der arbeitsmarkt | 1/2/2007 | Text: Daniel Suter
Viele Deutsche, die in die Deutschschweiz ziehen, gehen davon aus, dass hier alles ähnlich läuft wie in Deutschland. Einmal angekommen, sind sie über die Unterschiede in der Alltagskultur überrascht.
«In der Schweiz dauert es nach einem Vortrag oft eine Weile, bis überhaupt Fragen gestellt werden. Man reisst hier nicht gleich den Arm hoch und stellt möglichst aggressive Fragen, wie das in Deutschland der Fall ist», erzählt Erik Petry, der ursprünglich aus Kassel stammt und zurzeit als Assistent am Institut für Jüdische Studien an der Uni Basel arbeitet. Dass es sich in der Schweiz bezüglich Streit- und Diskussionskultur etwas anders als in Deutschland verhält, sieht man auch eindrücklich bei den Unterschieden in der politischen Kultur – im Vergleich zu den geharnischten Diskussionen im Deutschen Bundestag wirken selbst die heftigsten Debatten im Schweizer Nationalrat geradezu zahm.
Gerade auch im Bereich der Geschäftsmentalität zeigen sich solche Unterschiede deutlich: Christopher Steckel, Münchner, Anwalt bei der KPMG in Zürich, erlebt es als sehr positiv, dass überall die Suche nach Konsens im Vordergrund steht: «So gibt es bei Geschäftsverhandlungen weder vollständige Gewinner noch vollständige Verlierer und am Ende können alle sagen, das ist ein guter Deal.» Regula Besl, Zuständige für Deutschland bei der Standortmarketingorganisation Greater Zurich Area AG, fasst es pointiert zusammen: «Die Schweizer sind weniger von einer Einzelkämpfermentalität geprägt.» Im Gegensatz zu Deutschland werde in der Schweiz Wert auf so genannte Coopetition gelegt, das heisst, es wird enger mit eigentlichen Wettbewerbsgegnern zusammengearbeitet, als das in Deutschland der Fall ist. Christopher Steckel schreibt dies der Kleinheit des Landes und der beschränkten Grösse des Arbeitsmarktes zu: «Hier zieht man einen Geschäftspartner nicht so rasch über den Tisch, weil man weiss, dass man ihn nicht nur einmal im Leben trifft, sondern zehnmal oder gar jeden Tag am Paradeplatz. Und deshalb geht man miteinander vorsichtiger, respektvoller und nachhaltiger um.»
Neben der Kleinheit des Landes dürften aber auch noch historische Faktoren eine Rolle für die Phänomene Konsensorientierung, Höflichkeit und Verbindlichkeit spielen. So ist sicherlich die weit zurückreichende föderalistisch-demokratische Tradition von zentraler Bedeutung, wie sie sich in der Suche nach einem Ausgleich zwischen den Interessen der verschiedensten Parteien, Konfessionen, Regionen immer wieder manifestierte. Für Jens-Rainer Wiese ist denn auch der Begriff «Willensnation» von grosser Bedeutung, um die Schweiz besser zu verstehen: «Auf gut Deutsch heisst das doch, die Schweizer strengen sich an, um zusammen zu bleiben, weil sie genau wissen, dass sie sonst schon morgen in 26 Einzelstaaten und übermorgen in 3500 Fürstentümer in Gemeindegrösse zerfallen würden.»
In diesen Kontext gehört wohl auch die von vielen Deutschen beobachtete höfliche Reserviertheit vieler Schweizer gegenüber Unbekannten, die manchmal auch als Steifheit oder Kühlheit erlebt wird. «Freundliche Offenheit ist immer da, aber zugleich auch eine abwartende Haltung im Sinne von: Schauen wir mal, was das für ein Deutscher ist und wie er reagiert», sagt Christopher Steckel.
Passend zu Konsens und Reserviertheit gibt es in der Schweiz eine Kultur der Bescheidenheit, die sich nicht nur auf die zwinglianisch und calvinistisch geprägten Gebiete der Schweiz beschränkt und die sich sogar sprachlich in der häufigen Verwendung der Diminutivformen widerspiegelt. Mit Besitz und Fertigkeiten wird in der Schweiz nicht gern geprahlt. Lieber stellt man verbal sein Licht unter den Scheffel und zeigt dafür in der Praxis, was man draufhat.
