der arbeitsmarkt | 05/2006 | Text: Alex von Däniken

Die grossen Auswirkungen des kleinen Unterschieds

Werden Frauen und Männer in RAV-Gesprächen gleich behandelt? Hängen die Verhaltensweisen der RAV-Beratenden davon ab, ob ihnen eine Frau oder ein Mann gegenübersitzt? VSAA und seco luden zu einer Tagung, um für das Thema Gender zu sensibilisieren. Ein Erlebnisbericht.

Es ist der 23. März 2006, kurz vor 9 Uhr an einem trüben Donnerstagmorgen in Olten. Im Kongresshotel treffen sich Teilnehmende aus der Nordwestschweiz, vor allem RAV-Mitarbeitende und Arbeitsamtsleiterinnen aus den Kantonen Basel-Stadt und Baselland, Luzern, Aargau, Solothurn und Freiburg, zu einer Tagung mit dem Thema Gender. Gender ist der Fachbegriff für das soziale Geschlecht von Männern und Frauen. Es ist ein Sammelbegriff von gesellschaftlichen Verhaltensunterschieden und Rollen der beiden Geschlechter in Alltag und Beruf.

Hemmschwellen werden spielerisch abgebaut

Die Organisatoren vom Verband der Schweizerischen Arbeitsämter (VSAA) und des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco) haben Kaffee und Gipfeli zur anfänglichen Stärkung vorbereitet. An einem Stehtisch nippt Regina Hasler an ihrem Kaffee. Die Personalberaterin vom RAV Baden hat sich für den Nachmittags-Workshop «Teilzeitarbeitende Männer» eingeschrieben. Unter Gender kann sie sich noch nicht viel vorstellen, sie erhofft sich aber einiges vom Workshop. «Männer, die Teilzeit arbeiten möchten, sehen sich mit ähnlichen Barrieren konfrontiert wie vor zehn Jahren die Frauen», hat sie erfahren. «Ich habe schon erlebt, wie Männer sogar von den eigenen Frauen oft nicht ernst genommen werden, wenn auch sie ihren Teil zu Kindeserziehung und Haushalt beitragen wollen.»
Regina Hasler und die anderen Teilnehmer werden für die Eröffnungsrede in den Saal gebeten. Gut 50 Interessierte nehmen auf ihren Stühlen Platz, worauf Irene Wuillemin, Bildungsbeauftragte des VSAA, ihre Begrüssungsrede hält. Sie wird abgelöst durch Tagungsmitorganisatorin Lilo Henkel, Ausbilderin vom Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) Aarau. Henkel erklärt den Austausch unter allen RAV-Mitarbeitenden zum Thema Gender zum Tagesziel. So will sie im Namen der Organisatoren sicherstellen, dass eine gleiche Behandlung von Frauen und Männern in der Beratung gewährleistet wird. Auf die Frage, ob jede und jeder Anwesende wisse, was Gender sei, antworten die meisten nur mit einem zögerlichen Nicken. Der folgende Auftritt der Theatergruppe Maralam soll Licht ins Dunkel bringen.
Maralam ist eine Gruppe des Forum-Theaters, das ohne Bühne oder Vorhang, mit Hilfe des Publikums ein Thema oder Problem behandelt. Der Moderator erklärt die Grundszene: «Frau Kellenberger ist Personalberaterin beim RAV und gestresst. Am Telefon hat sie eine Frau, die ihren Besprechungstermin verschieben möchte. Währenddessen sitzt im Wartezimmer eine junge ausländische Frau, die auf ihr Gespräch mit Frau Kellenberger wartet. Zu allem Übel will auch noch Herr Wiederkehr spontan ohne Termin mit Frau Kellenberger reden. Das ist die Ausgangssituation. Ihr, wertes Publikum, könnt ein bisschen Gott spielen. In einer ersten Phase könnt ihr Einfluss nehmen auf alle und alles bis auf Frau Kellenberger. Mit einem Stopp-Ruf könnt ihr eure Vorschläge einbringen.»
Mit zunehmender Spieldauer verändert sich die Atmosphäre im Saal von skeptisch-verhalten zu engagiert-lebhaft. Zahlreiche Vorschläge aus dem Publikum lassen Frau Kellenberger ruhiger und konzentrierter werden. Und als der Moderator verkündet, dass nun in einer zweiten Phase Frau Kellenberger selbst verändert werden kann, ist das ganze Publikum mit Eifer dabei: «Sie hat völlig falsch reagiert.» «Das würde ich ganz anders lösen.»
Unters Publikum hat sich auch Daniel Luginbühl, LAM-Koordinator im seco, gemischt. Auch er hat einen Vorschlag zum Verhalten von Frau Kellenberger. Das Publikum ist begeistert, als
Luginbühl, der nie RAV-Berater war, die Rolle der Frau Kellenberger übernimmt.
In einer kurzen Pause um halb elf Uhr erklärt mir die Schauspielerin Dagmar Kossow, die die Rolle der Frau Kellenberger spielt, das Forum-Theater: «Durch diese Form des Theaters erreichen wir die Leute auf verschiedensten Ebenen. Dadurch, dass wir sie spielerisch in das Problem oder Thema integrieren, fällt vieles leichter. So versteht das Publikum besser, und Hemmschwellen werden abgebaut.» Kossow, die schon seit fünf Jahren auch in grossen Betrieben wie Novartis
auftritt, gefällt das heutige Publikum: «Es macht sehr gut mit, und das macht auch uns Spass!»
Nach dem Theaterspiel wird die Personalfachfrau Anna Zumbrunn als Referentin aufgerufen. In ihrer kurzen Rede erklärt sie, wie sich Gender im Alltag auswirkt und wie man Gender begegnen sollte: «Gender ist kein Synonym für Gleichmacherei, sondern eine Aufforderung, sich des unterschiedlichen Verhaltens von Männern und Frauen bewusst zu sein.»

