der arbeitsmarkt | 11/12/2004 | Text: Anita Baechli

Baulärm in der Sonnenstube

Im Tessin sagt man, mit einem Maurer, der keinen Job finde, stimme etwas nicht. Ein neues Beschäftigungsprogramm hilft, das Vorurteil zu widerlegen.

Frühmorgens, wenn die Mehrzahl der Bürolisten noch unter der Dusche steht, besammelt sich eine Gruppe von Männern im «Übergwändli» auf der Waldlichtung einer Zwischenstation der Sesselbahn nach Mornera, der auf 1347 mü.M. gelegenen Aussichts-terrasse mit Blick auf die Region Bellinzona. Die Siedlung Curzútt, wo sich die Stiftung «Curzútt-SanBarnard» für die Erhaltung der Tessiner Landschaft engagiert, ist ihr derzeitiger Arbeitsplatz, ihr Arbeitgeber der Kanton.
«Monte Carasso, Fondazione Curzútt-San Barnard – PO formativo edilizia e genio civile» ist ein Beschäftigungsprogramm für Arbeitslose im Tessiner Baugewerbe. Für 15 Fach- und ungelernte Bauarbeiter bietet sich jeweils die Gelegenheit, eine Standortanalyse ihrer beruflichen Kompetenzen durchzuführen. Dies kombiniert mit einem praktischen Arbeitseinsatz und Weiterbildung unter fachlicher Führung. Zudem helfen sie mit, das Vorurteil zu widerlegen, mit einem Maurer, der im Tessin keinen Job finde, stimme etwas nicht.
Initiant dieses Beschäftigungsprogramms ist Athos Giusti, Alp-Transit--Delegierter der kantonalen Arbeitsvermittlungsstelle. Er hat im Sommer 2003 einen Massnahmenkatalog (Misure del percorso ATEGC) erarbeitet, der seit Anfang 2004 in Zusammenarbeit mit der Tessiner Sektion des Schweizerischen Baumeisterverbandes (SBV) angewandt wird. 139 stellenlose Bauarbeiter (Alp Transit, Hoch- und Tiefbau, Strassenbauamt) haben bislang davon profitiert. Die Platzierungsquote liegt bei beachtlichen rund 70 Prozent.
«Für einen Bewerber ohne Qualifikation, das heisst ohne Schul- oder Berufsausbildung, Arbeitspraxis und Führerschein, besteht in unserer Branche kein Bedarf», stellt Misha Bianchi, dipl. Ing. ETH des SBV, klar. Dennoch stösst das Beschäftigungs- und Ausbildungsprogramm bei den Betroffenen nicht immer auf Verständnis oder gar Dankbarkeit, sondern wird oft als Schikane empfunden. Dem möglichen Programmeinsatz voraus gehen drei halbe administrative Kurstage. Sie dienen der Curriculumerfassung und -optimierung, der Zielsetzung oder der Festlegung des weiteren Vorgehens. Ein vierter halber Tag dient dem Schlussrapport. Dazwischen liegen bis maximal sechs Monate Arbeit auf der idyllischen Alp Curzútt, einer Rustici-Siedlung mit Ziegel-dächern, Trockenmauern, ausgetretenen Wegen und Flussbetten, die saniert, repariert oder angelegt werden müssen.
Angeleitet werden sie vom Chefpolier Danilo Mocchio, dem Dritten im Bunde jener Männer, die sich mit Fachkompetenz, persönlichem Engagement und guten Ergebnissen im Rahmen des Percorso ATEGC für die Leute und deren berufliche Weiterentwicklung einsetzen. Qualität vor Quantität heisst das Prinzip. Fehlendes Know-how wird in praktischen Weiterbildungskursen vermittelt, Zeit wird keine vergeudet. Während des – in der Regel dreimonatigen – Einsatzes pflegt Bianchi nebst seiner Beratungstätigkeit für Arbeitssicherheit beim SBV die Beziehungen zu möglichen Arbeitgebern im Bausektor. Giusti wiederum kümmert sich nebst seinen Baustellenbesuchen um Effizienz in der Erreichung der Ziele seiner Zöglinge.
Idylle und Natur pur sowie ein täglich vom Team der Institution Fondazione Diamante in der dortigen Jugendherberge zubereitetes Drei-Gang-Menü, das ein herkömmliches Baustellenessen in den Schatten stellt und bei schönem Wetter auf der Aussichtsterrasse serviert wird – das tönt verlockend. Giuseppe, Stefano, Ferruccio und Enver, drei Italiener und ein Kosovare, sehen das jedoch etwas anders. Wenn sie schon hier oben von morgens bis abends fünf Tage die Woche «festgehalten» würden, dann solle ihr Einsatz doch bitteschön auch als Arbeit mit 100-prozentiger Entlöhnung gewertet werden, murren sie. Ausserdem seien die drei Monate Einsatz mehr als genug.
«Die fehlende Motivation ist unser grösstes Problem», räumt Vorarbeiter Mocchio ein. Doch SBV-Mitarbeiter Bianchi weiss: «Das Schlimmste an der Arbeitslosigkeit ist das tatenlose Herumsitzen zu Hause.»

 
 
 

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