Da die meisten Deutschen, die für eine gewisse Zeit in der Schweiz leben, überrascht sind, wie unerwartet unterschiedlich die Alltagskultur – allen Ähnlichkeiten zum Trotz – dennoch sein kann, muss man davon ausgehen, dass sie offenbar vorher nicht viel über die Schweiz erfahren haben. «Es besteht ein massives
Informationsdefizit in Deutschland bezüglich der Schweiz», meint Erik Petry. «Die Schweiz ist ein ganz stereotyp besetztes Land, für das man sich im Normalfall nur interessiert, wenn man in den Urlaub fährt.» Das bestätigt auch Christopher Steckel: «Letztendlich ist die Schweiz für die Deutschen – vor allem auch für die Kriegsgeneration – ein idealisierter Ort mit fast paradiesischem Charakter: friedlich, geordnet, sauber, diszipliniert. Das mag einige dazu verführen, vor allem wenn sie noch keinen Kontakt mit Schweizern hatten, zu denken: Na ja, die sprechen ja auch alle Deutsch, das ist etwa so, wie wenn ich von Hamburg nach Oberbayern gehe.»
Die Einsicht, dass dem nicht so ist, kommt vor allem mit der Sprachbegegnung. Zum einen müssen sich die Deutschen an die vielen Helvetismen in der Schweizer Schriftsprache gewöhnen. So erstaunt es auch nicht, dass Jens-Rainer Wiese in seinem Weblog den sprachlichen Irritationen viel Raum gibt. Der aus Düsseldorf stammende Kulturwissenschaftler Michael Kühntopf wurde durch seine Übersiedlung ins aargauische Widen sogar dazu inspiriert, ein Sach- und Sprachlexikon der Schweiz zu schreiben. Welcher Deutsche ahnt beispielsweise, dass es sich bei Finken im Kindergarten nicht um Vögel, sondern um Hausschuhe handelt oder dass die Schweizer den Besen zum Wischen und nicht zum Fegen oder Kehren brauchen?
Viele Deutsche erleben es als etwas Neues, dass mit dem Dialektgebrauch in der Schweiz keine sozialen Abgrenzungen gemacht werden, wie das in Deutschland oder Österreich oft noch der Fall ist. Dafür dient der Dialekt in der Schweiz der «nationalen» Abgrenzung, denn Deutsche machen immer wieder die irritierende Erfahrung, dass der Dialekt von zentraler Bedeutung ist, um sich gegenüber ihnen abzugrenzen, egal aus welcher Region sie stammen oder welchen Beruf sie ausüben. So erzählt Erik Petry, dass er es zu Beginn seines Aufenthaltes in der Schweiz erlebt habe, wie ein Berner eisern seine Fragen an ihn auf Berndeutsch wiederholte, obwohl er merken musste, dass sein deutsches Gegenüber Mühe hatte, Berndeutsch zu verstehen.
Umgekehrt gibt es aber auch noch eine subtilere Form der Abgrenzung: Sowohl Erik Petry als auch Jens-Rainer Wiese erwähnen diesbezüglich das Phänomen, dass ein grosser Teil der Schweizer im Gespräch mit einem Hochdeutsch sprechenden Deutschen automatisch vom Dialekt ins Hochdeutsch wechsle, selbst wenn ihnen klar gesagt worden sei, dass man Schweizerdeutsch verstehe. Christopher Steckel empfand es daher jeweils als eine persönliche Ehre, wenn Schweizer Bekannte dazu übergingen, im Gespräch mit ihm nur noch Dialekt zu brauchen.
Wenn sich nun aber ein Deutscher die Mühe nimmt, einen Dialekt zu lernen – zum Beispiel in einem Schweizerdeutschsprachkurs –, so gerät er alsbald in eine Zwickmühle. Einerseits wird erwartet, dass er Schweizerdeutsch lernt, andererseits sollte er auf keinen Fall einen deutschen Akzent aufweisen – denn der klingt in Deutschschweizer Ohren unerträglich; ganz im Gegensatz zu den Akzenten der Italienisch- und Französischsprachigen, die man als charmant empfindet. Trotz dieses Double-bind-Konflikts scheint der Wunsch, sich den Dialekt anzueignen, gross genug zu sein, so dass die Migros-Klubschule in Zürich dazu überging, Schweizerdeutschkurse für Deutschsprachige anzubieten.
