der arbeitsmarkt | 01/2005 | Text: Stephan Dietrich

Zum Bubentraum bitte umsteigen!

Ob zu Recht oder zu Unrecht, Lokführer gilt noch immer als Traumberuf. Sicher ist, die Ausbildungsstellen sind heiss begehrt. Vor allem bei Umsteigern.

Hauptbahnhof Bern. 12.27 Uhr – eine Minute später als im Fahrplan vorgesehen – setzt  sich der Schnellzug D 2234 Richtung Biel in Bewegung. Im Führerstand Simone Häubi. Langsam schiebt sie den Hebel nach vorn, der 360-Tonnen-Doppelstockzug gewinnt an Fahrt, verlässt den Bahnhof und überquert die Aarebrücke. Mit im Führerstand ist Samuel Rudolf, Cheflokführer des Depots Bern, denn die junge Frau ist noch in Ausbildung. Das Gefühl, vorne in der Lok zu stehen, kennt sie allerdings von früher. Schon ihr Vater war Lokführer und nahm sie schon zu Fahrten mit, heute würden das die Vorschriften untersagen. Selbstverständlich gab es im Bähnlerelternhaus auch eine Modelleisenbahn, gespielt hat sie allerdings nicht damit. Ihr Bruder hat es ihr verboten. Die Idee, selbst einmal Lokführerin zu werden, war kein Mädchentraum.
Zuerst hat Simone Stettler, wie sie vor der Heirat geheissen hat, eine Lehre als Mechanikerin gemacht, später eine Zeit lang im Büro gearbeitet. Nach der Geburt ihrer Tochter hat sie den bezahlten Beruf an den Nagel gehängt und sich um Haushalt und Familie gekümmert. Jetzt, wo ihre Kinder mit zehn und elf Jahren schon
grösser sind, wollte sie einen Neuanfang wagen. Familiär bedingt hatte sie zur Eisenbahn schon immer eine enge Beziehung, eher zufällig ist sie dann auf den Lokführerkurs gestossen.
Die traditionell von Männern dominierten SBB wollen den Frauenanteil gezielt erhöhen, auch bei den Lokführern, respektive Lokführerinnen. «Traumjob Lokführerin», heisst es auf der SBB-Homepage. «Familiäre Pflichten und Freizeitgestaltung werden so flexibler und vielfältiger», mit solchen Worten versucht das SBB-Personalmarketing die Vorteile der unregelmässigen Arbeitszeit zu versüssen. Die familiären Pflichten werden zwar nicht flexibler, wenn man um vier Uhr früh zur Arbeit muss oder erst nach Mitternacht nach Hause zurück kommt, doch Simone Häubi hat Glück. Sie hat mit ihrem Ehemann einen hundertprozentigen Rollentausch vollzogen. Er bleibt zu Hause, während sie auf Strecke geht.
Beim Homepagetext für angehende männliche Lokführer fehlt übrigens der Hinweis auf die familiären Pflichten. Die SBB gehen offenbar immer noch davon aus, dass der Haushalt primär Frauensache ist. Ihre Ausbildung absolviert Häubi zusammen mit elf Männern. Für sie ist es kein Problem, sie fühlt sich von ihren männlichen Kollegen akzeptiert.  Um die Hemmschwelle für Frauen abzubauen, führen die SBB in Biel aber einen speziellen Ausbildungskurs nur für Frauen durch. Bis sie – rein von der Zahl her – aufgeholt haben, dürfte es dauern. Unter den 2360 Lokführerinnen und -führer sind gerade elf weiblichen Geschlechts.

Floristin, Pianist oder Geschichtsprofessor

Nach einem längeren Unterbruch bilden die SBB seit einigen Jahren wieder 60 bis 80 Lokführer jährlich aus. 900 haben sich letztes Jahr für den Traumjob beworben. Grundbedingung ist eine abgeschlossene Berufslehre oder die Matur. Maturanden hat es unter den Anwärtern allerdings nur wenige. Lokführer ist eine Zweitausbildung, das Durchschnittsalter liegt bei knapp über 30 Jahren. Unter den Bewerbern  finden sich vom Pianisten über den Landschaftsgärtner, den Goldschmied, die Floristin, den Piloten bis hin zum Geschichtsprofessor die unterschiedlichsten Berufe. «Es hat immer noch solche darunter, die sich ihren Bubentraum erfüllen, aber sie bilden eher die Ausnahme», beobachtet Peter Fankhauser, Leiter Zugführung der Filiale Bern.
Zu ihnen gehört Claudio Realini aus Muttenz. Dass er an der «Neuen Bahnhofstrasse» wohnt, ist Zufall, doch die Eisenbahn und der Lokführerberuf haben ihn schon immer fasziniert. Doch früher war für die Ausbildung zum Lokführer eine Lehre im technisch-mechanischen Bereich Vorbedingung. Realini hatte mit seiner kaufmännischen Ausbildung keine Chance. Später hat er bei einer Versicherungsgesellschaft gearbeitet und hat dann zur Swissair respektive Swiss gewechselt, wo er als Flight Attendant und Instruktor tätig war. Nach all den Turbulenzen hatte er von der Luftfahrt genug und wollte er seine Karriere auf sicheren Geleisen fortsetzen. Ein Grounding ist hier nicht zu befürchten. Die neue Aufgabe fasziniert ihn. «Am Anfang ist es wie beim Autofahren: Ich habe mich gefragt, wie ich das alles koordinieren soll, doch mit der Zeit geht es einem in Fleisch und Blut über», so schildert er die ersten Erfahrungen als Lokpilot.

