der arbeitsmarkt | 01/2005 | Text: Stephan Dietrich
Immer mehr Berufstätige vollziehen während ihres
Arbeitslebens freiwillig oder unfreiwillig einen Neuanfang. Viele suchen dafür professionellen Rat, zum Beispiel bei Claire Barmettler. Sie arbeitet
seit 18 Jahren als Berufs- und Laufbahnberaterin – und will es bleiben.
«der arbeitsmarkt»: Frau Barmettler, Sie arbeiten seit 18 Jahren als Berufsberaterin. War das schon immer Ihr Traumberuf?
Claire Barmettler: Nein, in meiner Jugend wollte ich Ärztin oder Lehrerin werden. Ich hatte mich bereits zum Medizinstudium angemeldet, aber die Perspektive, als Assistenzärztin einmal einen 200-Prozent-Job zu haben, hat mich dann doch abgeschreckt. Indem ich Kurse gebe oder Seminare leite, habe ich mir den Berufswunsch Lehrerin zum Teil verwirklichen können.
Was hat Sie am Beruf «Berufsberaterin» besonders gereizt?
C.B.: Der intensive Kontakt mit jungen und älteren Menschen, mit ihnen zusammen zu arbeiten, sie zu begleiten, zu beraten und zu motivieren.
Welche Leute nehmen Ihre Hilfe in Anspruch?
C.B.: Etwa ein Viertel sind Jugendliche oder junge Erwachsene, die vor der ersten Berufs- oder Studienwahl stehen. Die anderen sind Erwachsene, die sich beruflich neu orientieren wollen oder müssen.
Ist es häufiger ein Wollen oder ein Müssen?
C.B.: In letzter Zeit immer öfter ein Müssen. Entweder haben die Leute bereits ihre Stelle verloren oder sie
haben Angst, dass sie bei der nächsten Reorganisation rausfliegen. Andere Leute, die zu mir in die Beratung kommen, halten es an ihrer Arbeitsstelle schlichtweg nicht mehr aus. Sie wissen, dass es so nicht weitergeht, aber sie wissen nicht, welchen Weg sie einschlagen sollen. Wenn dann auch noch private oder gesundheitliche Probleme dazukommen, ist das Mass des Erträglichen voll. Die Leute sind aus der Balance geraten und suchen Hilfe.
Verhalten sich Männer und Frauen in einer solchen Krisensituation unterschiedlich?
C.B.: Männer versuchen eher, solche Situationen allein zu meistern. Sie haben Hemmungen, Hilfe von aussen
zu holen. Frauen dagegen greifen zunächst auf ihr soziales Netzwerk zurück. Vor allem Wiedereinsteigerinnen zögern hingegen, auf ein Inserat zu antworten, wenn sie nicht alle verlangten Kriterien erfüllen. Männer verhalten sich diesbezüglich viel offensiver.
Wie läuft eine Laufbahnberatung konkret ab?
C.B.: Zuerst machen wir eine Standortbestimmung. Wir schauen, was jemand gelernt und bisher gemacht hat, wo die Stärken und Schwächen liegen und welches die wichtigsten Interessen sind. Was jemand wirklich kann, was seine effektiven Fähigkeiten sind, ist im Vergleich zu früher viel wichtiger geworden. Sich selber richtig einzuschätzen, ist jedoch anspruchsvoll und mit viel Arbeit verbunden. Im Verlaufe eines solchen Prozesses kommt es zuweilen schon vor, dass jemand an seinem Selbstbild Korrekturen anbringen muss. Es gibt Leute, die sich bis Mitte vierzig nie richtig mit sich selbst auseinander gesetzt haben und nun plötzlich merken, dass sie sich bisher etwas vorgemacht haben. Am Schluss dieser Auseinandersetzung muss jemand in der Lage sein, sich selbst überzeugend zu präsentieren.
Welche Rolle spielen die Berufswünsche oder gar Träume?
C.B.: Traumberufe und Wunschvorstellungen sind ganz wichtig. Viel schwieriger ist es mit Personen, die gar
keine Träume oder Ideen haben. Konkret arbeiten wir mit einer Liste der beruflichen Tätigkeiten in der Schweiz. Daraus erstellt der Kunde eine Art Hitparade. Da kann Ärztin, Journalist oder Schauspielerin draufstehen, auch wenn diese Berufe realistischerweise nicht in Frage kommen. Wir versuchen herauszufinden, was jemand an einem Beruf so faszinierend findet und ob man diese Vorstellungen nicht auch in einem anderen Berufsfeld oder in der Freizeit verwirklichen kann. Umgekehrt versuchen wir, Ressourcen aus dem Freizeitbereich für den Beruf zu nutzen.