Doch nicht nur der Dialekt dient der Abgrenzung, auch im Gebrauch des Hochdeutschen erleben Deutsche immer wieder, dass die Schweizer die eigenen Sprechfähigkeiten in der Standardsprache explizit kleinreden, und dies nicht immer nur im Sinne des Understatements. Dies hängt wohl zu einem beträchtlichen Teil mit dem Schulsystem zusammen, wo das Pauken des korrekten «Schriftdeutsch» oft genug zu einer mühseligen Pflichtübung wird. Während die Kinder in der Freizeit beim Spielen in fast akzentfreiem Hochdeutsch in die Rollen ihrer Lieblingsfiguren aus dem deutschen TV schlüpfen, hapert es in der Schule oder im Umgang mit Deutschen. Hugo Loetscher plädiert deshalb auch für ein grösseres Selbstbewusstsein der Schweizer im Umgang mit ihrem Hochdeutsch helvetischer Prägung. Statt sich der Helvetismen zu schämen, wäre es doch angebrachter, sie als eine Bereicherung der deutschen Sprache zu sehen. Ein Blick über die östliche Landesgrenze hinweg nach Österreich zeigt ja auch, dass man seine dialektgeprägte hochdeutsche Variante durchaus mit Selbstbewusstsein sprechen kann.
Sowohl Erik Petry als auch Jens-Rainer Wiese ärgern sich, wenn Schweizer im Gespräch scheinbar lobend meinen: «Ach, ihr Deutschen könnt ja so gut reden!» Das sei zum einen einfach Unfug, da sie sehr wohl viele eloquente Schweizer kennen würden und es in Deutschland viele Menschen gebe, die kaum einen geraden Satz zustande brächten. Zum anderen sei es aber auch ein problematisches Scheinlob, hinter dem sich oft Abgrenzungen und Vorurteile verbergen würden, im Sinne von: «Ihr Deutschen seid arrogant und habt eine grosse Klappe.»
Somit erleben die Deutschen auf verschiedenen Ebenen Abgrenzungen; Abgrenzungen, die sie aber nicht ganz nachvollziehen können, da sie doch mit sehr positiven Vorstellungen in die Schweiz kommen. Nicht umsonst gibt es in Deutschland kein Schimpfwort für die Schweizer. «Das berühmte Wort Kuhschweizer kennt in Deutschland niemand; das kennen nur Schweizer», erklärt Jens-Rainer Wiese. Im Gegensatz dazu kennt man das Wort «Sauschwabe» in der Schweiz sehr gut und braucht es auch.
«Deutsche müssen erst einmal damit fertig werden, dass sie in der Schweiz als Ausländer wahrgenommen werden, auch wenn sie selber die Schweiz aufgrund der verwandten Sprache und Kultur gar nicht als das wahrnehmen», schreibt Werner Koller dazu. Man kann also sagen, dass das Bewusstsein bezüglich der Unterschiede nicht gleich verteilt ist: Während man von Schweizer Seite her die Differenzen kultiviert, werden sie in Deutschland eher ignoriert. Dies führt zu teilweise irritierenden Erkenntnissen, wie beispielsweise bei Erik Petry, der meinte: «Ich habe mich nirgendwo so auf mein Deutschsein fixiert gefühlt wie in der Schweiz; nicht einmal in Israel, wo ich längere Zeit gelebt habe.»
Es scheint, als ob die grosse Nähe der Sprache und Kultur bei den Deutschschweizern zu einem übersteigerten Abgrenzungsbedürfnis führen würde. Zum einen spielen gewisse Minderwertigkeitsgefühle gegenüber dem grossen Bruder eine Rolle, zum anderen wirken aber sicherlich auch immer noch gewisse Ängste vor dem aggressiven, übermächtigen Nachbarn im Norden aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges nach. Es wurden zwar schon zur Zeit der Gründung des zweiten deutschen Kaiserreiches 1871 antideutsche Ressentiments spürbar, doch so richtig zum Feindbild der «Schwaben» kam es erst durch die NS-Diktatur und die in der Schweiz als Gegenpropaganda lancierte «geistige Landesverteidigung».
