Mittwoch, 04.07.2012
Bern (sda) Der ehemalige Gewerkschafter Serge Gaillard wird per 1. Oktober neuer Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung. Damit übernimmt nach kurzem Unterbruch erneut ein Sozialdemokrat das mächtige Amt. Gaillard ersetzt Fritz Zurbrügg, der ins Direktorium der Schweizerischen Nationalbank wechselt.
Sie habe den 57-jährigen Ökonomen Gaillard aus 33 sehr guten Bewerbern ausgewählt und dem Bundesrat zur Wahl vorgeschlagen, sagte Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf am Mittwoch vor den Medien in Bern.
Die Finanzministerin zeigte sich beeindruckt von den fachlichen, sozialen und kommunikativen Fähigkeiten des aktuellen Leiters der Direktion für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO). "Ich brauche starke Mitarbeiter, die auch eine Gegenmeinung vertreten können", sagte Widmer-Schlumpf mit Blick auf das Parteibuch Gaillards.
Der ehemalige Zentralsekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) ist wie Ulrich Gygi und Peter Siegenthaler, die nacheinander zwischen 1989 und 2010 die Finanzverwaltung führten, SP-Mitglied.
Sie lese ihre Mitarbeiter nicht nach Parteizugehörigkeit sondern nach ihren Fachkompetenzen aus, betonte die Bundesrätin. Und Gaillard stellte klar: "Ich bin von der Bundespräsidentin angestellt und nicht von der SP".
Auf eine Journalistenfrage zu seinem Verhältnis zur EU – die SP bejaht den EU-Beitritt offiziell – markierte Gaillard Distanz: Ein Blick über die Grenze zeige, wie wichtig es sei, dass ein Land genügend Spielraum für seine eigene Finanzpolitik besitze.
Als 18-Jähriger sei er sogar Mitglied bei den Trotzkisten gewesen, räumte Gaillard ein. Immerhin habe dies dazu geführt, dass er sich schon in jungen Jahren mit Ökonomie auseinandergesetzt habe.
Seit Beginn der 1980er Jahre hätten sich seine Anliegen aber grundsätzlich nicht verändert, sagte Gaillard. Sowohl als Gewerkschafter wie auch als Leiter der Direktion für Arbeit beim SECO habe er sich stets für Vollbeschäftigung und starke Sozialversicherungen eingesetzt.
Als Direktor der Finanzverwaltung warten einige Herausforderungen auf den Ökonomen: Widmer-Schlumpf nannte als Beispiele den Finanzausgleich, die Unternehmensbesteuerung, die ökologische Steuerreform oder ein neues Führungsmodell in der Bundesverwaltung. Zudem müssten Modelle für Schuldenbremsen bei den Sozialversicherungen geprüft werden.
Gaillard begann seine Karriere als Berufsschullehrer in Zürich. Es folgten Stellen als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Zürich und der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich.
1993 wechselte Gaillard zu den Gewerkschaften: Bis 1998 war er geschäftsführender SGB-Sekretär, bevor er zum Leiter des SGB-Zentralsekretariats aufstieg. Zwischen 1998 und 2006 amtete Gaillard zudem als Bankrat der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und fast gleichzeitig (2001 – 2006) als Mitglied der Wettbewerbskommission.
Per 1. Februar 2007 wagte die wirtschaftspolitische Stimme der Gewerkschaften dann den Sprung ins SECO. Seither leitet Gaillard die Direktion für Arbeit, wo er unter anderem die Revision der Arbeitslosenversicherung verteidigen musste. Der Vater zweier erwachsener Töchter ist geschieden und lebt in Zürich.