Wie geht der Prozess weiter?
C.B.: Die nächste Phase besteht darin, sich über verschiedene Berufsziele zu informieren. Anschliessend setzt sich die Person konkrete Ziele. Sie weiss: Dorthin kann ich, dorthin will ich, aber dazu brauche ich zum Beispiel noch eine Weiterbildung. Sie erkennt, was realisierbar ist, und weiss über die Sonnen- wie die Schattenseiten Bescheid.
Wie haben sich die Chancen umzusteigen oder einen Neuanfang zu wagen in den letzten Jahren verändert?
C.B.: Es gibt nicht unbedingt weniger Möglichkeiten als früher, aber man findet sie nicht mehr so leicht. Vor
einigen Jahren konnte man warten, bis man das passende Inserat in der Zeitung gefunden hatte, und dann sagen: Das nehme ich. Wenn heute jemand einen neuen Weg einschlagen will, muss er viel mehr Schritte unternehmen, auf die Leute zugehen, selber aktiv werden.
Die Zeiten der lebenslangen Stellen sind vorbei. In den letzten Jahren haben auch immer mehr ältere hochqualifizierte Personen ihre Stelle verloren und müssen sich beruflich neu orientieren. Wie erleben Sie als Beraterin solche Situationen?
C.B.: Solchen Personen begegne ich häufig, vor allem bei Outplacementberatungen. Da sind Personen darunter, die sich in ihrem Leben noch nie haben bewerben müssen. Mitte 40 oder Anfang 50 ist das natürlich eine ungewohnte und schwierige Situation. Manche von ihnen haben sich vielleicht fachlich regelmässig weitergebildet, aber den persönlichen Teil und den Umgang mit anderen Mitarbeitern vernachlässigt. Wiederum
andere haben sich auf die Arbeit konzentriert und sich kaum weitergebildet.
Findet sich immer eine Lösung?
C.B.: Es findet sich fast immer eine Möglichkeit, aber beim derzeit angespannten Stellenmarkt nicht immer im Wunschberuf. Manchmal muss jemand als Übergangslösung auch eine Stelle annehmen, die mehr ein vorübergehender Job als ein Beruf ist, die aber die Gelegenheit bietet, sich weiter umzuschauen und später das Passende zu finden.
Gibt es Regeln oder Tipps für einen erfolgreichen Neuanfang?
C.B.: Ob freiwillig oder unfreiwillig: Wichtig ist, dass man mit anderen darüber redet und nicht verschweigt, dass man auf Stellensuche ist. Ich erinnere mich an einen Mann, der nicht einmal seiner Frau sagte, dass er die Stelle verloren hatte.
Und abgesehen von solchen Einzelfällen?
C.B.: Man muss ehrlich zu sich selbst sein und sich genügend Zeit nehmen. Es tönt vielleicht paradox, weil Leute, die ihre Arbeit verloren haben, möglichst schnell wieder eine Stelle finden wollen. Trotzdem sollte man nicht in einen blinden Aktivismus verfallen und wild «herumweibeln». Damit kann man wertvolle Kontakte gefährden, die man später nicht mehr nutzen kann. Auch einfach den nächstbesten Job anzunehmen, erweist sich häufig als Flop.
Sie selbst – haben Sie manchmal den Wunsch, ganz etwas anderes zu machen, oder werden Sie Ihren Beruf bis ans Ende Ihrer beruflichen Laufbahn ausüben?
C.B.: Ich habe das Glück, einen Beruf zu haben, in dem ich mich dauernd entwickeln kann und in dem sich auch die Arbeit immer wieder verändert. Dies wird auch in Zukunft so bleiben. Früher war ich in einer öffentlichen Berufsberatung angestellt. Heute arbeite ich selbständig, bin Geschäftsführerin, Buchautorin,
Dozentin und vieles mehr. Mein Wunsch ist es, dass ich meine Faszination für die Berge noch mehr ausleben kann – dies aber in meiner Freizeit.