Anstrengendes Theorie- und Vorschriftenpauken

14 bis 16 Monate dauert die «Zweitausbildung erster Klasse», noch vor wenigen Jahren waren es vier Jahre. Hauptgrund für diese Verkürzung: Um bei Störungen kleinere Reparaturen selbst ausführen zu können, musste ein Lokführer früher das Innenleben seiner Maschine genau kennen.  Bevor sie die Lizenz zum Lenken erhielten, mussten die Aspiranten monatelang in der Werkstatt arbeiten. Doch diese Zeiten sind vorbei. Bei modernen Loks übernimmt der Bordcomputer die Diagnose und hilft, falls möglich, bei der Behebung der Störung.
Simone Häubis Lieblingslok ist die 8300 PS starke Lok Re 460, Laien besser bekannt als Lok 2000. Der High-Tech-Führerstand ist  klimatisiert und der Sitz lässt sich flexibler einstellen als bei älteren Loktypen. Bei ihrer Grösse von 1,58 m ist das nicht ganz unwichtig. Das Totmannpedal erreicht sie so ohne Probleme. Es muss regelmässig gedrückt werden, sonst leitet die Lok selbsttätig eine Schnellbremsung ein.  
Fahren und manövrieren zu lernen sei relativ einfach,  bremsen und am richtigen Ort ruckfrei anhalten schon
etwas schwieriger, erklärt die angehende Lokpilotin. Viel anstrengender sei das Pauken der ganzen Theorie und der unzähligen Vorschriften. Am Ende ihrer Ausbildung darf Häubi auch Güterzüge fahren. Wie lange, ist allerdings ungewiss, denn der SBB-Rayon Bern, bei dem sie arbeitet, bildet eine Ausnahme. Im Rahmen der Divisionalisierung will die SBB-Führung auch beim Lokpersonal den Güter- klar vom Personenverkehr trennen. Nicht nur Neuling Simone Häubi, sondern gerade Berufskollegen mit langjähriger Erfahrung befürchten, dass ihre Arbeit dadurch monotoner werden könnte.
Pünktlich um 12.53 Uhr kommt der Zug in Biel an. 14 Minuten später geht es mit der gleichen Kombination zurück nach Bern. Auf der Rückfahrt steigen etwas mehr  Passagiere zu als auf dem Hinweg, besondere Ereignisse sind keine zu  verzeichnen. Maximal 125 km/h sind zwischen Bern und Biel erlaubt. Simone Häubi fährt zwar auch gerne schnelle Non-Stop-Intercity-Züge, doch hohe Geschwindigkeiten üben auf sie keinen besonderen Reiz aus. Einmal im Führerstand eines TGV oder ICE mit 300 km/h über (ausländische) Geleise zu flitzen, ist nicht ihr Traumziel.
Ganz anders Philippe Neuenschwander aus Basel. Er freut sich schon heute darauf, einmal einen Zug mit Tempo 200 auf der Neubaustrecke zwischen Rothrist und Mattstetten zu pilotieren. Vorläufig geht es bei ihm noch gemächlicher zu. Mit einer Rangierlokomotive hat er eben seine erste selbständige Fahrt hinter sich. «Irgendwie ist es wunderbares Gefühl, alleine mit einer solchen Lok zu fahren», berichtet er euphorisch. Ursprünglich hat Neuenschwander Krankenpfleger gelernt, doch schon mit 26 Jahren wollte er etwas Neues, ganz anderes machen. «Ich wollte eher etwas Technisches lernen. Es musste nicht unbedingt Lokführer sein, das war nie mein Bubentraum.» Entsprechend locker ist er an die Prüfungen gegangen. Er hat bestanden, musste aber mehrmals miterleben, wie für gescheiterte Kandidaten beinahe eine Welt zusammengebrochen ist.

Eine Million Kilometer bis zur Pensionierung

Sein Umfeld hat unterschiedlich auf seine zweite Berufswahl reagiert. Gleichaltrige Kollegen und Freunde haben sich eher gewundert und den Kopf geschüttelt,  Anerkennung gab es von Leuten aus der Generation seiner Eltern: «Bei ihnen verfügt der Lokführer noch über ein ganz anderes Prestige.»
Prestige hin oder her. Der gute Lohn während der Ausbildungszeit war für Neuenschwander mit ein Grund, Lokführer zu lernen. Zwischen 48000 und knapp 60000 Franken gibt es während der Lehrzeit, gleich nach der Ausbildung sind es je 9000 Franken mehr. Der Maximal-lohn liegt bei 91300 Franken, dazu kommt, wie bei den obigen Beträgen, eine Ortszulage.
Genau nach Fahrplan fährt Simone Häubi um 13.34 Uhr den D 2252 im Bahnhof Bern ein. Samuel Rudolf hatte an der Fahrt seiner Aspirantin nichts auszusetzen oder zu korrigieren. Er ist zuversichtlich, dass sie die
restlichen Prüfungen bestehen wird. Simone Häubi freut sich schon heute, wenn sie im Februar zum ersten Mal
einen Zug alleine fahren darf. Bis zu ihrer Pensionierung wird sie vermutlich über eine Million Kilometer zurücklegen. Angst, dass es ihr dabei langweilig wird, hat sie keine. «Je nach Jahreszeit und Wetter sieht eine Strecke immer wieder anders aus.» Sie hat nicht vor, nochmals den Beruf zu wechseln.

 
 
 

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