Neben Kleinbruderkomplexen und alten Ängsten muss man aber auf einer psychologischen Ebene wohl auch von einem projizierten Schatten sprechen. Dinge, die man an sich selbst nicht mag, hasst man am anderen umso mehr. Es erstaunt daher auch nicht, dass viele Welschschweizer und Tessiner ähnliche Vorurteile den Deutschschweizern gegenüber haben, wie diese den Deutschen gegenüber hegen.
Ausdruck der erwähnten gegenseitigen Wahrnehmungsdiskrepanz zwischen Deutschen und Schweizern ist auch die Tatsache, dass es in jeder grösseren deutschen Stadt einen Schweizerverein oder Schweizerclub gibt, während es in der Schweiz keinen einzigen Deutschenverein gibt – mal abgesehen von der «Sachsengruppe Zürich», die aber ganz dem Namen entsprechend kein Verein für Deutsche im Allgemeinen ist.
Ein wichtiger Grund dafür liegt darin, dass Deutschland von der Schweiz aus in kurzer Zeit erreichbar ist. Die Deutschen, die es in der Schweiz nach einem gut gezapften Pils gelüstet oder die mal wieder in Ruhe ein Länderspiel mit Gleichgesinnten schauen möchten, fahren ganz einfach über die Grenze ins nahe Deutschland.
Doch mit der verstärkten Einwanderung von Deutschen seit dem Inkrafttreten des Personenfreizügigkeitsabkommens scheinen sich ein grösseres Bewusstsein der Unterschiede und eine wachsende Nachfrage nach Zusatzinformationen über den nahen Nachbarn abzuzeichnen. Das zeigt einerseits das Interesse an Wieses Weblog, andererseits wird es aber auch durch den Erfolg dreier
Publikationen der letzten Jahre verdeutlicht: Thomas Küngs «Gebrauchsanweisung für die Schweiz» von 1996 erschien 2004 in der 7.Auflage und Susann Sitzlers «Grüezi und Willkommen. Die Schweiz für Deutsche», 2004 das erste Mal erschienen, erlebte bereits die 3.Auflage. Leserkommentare machen dabei deutlich, dass viele Deutsche tatsächlich froh sind über solche Gebrauchsanweisungen für die Schweiz. Da aber über das Lesen allein nicht alle Fragen beantwortet werden können und vor allem so mancher Frust nicht abgeladen werden kann, entstanden in der letzten Zeit auch vermehrt informelle «Stammtische» und «Treffpunkte» für Deutsche in der Schweiz – quasi Selbsthilfegruppen für Schweizgeschädigte.
Parallel zu einem wachsenden Bewusstsein bei den Deutschen über die Andersartigkeit der Schweiz befindet sich aber auch die Schweiz, samt ihrer Beziehung zu den Deutschen, in einem schleichenden Veränderungsprozess.
Da ist zum einen die zunehmende Zahl von Ostdeutschen, die in der Baubranche oder im Service tätig sind und die oft so gar nicht dem Klischeebild der Deutschen entsprechen, so dass eingefleischte Vorurteile ins Wanken geraten und ein Wissen zu wachsen beginnt, dass nicht alle Deutsche so fürchterlich deutsch sind.
Zum anderen aber verändert sich offenbar auch die Schweizer Mentalität. So konstatiert die in Berlin lebende Schweizerin Susann Sitzler einen allmählichen Prozess der «Entschweizerung» und eine schleichende Europäisierung, die sie mit den durchlebten Identitätskrisen (Stichwort Schweiz im Zweiten Weltkrieg) und dem Generationenwechsel in Verbindung bringt. Und der ehemalige Schweiz-Korrespondent der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», Konrad Mrusek, stellt im «Tages-Anzeiger» im Rückblick auf seine 17-jährige Tätigkeit in der Schweiz fest: «Ob in Zürich, Zug oder Bern – das Land strotzt geradezu vor Selbstsicherheit.
Sogar die Autos, die früher nie so protzig waren wie in Deutschland, sind nun grösser und stärker.»