Wenn Teilzeitarbeit nicht ins Männlichkeitsbild des Chefs passt

Nach dem Mittagessen – Geschnetzeltes und Nüdeli – verteilen sich die Tagungsteilnehmenden in die verschiedenen Workshop-Zimmer. Ich entscheide mich für Workshop G: «Teilzeitarbeitende Männer», der von der freien Journalistin Verena Gassmann geführt wird. In diesem wie auch in den anderen Workshops steht auf DVD ein zum jeweiligen Thema passender Videoausschnitt bereit. Im fünf Minuten kurzen Filmchen hat ein Ingenieur vor zwei Jahren sein Arbeitspensum auf 80 Prozent reduziert, weil er Vater wurde. Im jährlichen Mitarbeitergespräch mit dem Chef wird klar, dass dieser mit dem Teilzeitpensum seines Ingenieurs Mühe hat. Nicht weil der Ingenieur schlechtere Arbeit abliefert, sondern weil ein Mann, der sich teils um Familie und Haushalt kümmert, für den Chef irgendwie komisch ist. Zu alledem scheinen die Arbeitskollegen des Ingenieurs ebenfalls Mühe mit dessen reduzierter Anwesenheit zu haben.
Im intimen Kreis des Workshops G wird konstruktiv und engagiert gearbeitet. Nicht zuletzt, weil zwei männliche Teilnehmer selber 80 Prozent arbeiten. In der Diskussion wird ein grosser Unterschied zwischen zwei RAV festgestellt. Während unter Mauro Tomeo vom baselstädtischen RAV fast alle Teilzeit arbeiten, gibt es in einem anderen RAV keine einzige Teilzeitstelle. Auch hier könnten Verbesserungen stattfinden. Die Zeit im Workshop ist viel zu kurz, und so wird schnell noch eine Präsentation vorbereitet, bevor sich alle wieder im Hauptsaal treffen.
Nach den Präsentationen im grossen Saal sind sich nicht nur die Organisatoren einig, dass die heutige Tagung ein Erfolg war. So meint Regina Hasler vom RAV Baden: «Mir hat der Workshop sehr gut gefallen. Die Leiterin war kompetent und das Thema interessant. Leider war die Zeit ein bisschen zu knapp bemessen.» Auch für Astrid Gutzwiller vom RAV Pratteln war der ganze Tag lehrreich. Ihr Vorschlag: «Das müsste man häufiger machen. Ich kann kaum erwarten, meine Arbeitskolleginnen und -kollegen über Gender aufzuklären.»

 
 
 

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