der arbeitsmarkt | 06/2006 | Text: der arbeitsmarkt
Zehn Jahre «der arbeitsmarkt»
Fünf Fragen an Thomas Sterchi, Mitbegründer des «arbeitsmarkts»
Vor zehn Jahren erschien der erste «arbeitsmarkt» – die damalige «AAM-Agenda». Wie kam es dazu?
Thomas Sterchi: Zusammen mit dem Werber Alfi Maurer aus Solothurn hatte ich das Beschäftigungsprogramm «Kommunikation zum Thema Arbeitsmarkt und Innovation» ins Leben gerufen. Das damalige Biga meldete sich bei uns, als es darum ging, ein begleitendes Kommunikationsmittel zum Aufbau der Logistik arbeitsmarktlicher Massnahmen (LAM) zu konzipieren. Zuerst war ich davon gar nicht begeistert, war doch mein Fokus innerhalb des Themas eher auf «Innovation», «Unternehmensgründung» und «Selbständigkeit» gerichtet. Nach einem ersten Treffen mit Rolf Kurath von der Firma Econcept – Partner und Inhaber von Econcept und Projektleiter von LAM war übrigens der heutige Zürcher Stadtpräsident Elmar
Ledergerber – fing ich jedoch Feuer. Da war ein komplett neuer kleiner Wirtschaftszweig im Entstehen – wenn auch vor dem bedauerlichen Hintergrund der schlechten Konjunkturlage und der wachsenden Arbeitslosigkeit. Es galt, Personal für die RAV zu suchen, Bereiche und Themen für die Beschäftigungs- und Weiterbildungsprogramme zu definieren, die jeweiligen Anbieter zu bestimmen, und das Ganze musste ja auch noch finanziert und vor allem politisch richtig eingebettet werden. Dieser Wirtschaftszweig brauchte ein Fachmedium, und somit war die «AAM-Agenda» geboren.
Worauf sind Sie im Rückblick besonders stolz?
Nach dem ersten Treffen bei Econcept entstand innerhalb von nur zwei Monaten die erste vollwertige Ausgabe der «AAM-Agenda» auf Deutsch und Französisch. Name, Konzept und Heftstruktur sowie Layout wurden in kürzester Zeit erarbeitet. Irene Tschopp, die spätere Chefredaktorin, schrieb als Neueinsteigerin ins Redaktionsgeschäft die erste Ausgabe praktisch im Alleingang, Renato Ferrara, auch heute noch Art Director des «arbeitsmarkts», gestaltete das ganze Heft in kürzester Zeit. Ich war mit dem Resultat mehr als zufrieden.
Gab es in der Anfangszeit auch unangenehme Überraschungen?
Die grösste Herausforderung war und ist es noch heute, die regelmässige Herausgabe einer professionellen Fachzeitschrift mit der Durchführung eines allen Anforderungen entsprechenden Programms zur vorübergehenden Beschäftigung zu vereinen. Gerade bei den Teilnehmenden der ersten Stunde gab es einige sehr belastete Personen, welche mehr persönliche und psychologische Betreuung benötigt hätten. Das führte zu einigen überraschend unangenehmen Erlebnissen. Doch ich möchte auch eine positive Überraschung erwähnen. Als die Konjunktur Ende der 90er-Jahre wieder zu einem höheren Drehmoment auflief, rechnete ich damit, dass das seco die Aktivitäten im LAM- und RAV-Bereich massiv herunterfahren und damit unserer Zeitschrift den Todesstoss versetzen würde. Das geschah jedoch nicht.
Unser PvB wurde mitttlerweile von rund 260 Personen besucht. Welche Begegnung ist Ihnen in bleibender Erinnerung?
Ich erinnere mich an viele tolle Begegnungen und sehe viele fröhliche und liebenswürdige Gesichter vor mir. Aber egal, wie gut man zusammengearbeitet hat und wie stark man sich angefreundet hat: Es war immer nur auf Zeit – auf kurze Zeit. Was wir zusammen aufgebaut hatten, konnten wir nie zusammen fortsetzen. Manchmal kam ich mir vor wie der «Highlander» im gleichnamigen Film: Unsterblich hat er alle überlebt.
Was wünschen Sie dem «arbeitsmarkt»?
Dass wir unseren Leserinnen und Lesern wie auch den Programmteilnehmenden auch in Zukunft Unterstützung anbieten und Wegweiser sein können in ihrer beruflichen Lebensgestaltung.
«Kritisch und zuweilen unbequem»
Die erste Redaktionsleiterin Irene Tschopp blickt zurück auf eine bewegte Zeit.
