesungen zu besuchen. Bei diesem ganzen Projekt bin ich lediglich der Faszilitator, denn bei der Präsentation der Studienergebnisse tragen die Studierenden selber vor. Und bei diesen Präsentationen vergeben sich die Kommilitonen in einem «peer appraisal» selber wechselseitig Noten. Auch die Feedbacks der Praktiker werden in die Beurteilung mit einbezogen. Damit resultiert ein 270-Grad-Feedback unter Miteinbezug der Akteure aus Wissenschaft und Praxis und aus Forschung und Lehre.
Infos zum Programm unter www.hrm.unizh.ch