der arbeitsmarkt | 11/12/2004 | Text: Nicole Glaser

Kreativität ist ansteckend

Auf dem Sulzer-Areal in Winterthur bietet die Künstlerin Susan Schoch seit zwei Jahren aussergewöhnliche Seminare für überlastete Kopfarbeiter an.

Wer die Kreativwerkstatt von Susan Schoch betritt, dem fallen sofort die farbigen Malspuren an den Wänden ins Auge. Spuren, wie sie entstehen, wenn man lustvoll über die Ränder der Papierbogen hinaus malt. An diesen Wänden werden Grenzen gesprengt.
1998 gründete Susan Schoch ihre Kreativ-werkstatt, seit zwei Jahren bietet sie Seminare zur Entdeckung der eigenen Kreativität auf dem Sulzer-Areal in Winterthur an. Hier, auf dem ehemaligen Fabrikgelände, entsteht derzeit eine neue kulturelle und städtebauliche Plattform. Es ist ein Umfeld, das nicht nur ideal zu Susan Schochs Kursidee passt, sondern auch zu ihrem künstlerischen Werk. Im grossen und hellen Raum stehen langwüchsige, fast verschrobene Gestalten mit koboldartigen Gesichtern herum. Einige Flugobjekte, eine Frau, die auf einer Katze reitet, die bunten fliegenden Teppiche – alles scheint in Bewegung in ihrer Werkstatt für Gedankenflüge und Kreativitätsschübe. «Der Humor und das Schalkhafte sind für mich Bindeglieder zwischen Luft und Erde», sagt die 56-jährige Künstlerin.

Intuitive Frauen, abstrakt denkende Männer

Das Spielerische verbunden mit Ironie und Witz fliesst auch in ihre Kursarbeit ein. Wie befreiend es sein kann, seine eigene erfinderische Seite zu entdecken, will Susan Schoch den Frauen und Männern an den Kurstagen vermitteln. Sie wendet sich an Menschen, die irgendwo im Aufbruch oder in einer Umbruchphase stecken, innerlich grau geworden sind durch zu viel Kopfarbeit, Stress oder auch die Angst um den Arbeitsplatz. «Viele fühlen sich angesprochen von der Auswahl an Ausdrucksmöglichkeitenin meinen Seminaren. Das ermöglicht das lustvolle Experimentieren mit den verschiedensten Kunsttechniken», beschreibt Susan Schoch Sinn und Zweck ihrer Kursprogramme.
Bewusst versucht sie bei den Teilnehmenden, die Vielfalt in Denkprozessen zu fördern. «In meinen Seminaren geht es mir um die Entfaltung von schöpferischem Potenzial.» Doch das Wissen über technische Vorgänge soll dabei nicht zu kurz kommen. Susan Schoch lässt niemanden einfach drauf-losbasteln. Gezielt zeigt sie auf, wie ein Resultat erreicht werden kann, mit welchen Materialien und welchem Werkzeug man am Ende zufrieden vor dem eigenen vollendeten Werk steht. Bei der Ausführung der einzelnen Schritte überwinden vor allem Frauen ihre Scheu vor Handwerk und Technik, was jedes Mal zu einem kleinen Erfolgserlebnis wird. Das Angebot wird denn auch mehrheitlich von Frauen gebucht, die aus den verschiedensten Berufs- und Altersgruppen kommen. Zahlreich vertreten sind Maltherapeutinnen, Lehrerinnen, Fachfrauen und Frauen aus der Verwaltung.
Vereinzelt interessieren sich auch Männer für Lektionen in den Bereichen Malen, Zeichnen, Skizzieren, Collagentechnik, Gipsen und Modellieren. Oftmals muss Susan Schoch während der Unterrichtsstunden feststellen, dass Frauen und Männer unterschiedlich vorgehen, wenn eine Idee umgesetzt werden sollte. Frauen gehen eher emotional und intuitiv an die Verwirklichung heran, während die Männer die Sache mit genauen Vorstellungen im Kopf anpacken. Susan Schoch führt dies auf die Sozialisation zurück: «Die Männer verfügen über eine viel bessere handwerkliche und technische Ausbildung. Sie besitzen eher die Fähigkeit, in abstrakten Zusammenhängen zu denken. Hingegen bleiben die Frauen oft im Figürlichen haften.» Dort will Susan Schoch mit ihren Kreativseminaren ebenfalls ansetzen, hilft Fähigkeiten und Eigenschaften in den Frauen wecken, die den Intuitionen auch wirklich Leben einhauchen können. «Bereits eine Skizze», weiss sie, «enthält alles, was man zur Verwirklichung benötigt.»

Spiralbrunnen und Stahlbogen

Susan Schoch selbst fand über viele Stationen zur Kunst. Wie bei einer Skizze zeichneten sich bereits schemenhaft ihre künstlerischen Ambitionen ab. Als Werbefachfrau startete die Winterthurerin ihre
Berufskarriere, besuchte auf dem zweiten Bildungsweg die Textilfachschule in Zürich und erlernte dort Textildesign. Nachträglich kamen noch Ausbildungen an der Kunsthochschule Zürich und an der Kunstschule F+F dazu.
Der Druck Richtung kreatives Ausleben von Ideen und Vorstellungen wuchs. Sie malte, stellte in Winterthur, Biel und Zürich aus, nahm in ihrer Heimatstadt an öffentlichen Wettbewerben teil – und gewann auf Anhieb. Ihr verspielter Spiralbrunnen vor einem Altersheim ist längst zu einem Treffpunkt von Kindern und
Betagten geworden; ihr mächtiger Bogen aus Stahl vor der Kirche Rosenberg zählt nicht nur optisch zu den herausragenden zeitgenössischen Kunstwerken in Winterthur.

25 Banker – ein Gemälde

Vor kurzem gewann Susan Schoch erneut den ersten Preis mit Gussobjekten für eine Schule. «Milkyway» nennt sie ihre Installation. Die Pausenverpflegung wie aus einem Guss! Doch von der Kunst alleine konnte auch sie auf die Dauer nicht existieren.
Daher suchte sie nach einer Geschäftsidee, wo sie gleichzeitig unabhängig sein und ihr Wissen über Kunst, Maltechniken und Handwerk im Austausch mit anderen vermitteln konnte. Die Idee einer Kreativwerkstatt war geboren.
Spätestens am «Team-Building Day» im vergangenen Jahr, als 25 Banker in einer gemieteten leeren Sulzer-Halle gemeinsam ein riesiges Gemälde erschufen, zeigt sich der Unterschied zu herkömmlichen Workshops mit einem Anspruch auf Kreativität. Hier werden Grenzen gesprengt – an den Wänden, am Boden und im Kopf. Keinesfalls will Susan Schoch «artig am Tischchen sitzen und nur die Hand bewegen, die mit einem Pinseli malt!».

 
 
 

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