Das Projekt wurde 1996 als Programm zur vorübergehenden Beschäftigung vom Verein für Arbeitsmarktkommunikation in Zürich mit dem damaligen Biga ins Leben gerufen, um die Pilotphase der neu geschaffenen Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) journalistisch zu begleiten. Zielpublikum waren in erster Linie die Arbeitsmarktbehörden in der ganzen Schweiz, welche über die Erfahrungen mit dem revidierten Arbeitslosenversicherungsgesetz (AVIG) informiert werden sollten. Die Zeitschrift nannte sich anfangs «AAM-Agenda», Aktive Arbeitsmarktliche Massnahmen-Agenda.
Dabei ging es darum, verschiedene Aspekte der Umsetzung der AVIG-Reform kritisch zu beleuchten und nicht etwa Hofberichterstattung zu machen. Das kritische Hinterfragen, wie es die Aufgabe des Journalismus ist, wurde vom Lesepublikum jedoch nicht immer verstanden. Dass ein durch die Arbeitslosenversicherung finanziertes Projekt unbequeme Fragen zur Tätigkeit der Arbeitsmarktbehörden stellt, schien einigen unangebracht. Die Materie des AVIG ist komplex, und eine der Schwierigkeiten des Programms war, mit wechselnder Besetzung der Redaktion ein qualitativ hochstehendes Produkt zu erstellen. Bis eine Vertrautheit mit dem Thema bestand, war die Einsatzzeit der Teilnehmenden jeweils beinahe vorbei.
Aber auch andere Aspekte des Projektes waren eine Herausforderung. Einige Teilnehmende des Programms hatten Mühe damit, über Arbeitslosigkeit zu schreiben und selber davon betroffen zu sein. Anderen half gerade die journalistische Auseinandersetzung mit der Materie, aus einer anderen Optik, das heisst von verschiedenen Blickwinkeln, über Arbeitslosigkeit zu berichten.
Wichtiger Grundsatz war immer, möglichst nahe an der Arbeitsmarktrealität zu arbeiten, das heisst, sich an Deadlines halten zu müssen, Textkritik zu hören, Inputs an den Redaktionssitzungen zu liefern. Für einige war dies mit der Erkenntnis verbunden, nicht für diese Tätigkeit geeignet zu sein, anderen half es, dank aktuellen Textproben den (Wieder-)Einstieg in den Journalismus zu schaffen. Schöne Erfolgsbeispiele sind jene von Teilnehmenden, die im Programm erstmals journalistisch tätig waren und den Einstieg bei der NZZ, dem «BUND» oder dem Schweizer Fernsehen schafften.
In guter Erinnerung habe ich die Dynamik, die sich jeweils in den verschiedenen Zusammensetzungen des Redaktionsteams ergab: Erfahrene übernahmen gerne eine Art Götti-Funktion für Neulinge im Journalismus, halfen beim Redigieren der Texte oder begleiteten auch mal an eine erste Medienkonferenz.
Mit der Zeit hat sich das Themenspektrum der Zeitschrift erweitert, nicht mehr nur der so genannte zweite Arbeitsmarkt war Ziel der Berichterstattung, sondern auch Trends und Entwicklungen im regulären Arbeitsmarkt. Diese thematische Entwicklung war auch in gewisser Weise eine Folge der veränderten Ausgangslage; die öffentliche Stellenvermittlung hatte ihre Pionierphase abgeschlossen, war bemüht, sich stärker zu vernetzen mit den privaten Stellenvermittlern und den Arbeitgebern. Die Publikation hat ihren Namen zweimal gewechselt: Ab 1999 hiess sie «AM-Agenda» und seit 2002 schliesslich heisst sie «der arbeitsmarkt».
Heute ist «der arbeitsmarkt» zehn Jahre alt. In dieser Zeit entwickelte sich die Arbeitslosigkeit von ihrem Rekordniveau im Jahre 1997 sehr rasch zurück, im Zuge des Internet-Booms entstanden neue Tätigkeiten und Stellen, die sich jedoch häufig als nicht nachhaltig erwiesen. Bis zum weltweiten konjunkturellen Einbruch im Herbst 2001 schien Arbeitslosigkeit kaum noch ein Thema zu sein.
Das Auf und Ab der Konjunktur und der rasche wirtschaftliche Wandel verändern die Anforderungen in der Arbeitswelt. Die Zeitschrift hat von ihrer Aktualität nichts eingebüsst. Arbeit ist und wird zentrales Thema bleiben, das alle beschäftigt.